Dr. Erna R. Fanger und Hartmut Fanger MA

Seit über 25 Jahren erfolgreiche Dozenten für Kreatives und Literarisches Schreiben, Fernschule, Seminare, Lektorat

Gedanken zum Corona-Virus

© Erna R. Fanger

„Die Liebe in den Zeiten der Cholera“    –   Versuch einer Ermutigung

„... er wollte schlicht schildern, was man in den Heimsuchungen lernen kann, 

nämlich daß es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.“

Albert Camus: „Die Pest“

Unsere Gesellschaft des Anthropozäns, wo der Mensch als größter Einflussfaktor gilt, ist auf Fortschritt und Selbstoptimierung bedacht, dabei Krankheit, Verfall und Tod ausblendend. Nun vom Corona-Virus bedroht, scheint er jäh aus vermeintlicher Sicherheit gerissen. Die Reaktion: Angst einerseits, Ignoranz und Kritik an damit einhergehender Hysterie andererseits. Schon seit dem 14. Jahrhundert, wo in Europa die Pest grassierte und in Paris in der darstellenden Kunst das Genre „Totentanz“ entstanden ist, sind, beginnend mit Boccaccios „Decamerone“, Seuchen Gegenstand der Literatur. Wobei im ‚Totentanz’ Krankheit und Gesundheit, Leben und Tod, nicht als Gegensatz, sondern als zusammenhängende Einheit zum Tragen kommen. Insofern bietet die dahinterstehende Haltung Lösungsansätze durchaus auch für den Menschen des 21. Jahrhunderts. Giovanni Boccaccio wiederum markiert mit seinem „Decamerone“ (entstanden ca. 1348-1353) den Beginn europäischer Erzähltradition. Wobei sich nach überstandener Pest sieben Frauen und drei junge Männer in einem Landhaus in einem Vorort von Florenz zusammenfinden und sich in zehn Tagen hundert stark erotisch gefärbte Geschichten erzählen, um sich gegenseitig Trost zuzusprechen, Hoffnung zu spenden.

Neben den hier vorgestellten Literaturen zum Thema gibt es zahllose Weitere. Erst im März letzten Jahres erschien posthum von der im Januar davor verstorbenen Jugendbuchautorin Mirjam Pressler „Dunkles Gold“. Basierend auf einem archäologischen Fund 1998 in Erfurt – über 3000 Silbermünzen, geprägt zwischen 1346 und 1353, Gold-und Silberschmuckstücke, nachweislich aus jüdischem Besitz und offenkundig 1349 versteckt, dem Jahr, in dem das so genannte Pestpogrom gegen Juden in Erfurt stattfand. Im Klappentext von Klaus-Peter Wolfs 2010 erschienem Roman „Todesbrut“ wiederum heißt es „Eine Fähre irrt über die Nordsee und darf nirgendwo anlegen. An Bord befindet sich eine tödliche Gefahr. Sie könnte von jedem aus-gehen. Auf einer beliebten Urlaubsinsel formiert sich eine Bürgerwehr: Kein Neuankömmling soll die Insel mehr betreten. Dabei ist die Bedrohung schon längst dort. Die Bundeswehr riegelt eine Kleinstadt an der Küste ab. Niemand darf mehr ins Sperrgebiet. Und niemand darf mehr hinaus. Aber ob das noch etwas nützt? Es geschieht etwas völlig Unberechenbares, das jegliche Gesellschaftsordnung außer Kraft setzt. Wann kommt es zu uns?“ Übrigens erschien im selben Jahr von Philip Roth „Nemesis“, Roman über den Ausbruch einer Polioepidemie 1944 in New Jersey, wo ein Lehrer von Schuld zerfressen wird, weil er meint, einen Schüler angesteckt zu haben. In „Das Glück der anderen“ (2003) von Steward O’ Nan wird im Zuge des Ausbruchs einer Seuche der Sheriff, Leichenbestatter und Pastor Jacob Hansen vor die Entscheidung zwischen der Verantwortung für die Gemeinschaft und der Rettung seines privaten Glücks gestellt. Impulse, was zählt im „Ernstfall“, gehen vornehmlich von Alber Camus in „Die Pest“ aus: Verbundenheit, Liebe, Zusammenhalt. Das Thema von der heiteren Seite betrachtet, lesen wir nach bei García Márquez in „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“. 

