Sämtliche Beiträge  der Poet's Gallery seit Juli 2013 befinden sich im  Archiv als Download 

Poet’s Gallery Beitrag Oktober 2019

Barbara Rossi

Barbara Rossi ist Autorin. Neben Lyrik schreibt sie auch Kurzprosa, Sachtexte und veröffentlicht in Zeitschriften ihre Arbeiten auch als Audiodatei auf ihrer Website. Sie organisiert regelmäßig Lesungen und liest zu Musikimprovisationen. 

2018 erschien im tredtion verlag Hamburg. „Wenn die Nacht kommt in Manhattan. Gedichte zu Dritt“, das Sie zusammen mit Renate Haußmann und Christiane Maria Luti geschrieben hat. Außerdem hält Sie Vorträge zu den Themen; Lebensverkürzende Erkrankungen, Tod und Trauerbewältigung nach dem Tod eines Kindes. Sie lebt und arbeitet in Hamburg.                            https://www.facebook.com/barbararossi.de/

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Kein Ort so still wie in mir

 

Kein Ort so still wie in mir. Dabei sollte ich klagen. Nicht lachen oder verneinen. Ich hatte mir doch ein anderes Leben gewünscht. Nein, ich wollte nicht Superman sein, oder Mutter Theresa, oder wie meine Nachbarin, die einen fetten Porsche fährt – aber heute kam die Wende. Draußen im Garten, meine üblichen Gäste, eine reine Freude, sie immer wieder begrüßen zu dürfen. Viel besser, als meine Kollegen begrüßen zu müssen. Aber ich wollte von der Wende erzählen. Heute dachte ich, und ich weiß nicht, warum: Wäre mein Leben nicht schöner, wenn ich ein Büro hätte. Ein kleines Zimmer mit einem Fenster, das mir einen Ausschnitt präsentiert, sobald ich den Kopf hebe. Ich sehe Wolken ziehen, das wechselnde Wetter und denke darüber nach, wie klein ich gemessen an den Wolken bin. In meinem Büro habe ich viel zu tun. Aber das stört mich nicht. Ich sitze hinter dem Tisch, habe einen Laptop darauf stehen. Ein leeres Word-Dokument ist geöffnet und ich warte. Im Winter, wenn es geschneit hat, bilden sich unter meinen Schuhen dunkle Pfützen, die ich erst bemerke, wenn ich wieder nach Hause gehe. Was ich damit sagen will, ich bin so vertieft, dass mich nicht mal dieses schwarze Nass unter meinen Schuhen aus der Fassung bringt. Gegen neun Uhr tritt der erste Kunde in mein kleines Büro. Schüchtern setzen sich die meisten auf die äußerste Kante des braunen, abgeschabten Bürostuhls. Ich wollte für die Einrichtung nicht so viel Geld ausgeben, müssen Sie wissen. Nach Überwindung der ersten Schüchternheit fließen die Wörter wie eine geplatzte Regenrinne auf mein Word-Dokument. Ich schreibe mit und höre zu, aber ich achte immer darauf, dass ich ihnen recht gebe. 

Das ist der wichtigste Aspekt meiner Arbeit. Ich gebe recht. Ich bin keine Richterin oder so. Ich kenne mich mit Paragrafen nicht mal aus. Wenn ich ehrlich bin, ich kenne nicht mal einen. Meine Kunden bekommen auch nichts rückerstattet. Das kann ich nicht. Ich kann ihnen aber recht geben. Und ich sehe an ihren Gesichtern, wie entspannt und glücklich sie sind, wenn sie wieder gehen. Meine Vertragsbedingungen müssen alle lesen und unterschreiben. Ohne darf sich niemand auf den schäbigen Stuhl setzen. Anfangs, da dachte ich noch, niemand würde kommen. Oder es würde hässliche Posts über mich geben. Aber all das ist nicht passiert. Da waren ganz andere unterirdische Strömungen am Werk. Das ist quasi eine Win-win-Situation. Ich schreibe jeden Tag, was ich immer schon wollte, und die Leute bekommen recht. Es ist so schön, dass sie nicht mehr kämpfen müssen, sie haben sowieso recht. Die Leute lassen die Waffen fallen, und nachdem sie die Klage über z. B. ihren Nachbarn eingereicht haben, gehen sie erleichtert ihrer Wege. Sie erwarten nur von mir, dass ich ihnen recht gebe. Es geht nicht um all den Quatsch. „Du hast recht“ hat für mich mehr Sprengkraft als ein Atomkraftwerk, ein Diktator oder ein Popstar. Gestern hat sogar Hollywood bei mir angerufen. Ob sie meine Geschichte haben könnten. Ich habe aber gesagt: Nein. Da haben sie gesagt: Sie haben recht. Und so wird es wahr. Meine Geschichte kommt bis nach Hollywood. Und dann in die Welt.

Weitere Geschichten von Barbara Rossi sind nachzulesen in "Geschichten aus dem Frühstücksraum".

Hrsg. v. Erna R. Fanger & Hartmut Fanger,

Edition schreibfertig.com No 1,

tredition 2018 

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Poet’s Gallery Beitrag September 2019

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Eva-Maria Böhm

Eva-Maria Böhm, geboren in Hamburg, hat zwölf Jahre in Wien gelebt, studierte dort Pädagogik, Psychologie und Philosophie und interessiert sich schon seit frühester Jugend für Menschen und ihre Geschichten.

 

Der Mann im Mond

Als Karl-Heinz eines Abends wieder einmal nachdenklich auf seinem Lieblingskrater saß, sich über den weißen Bart strich und eine Pfeifenwolke nach der anderen in den Nachthimmel blies, da traute er seinen Augen nicht. Er blinzelte noch ein paar Mal, weil er es für eine Sinnestäuschung hielt. Aber die Erscheinung verschwand nicht. Das saß etwas auf einem der weiter entfernten Krater. Er konnte nicht erkennen, was es war. 

Eigentlich konnte da doch auch gar nichts sein. Denn, soweit er wusste, war er allein auf dem Mond. Er musste seiner Neugier nachgeben und ging langsam in Richtung des besetzten Kraters. 

Je näher er kam, desto mehr konnte er erkennen.

Es war nicht ein Etwas, sondern ein Jemand. Besser gesagt eine Frau!

Vor Erstaunen riss Karl Heinz die Augen weit auf.

Die Frau winkte und lächelte. Sie hatte freundliche Lachfalten um die Augen und trug ihre weißen Haare zu einem Dutt aufgedreht. 

Sollte sich tatsächlich sein innigster Wunsch erfüllt haben?

Sie begrüßten sich freundlich und Ilse bot ihm an,es sich neben ihr bequem zu machen.

Manchmal, wenn das Wunder zu groß ist, stellt man keine Fragen.

 

Es kam Karl-Heinz gar nicht in den Sinn, sich zu erkundigen, wie sie überhaupt auf den Mond gekommen wäre. Sie plauderten gleich so, als ob sie sich schon ewig kannten.

Ilse erzählte dann aber doch von ihrer Heimat. Und diese Heimat war die dunkle Seite des Mondes.

Und so, wie er sich nie auf die dunkle Seite getraut hatte, so hatte sie sich nie auf den beleuchteten Teil gewagt.

Bis schließlich Ilses Einsamkeit und Neugier überwogen hatten. Und das war gerade heute passiert. Sie hatte sich gesagt: „Jetzt oder nie“.

Ilse strahlte über das ganze Gesicht, als Karl-Heinz ihr erklärte, wie glücklich er darüber sei.