Entscheidend scheint uns, was für eine Haltung wir jetzt einnehmen. Und vielleicht könnte dieser Virus ja, so komplex und schwierig in unserer globalisierten Welt sich das ausnimmt, die Funktion haben, diesen Planeten und seine Bewohner zur Besinnung zu bringen. So betrachtet, mag sich dies auch auf die Stärkung unseres Immunsystems auswirken, das Vertrauen in unsere Abwehrkräfte festigen. Das sollten wir im Auge behalten. Albert Camus zum Beispiel stattet seinen Protagonisten in „Die Pest“ mit einer solch konstruktiven Haltung, die dazu beigetragen haben mochte, dass er überlebt hat, aus. Ein Grund mehr den Roman – zugleich Allegorie auf die Nazizeit in Frankreich – (wieder mal) zur Hand zu nehmen. 

 

Bleiben Sie achtsam, heiter & behütet – schreiben Sie JETZT!

fanger & fanger 

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Literatur

 

Aus Thomas Mann: „Der Tod in Venedig“, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005:

Es war die vertraute Fahrt über die Lagune, an San Marco vorbei, den großen Kanal hinauf. Aschenbach saß auf der Rundbank am Buge, den Arm aufs Geländer gestützt, mit der Hand die Augen beschattend. Die öffentlichen Gärten blieben zurück, die Piazzetta eröffnete sich noch einmal in fürstlicher Anmut und war verlassen, es kam die große Flucht der Paläste, und als die Wasserstraße sich wendete erschien das Rialto, prächtig gespannter Marmorbogen. Der Reisende schaute und seine Brust war zerrissen. Die Atmosphäre der Stadt, diesen leis fauligen Geruch von Meer und Sumpf, den zu fliehen es ihn so sehr gedrängt hatte, wie sehr sein Herz an dem allen hing? (...)

In der vierten Woche seines Aufenthaltes auf dem Lido (...) erschien es ihm, als ob bei steigender Jahreszeit die Frequenz seines Gasthofes eher ab- als zunähme, und insbesondere als ob die deutsche Sprache um ihn her versiege (...) Eines Tages dann fing er beim Coiffeur (...) im Gespräch ein Wort auf, das ihn stutzig machte. Der Mann hatte einer deutschen Familie erwähnt, die soeben nach kurzem Verweilen abgereist war, und setzte plaudernd und schmeichelnd hinzu: „Sie bleiben, mein Herr; Sie haben keine Furcht vor dem Übel.“ Aschenbach sah ihn an. „Dem Übel?“, wiederholte 

er. Der Schweizer verstummte, tat beschäftigt, überhörte die Frage. Und als sie dringlicher gestellt ward, erklärte er, er wisse von nichts und suchte mit verlegener Beredsamkeit abzulenken.

 

 

Aus Albert Camus: „Die Pest“,Paris 1947 (dt. 1949) , rororo, Reinbek 1998

(…) Aber es scheint wirklich, daß es die Pest ist.“ (…) Mitten in dem (...) Aufruhr ihres Herzens hatte eine Stimme nicht aufgehört, diese (...) heimgesuchten Menschen zu wecken und ihnen zuzuraunen, daß sie ihre wahre Heimat wiederfinden müßten. Für sie alle befand sich die wahre Heimat jenseits der Mauern dieser erstickten Stadt.

Sie war in den duftenden Sträuchern auf den Hügeln, im Meer, in den freien Ländern und im Gewicht der Liebe. Und zu ihr, zum Glück, wollten sie zurück (...) Er [Dr. Rieux] dachte, daß es nicht darauf ankommt, ob diese Dinge einen Sinn haben, sondern nur darauf, welche Antwort der Hoffnung den Menschen erteilt wird. (...)Wenn 

es etwas gibt, das man immer ersehnen und manchmal auch erhalten kann, so ist es die liebevolle Verbundenheit mit einem Menschen. Das wußten sie jetzt. (...) Rieux 

 

sah (...) andere, die sich im schwindenden Licht auf der Schwelle der Häuser mit aller Kraft umarmten und sich hingerissen anblickten; sie hatten erhalten, was sie wollten, weil sie das einzige verlangt hatten, was von ihnen abhing. Und als Rieux in Grands und Cottards Straße einbog, dachte er, es sei gerecht, daß die Freude wenigstens von Zeit zu Zeit die belohne, die sich mit dem Menschen begnügen und mit seiner armseligen, gewaltigen Liebe.

 

Aus Gabriel García Márquez: „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1985

[Florentino Ariza hatte 51 Jahre, 9 Monate und 4 Tage auf seine große Liebe Fermina Daza gewartet. Schon als 18jähriger hatte er sich in sie verliebt. Nun, im hohen Alter, ist der Weg plötzlich frei und Ariza fährt mit der Frau seines Lebens,  auf einem Schiff der Karibischen Flußgesellschaft den Magdalenenstrom hinauf (...)]