Als sie sich verabschiedeten, beschlossen sie, dass sie sich von nun an regelmäßig gegenseitig besuchen würden.

Als Karl-Heinz in seinem Bett lag, konnte er sich nicht erinnern, sich jemals mehr auf den nächsten Tag gefreut zu haben. 

Weitere Geschichten von Eva-Maria Böhm sind nachzulesen in "Geschichten aus dem Frühstücksraum".

Hrsg. v. Erna R. Fanger & Hartmut Fanger,

Edition schreibfertig.com No 1,

tredition 2018 

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Poet’s Gallery Beitrag August 2019

Petra Thelen

Petra Thelen  

Petra Thelen lebend und wirkend in Hamburg, unterrichtet seit 25 Jahren Saxophon und tritt regelmäßig auf Veranstaltungen auf. „Ich weiß eine Geschichte. Darf ich sie erzählen“, ist eine Frage, die sie gerne in die Runde stellt. Diese aufzuschreiben, ist ihre neue Leidenschaft.

 

HANNAH 

Kaffee duftet. Ich habe den Frühstückstisch für Hannah und mich gedeckt. Croissants mit Vanillefüllung und Puderzucker, der sich während des Backens mit der Konsistenz des Teiges verbunden hat und nun als glänzende Schicht den Gaumen lockt. Die Croissants kaufen wir bei der mürrischen Mama Rosa vom Schulterblatt. Die CD von Pino Danielle, den wir im vorigen Jahr in Bologna auf dem Jazzfestival auf der Plazza noch life erleben durften, spielt im Hintergrund.

 

Was für ein Morgen! Die Sonne erhitzt die Wintergartenverglasung, hinter der Hannah und ich gut abgeschirmt über den kommenden Wanderurlaub auf Sizilien plaudern. Sie sieht ausgeruht aus. Entspannt. Ehrlich gesagt sexy. Die Haare frisch gewaschen mit diesem Shampoo, das sie bei der veganen Friseurin einkauft und damit jeden Besuch preislich in die Höhe treibt. Das Tuch, anfänglich ihre Schultern wärmend, hat sie achtlos auf die Lehne gelegt. Ihr Blick ist klar, direkt und hat etwas Verführerisches. Ganz leicht nur sind die Wimpern mit Schwarz getuscht, um das eisige Blau ihrer Iris hervorzuheben. Gestern Abend schon war ich aufgeladen mit dieser typischen Wochenendlust, die sich wegen Müdigkeit meist nicht erfüllt. Sie denkt, ich höre ihr zu. Ab und zu nicke ich und gebe ein bestätigendes Ja von mir, was sie zu befriedigen scheint.“

 

Das warme Croissant und der zweite Cappuccino haben mich träge gemacht. Hannah beschreibt noch einmal ganz genau die Vorteile ihrer Scarppa Schuhe, die sie gestern bei Globetrotter ausgesucht, anprobiert und für gut befunden hat. Wie es ihre Art ist, hat sie sich eine Nacht Bedenkzeit erbeten, um keine voreiligen Geldausgaben zu tätigen. Ich weiß, sie wird die „Schuhe nehmen. In Blau. Ihrer Lieblingsfarbe. Später. So eng sie in Geldfragen ist, so großzügig gibt sie ihrem Empfinden Raum. Ich liebe das so sehr an ihr. Es macht mich weich und begehrend. Mitten im Satz stoppt sie, schaut mich verwundert an, schiebt ihren Stuhl nach hinten, steht auf, der Schal rutscht auf den Holzfußboden. Ihr Rock raschelt, während sie hinausgeht, um wenige Minuten später zurückzukehren.

 

Ich lausche ihrem stillen Gang. Traue mich nicht, die Augen zu öffnen, als sie von hinten ihre Arme um meine Schultern legt und mich auf den Nacken küsst. Sie erwischt genau diese kleine Stelle, diese kleine Kuhle, in die sie mit ihrer Zunge spielend und vorsichtig hineingleiten kann. Ein unglaubliches Gefühl von Liebe erfasst mich, Dankbarkeit und Frieden. Ich nehme vorsichtig ihre Hand, ziehe ihren ganzen Körper dicht an mich heran und spüre dabei, dass sie ihr Höschen ausgezogen hat.

 

Ihre unverblümte Direktheit erschüttert mich ein wenig. Hannah nimmt meine Umarmung ganz selbstverständlich entgegen. Die Vögel sind leiser geworden. Obwohl ich ganz bei ihr bin, die Augen geschlossen halte, höre ich, wie die Magnolienknospen aufplatzen, um danach langsam ihre Blätter zu öffnen. Frisch, weiß und leuchtend, schon etwas rosa an den Rändern. Im Kern dehnen sie sich. Ich küsse Hannah. 

"Hannah" und weitere Geschichten von Petra Thelen sind nachzulesen in

"Geschichten aus dem Frühstücksraum".

Hrsg. v. Erna R. Fanger & Hartmut Fanger,

Edition schreibfertig.com No 1,

tredition 2018 

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Poet’s Gallery Beitrag Juli 2019

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  Ich habe einen Blog: waltraudfitschen.wixsite.com/sophie-precht

 

     Hafenrandstraße

 

Eines Tages, nachdem so viele Jahre vergangen sind, steige ich wieder in die Straßenbahn. Sie fährt knirschend an, nimmt dann elegant die Kurve. 

Nächste Haltestelle Werft, oder das, was von ihr übrig geblieben ist. 

Früher ließ die Straßenbahn müde Menschen herausfallen, müde wie Vater. Der ging morgens mit seinem Henkelmann in die Schiffsschlosserei. Da war schwer was los. 

Ein Hämmern und Dröhnen, das die feinsten Nerven erreichte und sie abstumpfte. Vater kam mit erschöpften Augen nach Haus und brachte den Geruch von Arbeit mit. 

Vater, ach Vater, heute würde ich den Tisch für dich decken und dir die Suppe auftun. 

Ein heller Anfahrtston,  jetzt fahren zwei Bahnen parallel. 

Ich schaue in die Fenster von gegenüber und sehe in den Gesichtern Abwesenheit  und Müdigkeit. 

In meinem Blickfeld erscheint eine Moschee mit goldener Kuppel, 

wie eine Fata Morgana. 

Die Bahn surrt weiter, das gemütliche Rumpeln von damals ist fast verschwunden. 

Nächste Haltestelle Liebenzeller Straße.                   

Die Liebe in allen Zellen. Sie breitet sich aus wie ein warmes Tuch. Diese Liebe wünsch ich mir. 

Meine Gedanken möchten die Erinnerungen zurechtschmirgeln, so dass eine schöne Geschichte daraus wird. 

Die Straßenbahn gleitet auf schnurgeraden Gleisen an den grauen Hafengebäuden entlang. Der Geruch von Fischmehl steigt mir in die Nase. Früher spielten wir auf dieser Strecke Luftanhalten. 

Kap Horn Straße. Ist hier die Welt zu Ende? Wer hier aussteigt ist Arbeiter bei der Getreidemühle oder will sich mit den Bordsteinschwalben vergnügen, die weiter hinten an den Straßen stehen, den Kinderblicken halb entzogen und umso neugieriger beäugt. 

Wir Mädchen schauten schamhaft interessiert auf die roten Lackstiefel. Die Jungs gaben hinter vorgehaltener Hand verächtlich faszinierte Kommentare ab. 

Jetzt steigt ein schöner Mann ein, setzt sich vor mir auf die Bank und knispelt an seinen Fingernägeln. Ob er schwarz fährt? 

In dem Gedränge von früher kam ich häufig nicht an den Fahrkartenautomaten. 

Aber lass dich bloß nicht erwischen.            

Das hätte Mutter traurig gemacht und Vater wütend.

Dort drüben war der Bäckerladen, ich kaufte mir vom Taschengeld in der Pause ein Mandelhörnchen.  

Ich steige aus. 

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Poet’s Gallery Beitrag Juni 2019

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Sabine Bellmund

Geb. 1963 in Hannover

Immer wieder andere Welten suchend: Indien, Myanmar, Äthiopien, Jordanien, Namibia, Marokko… am liebsten erlebe ich die Landschaften zu Fuß, wandernd, manchmal zu Pferd.

An Menschen bewundere ich ihre Fähigkeit zur Empathie und ihre Schaffenskraft, Kreativiät und Fantasie. Fantasie ist für mich keine Möglichkeit, der Wirklichkeit zu entfliehen, sondern sie zu gestalten.

Kolumbianisches Wiegenlied

 

Querida, diese Welt ist verrückt. Ein Irrenhaus und du weißt es noch nicht. Du bist voller Unschuld. Morgens setze ich dich in deinem weißen Kleidchen unter die Jakaranda und du spielst. Du spielst mit dem Holzpferdchen, das Onkel José für dich geschnitzt hat, und mit den bunten Kieselsteinen, die ich am Fluss gesammelt habe.  Du lachst und patschst in die Hände, wenn ein Schmetterling vorüberschwebt, und lauschst mit schief geneigtem Kopf dem Zwitschern der Vögel.

 

Unser Garten, dieses winzige Fleckchen Erde, der Baum und die paar Grashalme, umgeben von hohen Mauern, das ist deine Welt, die du liebst und die dich schützt. Mittags kommt deine Kinderfrau, eine sanftmütige, kinderlose junge Frau aus der Nachbarschaft. Wir essen zu dritt in der blaugekachelten Küche. Du sitzt vor deinem Schüsselchen Gemüsebrei , einen Holzlöffel in der Hand, und betrachtest uns mit deinen blanken braunen Augen. Ja, du bist ein ruhiges, zufriedenes Kind, mein Engelchen, mein Herzchen, mi corazón.

 

Nach dem Essen muss ich mich umkleiden, um zur Arbeit zu gehen, und die Kinderfrau bringt dich in dein Bettchen. Dort schläfst du schon hinter den hölzernen Gitterstäben und den weißen Vorhängen, wenn ich dir meinen Abschiedskuss gebe. Nur schweren Herzens verlasse ich dich, einzig getrieben von der zwingenden Notwendigkeit, Geld für unser tägliches Überleben zu verdienen. Meine Schritte hallen auf dem Pflaster, die weißgekalkten Häuserwände werfen meinen Schatten zurück. Es ist glühend heiß um diese Zeit, aber verhältnismäßig ruhig auf den Straßen. Nur ab und zu verhallen ein paar Schüsse in der Ferne. Niemand weiß, ob sie getroffen haben. In der Via Bologna komme ich an den ganz jungen Frauen vorbei, die nicht mal 16 sind. Sie stehen dort - kaum bekleidet - und die Hitze macht es ihnen leicht. Auch für sie ist die Mittagszeit die beste Arbeitszeit. In der Mittagspause suchen die Señores ein kurzes schnelles Vergnügen unten im Park oder auch einfach in den Hausfluren. 

 

Ich gehe vorbei und denke an dich, wie du zwischen den kühlen Laken friedlich schläfst und ein Lufthauch die Vorhänge bewegt.   

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Poet’s Gallery Beitrag Mai 2019

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Thomas Pötsch

Personalleiter, Projektleiter, Künstler, Systemischer Coach & Supervisor, Trainer, Spätzünder…

Als ich 57Jahre alt wurde, fragte mich meine Frau, ob ich nicht mal meine Geschichten aufschreiben wollte?

Ich dachte lange nach, dann antwortete ich: "Ja, warum eigentlich nicht!“

 

Eine (un)normale Geschichte

Seit ich diese Weiterbildung begonnen hatte und mich mit der Philosophie konstruierter Wirklichkeiten beschäftigte, passierte etwas in mir. Irgendetwas war in Bewegung gekommen. Nur konnte ich nicht genau sagen, was. Ich denke, es begann mit dieser seltsamen Geschichte, in der ein Mann von sich behauptete, ein Rührei zu sein, und dies sogar von einem Professor mit den Worten: „Wenn er meint, er wäre ein Rührei, dann ist er auch eines", bestätigt wurde. Von da ab hatte ich häufig ungewöhnliche Gedanken, Träume oder skurrile Tagträume. Ab und an passierten gar seltsame Dinge. Teilweise wusste ich nicht mehr, ob ich das träumte oder ob es real war.

Neulich, als ich nach einem längeren Spaziergang eine kleine Pause auf der Parkbank direkt im Wald am See gemacht hatte, hörte ich plötzlich ein  Geräusch und unmittelbar vor mir, in der Luft auf dem See, entstand ein Riss, durch den ein Mann herausgeklettert kam. Wie sich später zeigte, handelte es sich um Leonard Cohen. Wir führten ein angenehmes, freundliches und vor allem humorvolles Gespräch. Ich fühlte mich wohl in seiner Nähe und er war wirklich so, wie ich es mir vorgestellt hatte, elegant, wortreich, achtsam und unglaublich inspirierend.

Einen Tag später flog ich auf einem Teppich nach Paris, traf dort Lou Reed und wir meditierten gemeinsam auf der Spitze des Eifelturms. Zum Abschied sangen wir „It´s a perfect day“. Nach einem Zwischenstopp in Warschau, wo ich einen leidenschaftlichen, unvergesslichen Tanz, einen lupenreinen Tango mit Marina Abramovic hinlegte, da landete ich in Jasjana Poljana und diskutierte mit Leo Nikolajewitsch Tolstoi über die Sehnsüchte in uns und die 

folgenschweren Auswirkungen, wenn wir diese nicht stillten. Später kam Fjodor Nikolajewitsch Dostojewski hinzu und wir beschäftigten uns mit der Frage, „wer sind wir“? Ganz besonders interessierten uns die drei verschiedenen paar Schuhe: Wie wir sind, wie wir wünschten zu sein und wie andere uns sahenDrei verschiedene Aspekte derselben Medaille, je nachdem, worauf man schaute.

So und so ähnlich ging das tagtäglich. Das fand ich zunächst nicht weiter schlimm, weder bereitete es mir Sorgen, noch nahm ich es allzu ernst, im Gegenteil, ich fand es sogar lustig, überdies spannend, je nachdem. Was mich beunruhigte war, dass diese merkwürdigen Gedanken einfach nicht aufhörten. War das normal?

Irgendwann las ich einen Spruch auf dem Klo, der ungefähr so ging:

 

Vielleicht stimmt etwas

nicht mit mir.

Vielleicht!

Vielleicht bin ich

unnormal,

weil das

normal ist?

Vielleicht!

Ich weiß nicht!

 

…danach fand ich mich ziemlich „unnormal“, aber das war ja normal.