Der Kapitän (...) sei verpflichtet, Fracht, Passagiere, Post und vieles mehr zu befördern (...) Über all das könne man sich hinwegsetzen, wenn ein Pestfall an Bord sei. Dann nämlich werde das Schiff unter Quarantäne gestellt, die gelbe Fahne aufgezogen, und es herrsche der Ausnahmezustand.  Kapitän Samaritano hatte das mehrfach  wegen der vielen Cholerafälle im Flussgebiet durchexerzieren müssen (...) Übrigens sei die gelbe Pestflagge in der Geschichte des Flusses auch oft gehisst worden, um Steuern zu entgehen, einen unerwünschten Gast nicht aufnehmen zu müssen oder unliebsame Kontrollen zu vermeiden. Florentino Ariza fand unter dem Tisch Fernina Dazas Hand (...) Also legte die Nueva Fedilidad im Morgengrauen des nächsten Tages ab, ohne Fracht und Passagiere, aber mit der gelben Choleraflagge, die fröhlich am Hauptmast flatterte (...)  Eines Nachts wachte Fermina Daza (...) auf (...) und ihr kam spät der Gedanke, dass Paris vielleicht nicht so grau war, wie sie es empfunden hatte, und sich in Santa Fé vielleicht nicht so viele Trauerzüge durch die Straßen bewegten. Der Traum anderer zukünftiger Reisen mit Florentino Ariza tauchte am Horizont auf: verrückte Reisen ohne die vielen Koffer und ohne gesellschaftliche Verpflichtungen: Liebesreisen. (...) 

Sie fühlten sich nicht ... als frisch verliebtes Paar und schon gar nicht als späte Liebende. Es war, als hätten sie den harten Leidensweg des Ehelebens übersprungen, um ohne Umwege zum Kern der Liebe vorzudringen. Sie lebten dahin wie zwei alte, durchs Leben kluggewordene Eheleute, jenseits der Fallen der Leidenschaft, jenseits des grausamen Hohns der Hoffnungen und der Trugbilder der Enttäuschungen: jenseits der Liebe. Denn sie hatten genug zusammen erlebt, um zu erkennen, dass die Liebe zu jeder Zeit und an jedem Ort Liebe war, jedoch mit der Nähe zum Tod an Dichte gewann. 

 

Fünf Jahre www.schreibfertig.com

KREATIV-LITERARISCHES, PROFESSIONELLES SCHREIBEN Wir praktizieren: Kreatives Schreiben – Literarisches Schreiben – Schreiben für Sachmedien – Kreativitätstraining für Autoren auf Fernschulbasis und professionellem Niveau .Mehr im Blog 

Tausendundeine Nacht

Vom Orient zum Okzident

Wer sich selbst und andre kennt,

Wird auch hier erkennen:

Orient und Okzident

Sind nicht mehr zu trennen.

Goethe: „Westöstlicher Divan“

 

Spätestens seit der Flüchtlingskrise herrschen jede Menge Vorbehalte, Angst und Skepsis gegenüber allem, was aus dem Orient nach Europa drängt. Mehr siehe Blog   

Hier die Datei zum Herunterladen:

Tausendundeine Nacht - Vom Orient zum Okzident
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1. November 2017:

 

Herzlichen Glückwunsch Jan Wagner zum Büchner- Preis 2017!

Seit 1952  wird der Georg-Büchner-Preis, derzeit höchstdotierter Literaturpreis für deutschsprachige Autoren, jährlich von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt verliehen. Die Preisträger bilden eine so lange wie illustre Liste renommierter Schriftsteller. Darunter Namen wie  Carl Zuckmayer, Anna Seghers, Gottfried Benn, Marie Luise Kaschnitz, Erich Kästner und Max Frisch oder Hans Magnus Enzenzberger, Ingeborg Bachmann, Günter Grass, Heinrich Böll, Thomas Bernhard, Peter Handke, Christa Wolf, Martin Walser, um hier nur einige der schillerndsten aufzuführen.

 

Nicht viel mehr steht dem die Liste der literarischen Auszeichnungen nach, die Jan Wagner für sein noch verhältnismäßig junges Werk erhalten hat.... Mehr siehe Blog

 

 Hier die Datei Herzlichen Glückwunsch Jan Wagner zum Büchner-Preis 2017! zum Herunterladen:

 

Herzlichen Glückwunsch Jan Wagner zum Büchner-Preis 2017!
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28. September 2017 Nachlese zum G20–Gipfel: Der Protest der Bürger – packend und bunt, kreativ und friedlich!

Was angesichts der Bilderflut über die Gewalt im Schanzenviertel unterging:

Der G 20 Gipfel hat uns alle bewegt. In den Medien bleibt jedoch meist ein negatives, von Gewalt geprägtes Bild zurück. Die Mehrheit der Aktionen war das Gegenteil: friedlich, bunt und kreativ.

Mehr ...

 

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