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Die Ostergeschichte 2019:

Der Turm von Chia - Eine Spurensuche

 

Ich wusste immer, dass ich eines Tages nach Chia fahren müsste. Irgendwann – das ist erst wenige Jahre her – habe ich es dann gemacht. Ich hatte mich ins Auto gesetzt, in einen Mietwagen, den ich stets am Flughafen in Rom nehme, um von Fiumicino aus in weniger als drei Stunden bei Martin und Don Franco am Lago di Bolsena zu sein. Damals, als ich zum ersten Mal nach Chia fuhr, zum ersten Mal kurz vor Viterbo gleich hinter dem Friedhof der Stadt auf die Autobahn in Richtung Orte einbog, sah ich nach etwa 15 Kilometern auf der Linken zwischen lauter Wald den schlanken mittelalterlichen Turm, den Pasolini gekauft hatte, und in den er sich die letzten Jahre vor seinem Tod zurückzog, wenn er arbeiten wollte.  Ich fuhr bei Chia von der Autobahn runter, und nur wenige Meter entfernt fand ich die schmale Zufahrt, einen ungepflasterten Waldweg, der mit einer Schranke abgesperrt war. Ich ließ den Wagen am Straßenrand stehen und ging zu Fuß in den Wald hinein, der Weg führte direkt vor das verschlossene Tor des Turms von Pasolini. Es war aus Stahl, mindestens drei Meter hoch, dahinter war der obere Teil des Turms zu sehen, der schon auf den letzten hundert Metern nach einer Biegung des Wegs plötzlich aufgetaucht war und wie die düstere Behausung eines märchenhaften Riesen wirkte. 

Das Tor ließ sich natürlich nicht öffnen, es gab zwar eine Klingel, aber niemand reagierte, wahrscheinlich war niemand da. Wie es drinnen aussah, wie groß das Grundstück war und welch eleganten gläsernen Bau Pasolini neben den Turm hatte setzen lassen, habe ich erst Jahre später auf Fotos gesehen, den letzten Bildern und den einzigen auf diesem Gelände, die ein berühmter italienischer Fotograf von Pasolini gemacht hatte, kurz vor seiner Ermordung. 

Chia war für mich nichts als ein Synonym für diesen Turm, „Torre di Chia“ wurde er genannt, weshalb ich lange Zeit gar nicht auf die Idee kam, den Ort gleichen Namens zu besuchen, kaum einen Kilometer entfernt. 

Aber im Sommer des Jahres 2018, es ist der Sommer, in dem in der Tageszeitung „La Repubblica“ die Frage gestellt wird, ob der Faschismus zurückkehre, der Sommer, in dem Roberto Saviano den neuen italienischen Innenminister Salvini fragt: „Macht es dir Spaß, Kinder sterben zu sehen?“, da entschied ich mich, endlich den Ort Chia zu besuchen und nicht vor Pasolini´s verschlossenem Turm stehen zu bleiben. Ich fragte Tiziana, ob sie Lust hätte, mich zu begleiten, es war ein Samstag, sie hatte Zeit und sie wollte auch gerne etwas mit mir zusammen unternehmen, ihr Mann Gaudenzio hätte nichts dagegen, sagte sie. Ich holte sie also ab am frühen Morgen in ihrem großen Haus, das Gaudenzio mit seinen eigenen Händen und der Hilfe seiner Freunde, auch ich war für einige Tage dabei gewesen, vor zwanzig Jahren, oberhalb des Lago di Bolsena, gebaut hatte. 

Eine Stunde später waren wir in Chia. 

Ein langgestreckter stiller Flecken am Rande des Waldes, in dem Pasolini´s Turm steht. Die Straße endet auf einem kleinen Parkplatz direkt vor dem mittelalterlichen Kern des Ortes, der für Fahrzeuge gesperrt ist, und dessen Gassen so eng sind, dass ohnehin kein Auto Platz fände. 

Wenige Meter vom Parkplatz entfernt entdecke ich, ohne gleich zu realisieren, um wen es sich handelt, einen Kopf in Bronze auf einem steinernen Sockel, mit einer Inschrift: La veritá non sta in un solo sogno, ma in molti sogni. Darunter ein Name: Pier Paolo Pasolini. 

Tiziana und ich gehen ins historische Zentrum, niemand ist zu sehen, als würde hier niemand mehr leben. Eine alte Mauer war Tage zuvor eingefallen, ich hatte schon in der Zeitung davon gelesen. 

Über dem Ort liegt eine Müdigkeit, als berge er ein trauriges Geheimnis. Vielleicht liegt es an der Tageszeit und an der Hitze. Wenige alte Männer sitzen in der geräumigen Bar oberhalb des Parkplatzes, wo unser Auto steht. Eine Gruppe spielt Karten, ein Alter sitzt allein im Garten, bewegungslos. Wir sind die einzigen Fremden. Warten sie nur darauf, dass irgendjemand kommt, um ihnen Fragen zu stellen? Was würdest du sie fragen, will Tiziana von mir wissen. Da sind wir schon auf der Rückfahrt. Ich hatte nicht gewagt, jemanden anzusprechen. Ich sage, ich würde nach alten Männern fragen, die Pasolini in den frühen 70-er Jahren noch kennen gelernt haben. Ich würde fragen, ob man sie sprechen darf, woran sie sich erinnern können, ob wir die ersten sind, die sich nach Pasolini erkundigen. Was ihnen die Büste bedeutet und das Motto auf dem Sockel: „Die Wahrheit liegt nicht in einem einzigen Traum, sondern in vielen Träumen.“

 

Die Fragen lassen mir keine Ruhe. Wenige Tage später fahre ich noch einmal von Valentano aus nach Chia. Diesmal allein. Es ist ein Montag. Der Parkplatz vor dem historischen Ortskern ist gegen zehn Uhr vormittags fast leer, die Bar noch geschlossen. Aber der kleine Lebensmittel-Laden gegenüber, zu dem eine schmale Treppe hinaufführt, ist offen. Als ich meine Einkäufe bezahle, spreche ich die Frau an der Kasse an, ob im Ort noch Menschen lebten, die Anfang der 70-er Jahre den Dichter und Filmemacher Pasolini kennengelernt hätten. Als hätte ich das richtige Zauberwort gefunden und damit einen Bann gebrochen, fängt sie sofort an zu erzählen. „Ich kannte ihn gut“, sagt sie. Sie sei zehn Jahre alt gewesen, da habe sie als Komparsin in seinem Film „Il Vangelo secondo Matteo“ mitgewirkt. Das war 1963. Später, als er den Turm gekauft hatte, hätten sie und ihr jetziger Mann ihm stets die Lebensmittel, die er benötigte, ins Haus gebracht. 

Inzwischen war ein Herr in den kleinen Ladenraum eingetreten, der unserem Gespräch zuhörte. Als er neben mir stand, fragte ich ihn, ob auch er Pasolini kennen gelernt hätte. Er lächelt. „Für wie alt halten Sie mich?“ Er lebe seit elf Jahren in Chia. Er sei aus Madrid, gebürtiger Spanier, er habe sich damals, als er zum ersten Mal hier gewesen sei, in den Ort verliebt. In Viterbo habe er eine Arbeit  als Lehrer gefunden und dann seine Frau, sie sei ebenfalls Lehrerin, nachgeholt. Die italienische Sprache liebe er seit seiner Kindheit, seit er sie in der Schule gelernt habe. Ob ich die Wasserfälle schon einmal gesehen habe, die „cascate“, fragt er mich. Nein, sage ich, leider noch nie. Ich sei immer nur bis zu Pasolini´s Turm gekommen und stünde jedes Mal vor dem verschlossenen Tor. 

Die Frau an der Kasse mischt sich ein. „Das war entsetzlich, als wir hörten, Pasolini sei ermordet worden. Wir konnten es gar nicht glauben. Es war ein Schock für uns. Wir mochten ihn alle sehr, und er hat sein Chia geliebt.“ 

„Wenn Sie die Wasserfälle sehen wollen, kommen Sie mit, ich zeige Sie Ihnen“, sagt der Herr, der neben mir steht. 

Ich nehme sein Angebot an. Wir fahren die lange Straße aus Chia hinaus, biegen nach rechts ab. Nach einigen hundert Metern parallel zur Autobahn Orte – Viterbo halten wir an einer kleinen Ausbuchtung, die ich ohne seine Hilfe gar nicht beachtet hätte. Von hier führt ein Fußweg direkt zu den Wasserfällen, die viel größer sind, als ich sie mir vorgestellt hatte. Wir hüpfen im flachen Wasser von Stein zu Stein. Von hier aus fotografiere ich die meterhohen Tuffsteinblöcke zu beiden Seiten. Eine Lavagesteinsmasse, die sich genau bis hierhin ergossen habe, dann sei sie stehen geblieben, sagt der Herr, der sich inzwischen vorgestellt hat: Er heiße Mario. 

 

Mario führt mich am Wasserlauf entlang, er zeigt mir mittelalterliche Mauerreste und Pfade, die mit ihren geriffelten Steinen so angelegt waren, dass auch Lasttiere sie begehen konnten, ohne Angst haben zu müssen auszurutschen. Er zeigt mir die in den Stein gehauenen kleinen Futtertröge am Rand des Weges, er zeigt mir schmale Wasserkanäle direkt an der Felswand. Plötzlich zuckt eine meterlange Schlange an uns vorbei und versteckt sich sofort, als wir näher kommen. Schließlich stehen wir auf großen Steinquadern unterhalb der Wasserfälle, da fragt Mario, ob ich wüßte, welche Szene aus dem Film „Das Erste Evangelium – Matthäus“ genau an dieser Stelle aufgenommen worden sei. 

Als ich zögere, sagt er: „Hier ist Jesus von Johannes getauft worden“. Ja, ich erinnere mich jetzt an die Bilder des Films, den Pasolini in schwarz-weiß gedreht hatte. Wir folgen dem Pfad am Wasser entlang. Wir betreten das Mauerwerk einer alten Mühle, schwere Mühlsteine liegen in dem Raum ohne Dach. Weiter unterhalb zeigt mir Mario eine etruskische Grabstätte, auf einer ihrer Seiten sind winzige quadratische Höhlungen in den Stein geschlagen, römische Gräber, sagt Mario. Als wir die Grabstätte verlassen, kommt uns ein Läufer entgegen. Braun gebrannt, durchtrainierter Körper. Der Mann begrüßt Mario wie einen alten Bekannten. Er legt die Laufstöcke auf den Boden und erzählt in allen Einzelheiten, welche Bedeutung die steinernen Phantasie-Gestalten im Figurenpark von Bomarzo haben, der hier gleich um die Ecke liegt, über den er – wie mir Mario zwischendurch erklärt – ein ganzes Buch geschrieben habe. Er spricht ohne eine einzige Pause zu machen, mindestens eine halbe Stunde lang, er nennt Gestalten, Haltungen, winzige Details, offenbar, wenn ich ihn richtig verstehe, um zu belegen, dass der sogenannte „Garten der Monster“ eine heftige Kritik an der katholischen Kirche gewesen sei. Er zeigt uns Fotos auf seinem Handy, und als hätte er geahnt, wie er mein erlahmendes Interesse wieder wecken könnte, spricht er zuletzt von einer Figur im Garten von Bomarzo, die einen Apfel schält, und erzählt von seinem Vater, der die Äpfel genau in dieser Weise geschält hätte, nämlich in einer einzigen, ununterbrochenen Spirale, die dann aufgehängt werden konnte, als Schutz gegen Schlangen, weil sie selber etwas Schlangenförmiges habe, und dann zeigt er mir auf seinem Handy einen Ausschnitt aus einem Gemälde von Caravaggio, auf dem ein junger Mann einen Apfel schält, in der Manier seines Vaters, und wenn man genau hinsehe, könne man erkennen, dass die Apfelschale sich in eine Schlange verwandele.

 

Als wir uns verabschieden, sagt der Läufer, entschuldigt, wenn ich zuviel geredet haben sollte. Mario und ich gehen noch ein Stück den Pfad am Wasser entlang bis zu einer zweiten Mühle, größer als die erste. Dann kehren wir um. Wenn du Zeit hast, komm am Samstag zu mir, da habe ich einen amerikanischen Maler zu Gast. Wie schade, sage ich, da müsse ich zurück in Hamburg sein. 

Auf dem Marktplatz von Chia, – jetzt notiere ich mir seinen Namen, Piazza Garibaldi –, besuche ich noch einmal den kleinen Lebensmittel-Laden. „Alimentari – Tabacchi di Nicolai Dolmencio“ steht über der Eingangstür, da erscheint der Mann der ehemaligen Komparsin. Auch er kann sich gut an Pasolini erinnern. Wir haben ihm immer alles gebracht, was er brauchte, sagt er. Sehe ich in seinem Gesicht ein leises Erstaunen, vielleicht ein heimliches, ein verstohlenes Lächeln? Kein Grinsen, nichts Böses, eher ein anderes, nicht in Worte zu fassendes Zeichen. Es wäre das Zeichen für ein offenes Geheimnis, das Pasolini umgab. 

In der Trattoria „Da Alfieri“ am Rand der Piazza Garibaldi esse ich zu Mittag. Fettucine, Wildschwein in kleinen Stücken, Weißwein und Brot und Wasser. Eine torta della casa und einen Kaffee. Ich bezahle 25 Euro, nicht viel für das üppige Mahl. 

Es ist vier Uhr nachmittags, als ich endlich die Bar an der Piazza betrete. Sie liegt direkt neben der Kirche, höher als der Parkplatz, an dessen Rand der steinerne Sockel mit der bronzenen Büste von Pasolini steht. Nicht weit davon entfernt hängt eine helle Marmor-Tafel, angebracht an einer Mauer aus schweren grauen Feld-Steinen. Einige Wörter haben ihre schwarze Lineatur verloren, als hätte jemand sie wegwischen wollen, aber sie sind eingemeißelt und also geblieben. Ich lese ein Gedicht von Pasolini, das er für die Bewohner, die Landarbeiter von Chia, geschrieben hatte. „Contadini di Chia!“ ruft Pasolini, als sei es der Ort selber, dem er seine Stimme geben wollte, 

„die, die mir den Rücken zuwenden,

die einen anderen Ort suchen, 

die überlassen das Haus den Vögeln,

überlassen das Feld den Würmern 

überlassen die Dächer den Stürmen 

sie gehen weg, und da, wo sie waren, 

bleibt nicht einmal ihr Schweigen“. 

Darunter eine Widmung, die ich, – ungeduldig, wie ich bin –, nur mit einem kurzen Blick wahrnehme, „für Riccardo, einen aus Chia“.

Ich nehme die Treppe zum Eingang der Bar. Eine einzige Frau sitzt am Tresen. Als ich den jungen Mann, der uns bewirtet, um einen Cappuccino bitte und ihn frage, ob er wüßte, welche alten Bewohner von Chia Pasolini gekannt hätten, blickt die Frau auf und sieht mich lange an. Dann sagt sie zu dem Wirt: „Ja, natürlich! Riccardo! Der kannte ihn gut. Ich gehe zu ihm.“

Schon hat sie sich erhoben und ist zur Tür hinaus. Kurze Zeit später kommt sie zurück, bleibt im Eingang stehen und winkt mir zu. Ich solle ihr folgen. Sie geht hinter dem Gebäude um die Ecke in einen winzigen Vorgarten mit einer Bank und zwei, drei hellen Plastikstühlen. Dahinter ein Hauseingang, offen, Lametta-Bänder verhindern den Blick nach innen. Sie geht hinein, ich höre laute Stimmen, dann erscheint sie im Eingang und gibt mir wieder mit einem Wink zu verstehen, ich solle ihr ins Haus folgen. Drinnen ist es dunkel, ich sehe einen alten Mann und eine alte Frau nebeneinander auf einem Bett sitzen, und als ich sie begrüße und schon weiterreden will, um mein Anliegen vorzutragen, stehen die beiden auf, lass uns draußen hinsetzen, sagt der Mann. 

Die Frau, die mich hergeführt hatte, ist nicht mehr zu sehen. Wir setzen uns in den winzigen Garten, ich frage sie, ob ich mein Aufnahmegerät einschalten dürfe, es ist das erste und einzige Mal, dass ich es auf dieser Reise benutze, aber ich hatte es nur deshalb mitgenommen, weil ich hoffte, dass etwas ganz Ungewöhnliches passieren würde. 

Sie haben keine Einwände. Dann beginnen sie zu erzählen. Aus ihren Worten geht hervor, wie sehr sie Pasolini mochten. Das gelte für alle, die hier gelebt haben, sagt Maria, Riccardo´s Frau. Er sei offen und voller Zuneigung gewesen, und ganz häufig sei er, wie zufällig, bei ihrer Mutter zum Essen vorbei gekommen. 

„Pasolini war ein Geschenk für uns“, sagt Maria. „Er liebte diesen Ort, er liebte die Menschen hier“. 

Lebte er zurückgezogen in seinem Turm, frage ich. Keineswegs, sagt Riccardo. Er war immer wieder bei uns und manchmal las er uns aus dem Roman vor, an dem er gerade schrieb. 

„Er las euch aus „Petrolio“ vor?“

„Er las uns Abschnitte vor, die waren einfach zu heftig, sagt er, „troppo forte“, und ich bin mir nicht sicher, ob er an die Stelle denkt, die ich sofort im Kopf habe, an die Seiten lange Szene des Romans, in der sich eine Gruppe junger Männer, einer nach dem anderen, auf einem nächtlichen Feld bei Rom ohne jede Scheu von dem Protagonisten zum schnellen Erguss verführen lässt.

„Was habt ihr gedacht, als er ermordet wurde?“

„Wir haben gedacht“, sagt Riccardo, „das war nicht ein einzelner, das war nicht Pelosi, das war auch nicht nur die Mafia, das kam von ganz oben“. Und mehr möchte er dazu gar nicht sagen.

„Er war für uns ein Freund“. Maria stimmt ihm zu: „Er war einzigartig“. 

Dass er schwul war, sagt Riccardo, und er benutzt das Wort „gay“, das habe hier gar keine Rolle gespielt. „Er hat diesen Ort sehr geliebt, und wir mochten ihn alle“. 

Die beiden sind weit entfernt von dem sprichwörtlichen Vorurteil, von dem mir am Vormittag Mario, der Spanier, erzählt hatte. Man sagt in dieser Gegend, hatte er mir im Auto auf der Fahrt zu den Wasserfällen verraten, wenn jemand im Kopf nicht der Schnellste sei, der komme wohl aus Chia. 

Ich bedanke mich bei Maria und Riccardo, ich gehe noch einmal in die Bar zurück, und sage dem Wirt, dass ich über die Größe dieses Raums erstaunt sei, auch über seine rechteckige Form, die an einen Saal erinnere, und seine karge Ausstattung, darunter ein altes Schwarz-Weiß-Foto von Pasolini´s Turm. Da zeigt der junge Mann auf das kleine blinde Fenster über dem breiten Haupteingang, der direkt dem Tresen gegenüber liegt. „Das war das Fensters des Projektors“ sagt er. „Dieser Raum war früher ein Kino, noch bis Ende der 70-er Jahre“. 

 

Zurück in Hamburg, drucke ich das Handy-Foto aus, auf dem die Marmortafel mit Pasolini´s Gedicht zu sehen ist. So vergrößert, lese ich die Widmung noch einmal, ich traue meinen Augen nicht, ich schaue genau hin, einige Buchstaben sind verblasst und ich erkenne meinen Irrtum. 

A RICORDO UN CHIANO, steht auf der Tafel. Nein, Pasolini nennt keinen Namen. Er erinnert sich an einen aus Chia. Wer es ist, bleibt sein Geheimnis, und auch Riccardo, denke ich, hätte es mir niemals verraten.  

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Poet’s Gallery Beitrag März 2019

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Julia Kraiczek

Julia Kraiczek, geboren in Braunschweig, schrieb bereits als Jugendliche gern Kurzgeschichten über soziale Randthemen und kleine Krimis. Zu Beginn ihres Sabbatjahres 2018 erwachte die Freude am Spiel mit Wort und Fantasie erneut. Die vielen Erlebnisse während des Pilgerns und Reisens verwandeln sich zu spannenden Bildern und kleinen Geschichten, die aufgeschrieben werden möchten.

 

Pilgern 

Welches Tier beschreibt einen Pilger am besten? Ist es der Löwe, der mächtig und stolz mit erhobenem Haupte und schnellen Schrittes durch die Savanne prescht? Oder der Adler, der intelligent und mutig auch weite Strecken mit Leichtigkeit überwindet und vor keiner Gefahr zurückschreckt? Vielleicht auch der Pfau, der ob der großartigen Leistung der gelaufenen Kilometer ein farbenprächtiges Rad schlägt?

 

Nein – keines dieser erbaulichen und starken Tiere beschreibt einen Pilger zutreffend. Es ist – das mag verwundern – die Schnecke. 

 

Wie eine Schnecke trägt der Pilger sein zeitweiliges Zuhause im Rucksack über Berge, durch Täler und Dörfer. Schlafsack, Wechselkleidung, ein zweites Paar Schuhe, Handtuch und Seife – alles Notwendige befindet sich auf dem Rücken. Maximal neun Kilo. Der Platz ist begrenzt und so bleiben viele Kleidungsstücke und Statussymbole, die den Menschen schmücken und von der Masse abheben würden,zu Hause. 

 

Wie eine Schnecke hat auch der Pilger kein prachtvolles Äußeres. Gedanken, Worte und Taten treten in den Vordergrund. „Du hast nichts zu essen dabei? Komm, setz dich mit an unseren Tisch!“ „Hat irgendjemand heute Peter und Irina gesehen? Ging es ihnen gut? Müssen wir zurückgehen und schauen, wo sie bleiben?“ Das gemeinsam verspeiste karge Abendessen aus Tomaten und trockenem Baguette, die Sorge um fußlahme ältere Ehepaare, das offene Ohr gegenüber Fremden und geteilte Schlafplätze. Sind das die alten Werte der Nächstenliebe? Unabhängig von Herkunft, Vermögen und Beruf gehört jeder zur Gemeinschaft der Pilger. Gespräche sind neugierig und offen und es werden viele Gedanken ausgetauscht.

 

Wie eine Schnecke bewegt sich der Pilger in aller Ruhe durch die Welt und hat Zeit für Details am Wegesrand. Die Augen finden die kleinen Knospen an den Kirschbäumen, ein rostiger Eimer säumt den Pfad, ein Schwätzchen mit einem spanischen Rentner über seinen liebevoll gepflegten Garten und ein geschenkter Apfel versüßen die Anstrengung. 

 

Vermisst der Pilger auf seiner Reise die Adler und Löwen seines Alltags? Nein, denn die kurze Zeit ohne Maskerade und Statussymbole bedeuten Freiheit für den Kopf und eine Besinnung auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens. Wie entspannt ist doch das Leben als Schnecke! 

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Poet’s Gallery Beitrag Februar 2019

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Sabine Gräter

Sabine Gräter, geboren 1952 in Tübingen. Neugierig und immer auf der Suche nach Veränderung und nach Geschichten, vor allem über Entwicklungen in persönlichen Lebensphasen und Grenzgängen zwischen den Kulturen. Der Neugierde folgend, lebte sie in Berlin und Stockholm. Nach 17 Jahren zurück in Deutschland, in Lübeck, freut sie sich nun über den wieder entdeckten spielerischen Umgang mit Sprache. Und darüber, Geschichten zu erzählen

 

Die Skulptur mit den drei Brüsten 

Dass er zum Abschluss seiner beruflichen und überaus erfolgreichen Karriere in eine solche Situation geraten würde, Prof. Dr. Jungbluth war entsetzt und er war schwer gekränkt. Jahrelang, um nicht zu sagen jahrzehntelang, war er der Fachmann, er war die Koryphäe, war Gutachter, Verfasser von Expertisen und Fachpublikationen. Für angehende Kunsthistoriker gehörte die Teilnahme an einem seiner Seminare zum absoluten Muss und kaum eine Antikensammlung kam ohne seine Beurteilung wichtiger Ausstellungsstücke aus. Unvergessen waren die Ausstellungen über Idole der Bronzezeit, Grabbeigaben oder auch „Götzen aus Ton, Marmor und Keramik“ - Ausstellungen, die ohne die fachliche Beratung und Betreuung von Prof. Dr. Jungbluth niemals zu solch internationalem Ruhm gelangt wären und es niemals in wichtige Museen in Wien oder New York geschafft hätten. Selbst deren Kataloge wurde inzwischen zu Schwarzmarktpreisen gehandelt. Für alle anderen Ausstellungen, die sein Fachgebiet auch nur berührten, galt,  dass zumindest seine Grußbotschaft die Kataloge zieren musste, um vor einem Fachpublikum bestehen zu können.  

 

Prof. Dr. Jungbluth streifte sich langsam die weißen Baumwollhandschuhe über. Er hatte feingliedrige Hände, die langen, durchscheinenden Finger hatten nie grobe oder handwerkliche Arbeiten verrichten müssen.  Ausgrabungen begleitete er selbstverständlich beratend. Die polierten Nägel waren akkurat gefeilt, auch ein Siegelring fehlte nicht. Das Wappen der Familie, erklärte er gerne,verliehen vom Fürsten für die Verdienste der Vorfahren im Pommernfeldzug. Letzteres stellten einige seiner Mitarbeiter allerdings in Frage. Man munkelte, er käme aus einfachen Verhältnissen und habe den Ring als Student in einem Antiquitätenladen erstanden. Frühere Kommilitonen bestätigten dies gerne und erzählten, wie er sich um Wirkung bemühte und heimlich im Gothaischen Genealogischen Handbuch las. Und wie er dann elegant und wie zufällig Insiderinformationen über europäische Adelshäuser einfließen ließ. Manchen war er zu glatt und hochmütig. Man störte sich an seinen perfekt inszenierten Auftritten, an Kaschmirpullovern in Pastelltönen und handgearbeiteten Schuhen. Nur die Hausmeister, ganz gleich in welchem Institut, die Hausmeister hielten große Stücke auf ihn. Sie lasen ihm jeden Wunsch von den Augen ab und unterstützten ihn. Sie schraubten, bohrten, reparierten und sie berichteten, wenn sich irgendwo etwas gegen ihn zusammenbraute. Zum Dank brachte er von  seinen Auslandsreisen kleine Geschenke mit, lud hin und wieder zu einem Gläschen Hochprozentigem ein, den er von Studienreisen in seinem Schrank verwahrte. Dann zwinkerte er und murmelte „na, nehmen wir einen vom Feinsten?“

 

So beliebt er bei Hausmeistern und technischen Mitarbeitern war, so skeptisch standen ihm die weiblichen Kollegen gegenüber. Sie fühlten sich blockiert und ausgebremst und nahmen deutlich wahr, dass er jedem Karrierewunsch im Weg stand, dass Institute, Sammlungen und Publikationen ausschließlich seine Plattform sein sollten. Hier hatte niemand Zugang und vor allem keine Frau. Manchmal, wenn er mit den Hausmeistern einen „vom Feinsten“ trank, gab er unverblümt seiner Meinung Ausdruck „Frauen studieren Kunstgeschichte, weil es schick ist und man interessante Männer trifft, nicht um sich wichtiger Forschung zu widmen.“ Er spreizte die Finger, kontrollierte seine Nägel und gab so unmissverständlich zu verstehen, dass die Gruppe der interessanten Männer von ihm angeführt wurde. Dies bekam auch Cornelia zu spüren, Cornelia von Achern. Sie trafen sich in Venedig, im deutschen Studienzentrum, er sollte wieder einmal eine seiner unzähligen Grußbotschaften verfassen. Sie war Stipendiatin  und adelig, aber selbstverständlich von niederem Adel, wie er beruhigt feststellte. Die Beziehung sollte nicht allzu lange dauern. Mit Argwohn beobachtete er die Geschwindigkeit, mit der die Fachöffentlichkeit auf sie aufmerksam wurde und sie sich einen Namen machte. Und er war sich sicher, dass dies mehr auf ein familiäres Beziehungsgeflecht und nicht so sehr auf ihre Leistung schließen ließ. Und vielleicht hatte sie die Beziehung zu ihm auch nur gesucht, um beruflich weiter zu kommen. Und vielleicht hatte sie erkannt, dass er für ihre Karriere wichtiger  sein könnte, als ihr niedriger Adelstitel. Wenn dem so sei, wäre wieder einmal seine These bestätigt: Frauen wählen dieses Fach, um interessante Männer zu treffen. Und er trennte sich von ihr. 

 

Ein heikler und provozierender Mensch, dessen persönliche Nähe  gemieden wurde. Nur in einem waren sich alle einig: er ist der Beste auf seinem Gebiet, an seiner fachlichen Kompetenz gibt es  keinen Zweifel. Sein Urteilsvermögen ist unbestechlich und absolut verlässlich. 

 

Und dann dieses. Ein unscheinbares weibliches Figürchen brachte sein Lebenswerk ins Wanken. Ein Kunsthistoriker brachte es aus Griechenland mit, in einem mit Samt ausgeschlagenen Behältnis. 

 

Eine kleine Keramikfigur, aufrecht stehend mit drei deutlichen Brüsten. Seit dem Fund einige Wochen zuvor war die griechische Fachöffentlichkeit außer sich. Die Museen einiger Inseln gerieten in schwere Auseinandersetzungen, selbst Athen hatte sich mittlerweile eingeschaltet. Jeder wollte sie haben, die dreibrüstige Göttin, das Symbol von Mütterlichkeit, den Kultgegenstand aus der Bronzezeit. Vielleicht müsste man Teile der Kulturgeschichte neu schreiben. Schon setzten sich erste interdisziplinäre, internationale Arbeitsgruppen zusammen, man wollte nicht versäumen, von Anfang an dabei zu sein. Königin, Fruchtbarkeitsgöttin, Chimäre, Symbol der Mittelsteinzeit? Die Phantasien kletterten bereits jetzt in atemberaubende Höhen, man träumte heimlich von Forschungsgeldern und Auszeichnungen. Von hochdotierten Preisen und zusätzlichen wissenschaftlichen Arbeitsplätzen. 

 

Alle wollten sie haben, sie erforschen, ganz vorne dabei sein.  Alle wollten sie haben, aber die Sammlung von Prof. Dr. Jungbluth sollte sie bekommen. Sein Name war zu bedeutend.

 

Seine behandschuhten Hände nahmen mit großer Vorsicht das Kästchen aus Griechenland entgegen. Die Mitarbeiter und der griechische Kollege standen ergriffen neben ihm und selbst der Hausmeister hatte verstanden, dass hier etwas Wichtiges geschieht  und schaute sich das Geschehen voller Neugierde an. 

 

Prof. Dr. Jungbluth blickte auf  die Figur in ihrem unscheinbaren  Kästchen. Alleine schon die Form des Transportes erweckte sein Misstrauen. Samt als Verpackungsmaterial. Ein Holzkästchen, das ihn sehr an Großmutters Schmuckschatulle erinnerte. Und seine Großmutter war eine einfache Frau, die außer zwei Goldkreuzen und einem alten Rosenkranz keinen Schmuck besaß. Wenn er Kunstgegenstände auf Reisen schickte, achtete er auf das richtige Verpackungsmaterial, auf Dämmkisten, Temperatur und Temperaturschwankungen. Und bei besonders wertvollen Stücken begleitete er den Transport selbst. 

 

Er sah sich die Figur an. Mit aufmerksamen Blick, die Brille elegant nach oben geschoben, untersuchte er von allen Seiten. Die behandschuhten Finger hielten die Figur vorsichtig, fast zart. Dabei zog er die rechte Augenbraue hoch, ein untrügliches Zeichen für höchste Konzentration. Er hielt die Figur vorsichtig, drehte sie behutsam, in seiner Mimik jedoch lagen Skepsis und ein klein wenig  Ablehnung. Sein Urteil war deutlich und gnadenlos: es ist unvorstellbar, dass diese Figur aus der Bronzezeit stammt, stehende dreibrüstige Göttinnen sind literarische Erfindungen und gehören auch dorthin. Als Fruchtbarkeitssymbol hätte sie zumindest eine hockende Haltung, aber so...diese Figur war eine Fälschung. Für die Fachwelt kam diese Expertise wie ein Donnerschlag. Sein Urteil galt. Für ihn war dies einer der Glanzpunkte seiner Karriere. Und die dreibrüstige Göttin landete in der hinteren Ecke eines dunklen Regalfaches. 

 

 Es folgten Monate  härtester Untersuchungen, von Zeitbestimmungen und komplizierten Messungen, von  Gutachten über Einschlüsse in der Keramik und Vergleichen formaler Elemente. Landkarten wurden gewälzt und Gräber in der Umgebung der Fundstelle untersucht. 

 

Prof. Dr. Jungbluths Urteil blieb.

 

Ein Jahr später, Prof. Dr. Jungblut war gerade dabei, seine Hinterlassenschaften im Institut zu ordnen. Er hatte schon länger das Pensionsalter erreicht und wollte endlich das, was ihm zustand, auch bekommen. Er nannte sich nun Privatier und war auf dem Weg nach Locarno. Dort, in seiner Sommerresidenz wollte er an seinem mehrbändigen Werk über die Bedeutung von Götzen, Göttern und Idolen schreiben.  

 

Endlich würde er das Leben führen können, das ihm zustand. Da brachte der Postbote einen dicken Umschlag. Per Einschreiben. Also wichtig.

 

Umsichtig öffnete er ihn, nahm den Stapel Papierblätter heraus und begann zu lesen. Er setzte sich. Schaute zunächst erstaunt, dann ungläubig. Schweißperlen siedelten sich um seinen Mund herum an. Die Oberlippe zitterte, dann sehr zart die Hände.

 

Fachleute aus Athen, Valletta und London kamen nach einjähriger akribischer Untersuchung zu dem Schluss: „Die dreibrüstige Göttin ist echt. Es ist eine Grabbeigabe von größter Bedeutung. Sie wird Anlass sein, Gräber und deren Beigaben neu zu bewerten.“ 

 

Prof. Dr. Jungbluth hatte sich geirrt. Zum ersten Mal in seiner Karriere. Und dies zum Ende seiner Laufbahn. Ein nicht wieder gut zu machender fachlicher Einbruch. Ohne die Chance einer beruflichen Rehabilitation. 

 

Die dreibrüstige Göttin wurde aus der dunklen, hintersten Ecke eines  Abstellraums befreit. Sie bekam den Platz, der ihr zustand, sie wurde nach London ins National-Museum geholt. Dort stand sie sorgsam bewacht und durch Panzerglas geschützt . Ergriffen standen die Besucher vor ihr, wollten nur einmal einen Blick auf sie werfen.

 

In Locarno schlang sich Prof. Dr. Jungbluth seinen zartblauen Kaschmirpullover um die Schultern und ging auf seine tägliche Promenade. Er fühlte sich bestätigt: selbst als Keramik waren Frauen ein Problem. Die Schmach des einzigen Irrtums seiner Karriere saß tief. Und er fühlte sich als Opfer der unprofessionellen, unsachgemäßen und dilettantischen Behandlung und Überführung eines so wichtigen Kulturgegenstandes. Nur so war dieser Irrtum überhaupt möglich geworden. Monatelang war er nicht erreichbar und vertiefte sich in seine wissenschaftliche Arbeit. Nach langen Überlegungen hatte er beschlossen: sein mehrbändiges Werk würde sich der Forschung über dieWagenlenker von der Antike bis zur Neuzeit widmen. 

 

Fachwelt, wissenschaftliche Fernsehsendungen und Verlage würden sich um ihn und seine Arbeit reißen. Er hauchte auf seinen Siegelring und polierte ihn vorsichtig  mit zartblauem Kaschmir. 

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Poet’s Gallery Beitrag Januar 2019

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Barbara Schirmacher

Barbara Schirmacher wuchs in Heiligenhafen an der Ostsee auf. Sie studierte in Hamburg und Tübingen Pädagogik und Theologie und war etwa 20 Jahre lang Lehrerin.

Dann ließ sie sich zur Psychotherapeutin ausbilden und arbeitete in eigener Praxis. Sie zog drei Kinder auf, lebt mit ihrem Mann in Hamburg und hat Freude an ihren fünf Enkelkindern. Das Schreiben ist indessen in den Mittelpunkt ihres Lebens gerückt.

Nachstehend präsentieren wir den Beginn von „Ein aufrechter Mensch. Mein Großvater Otto Globig“, BoD – Books on Demand, Norderstedt 2018, von Barbara Schirmacher. Die Autorin begibt sich dabei auf Spurensuche nach ihrem Großvater, dem die unverbrüchliche Freundschaft und Treue zu dem jüdischen Arzt, der seiner Tochter einst das Leben rettete, unter dem Regime des Naziterrors zum Verhängnis wurde und dessen Schicksal über Jahrzehnte unter dem Siegel des Verschweigens verborgen war. 

 

Ein aufrechter Mensch

Mein Großvater Otto Globig

 

Lieber Großvater,

ich bin noch nicht geboren, doch Du weißt, dass ich schon bei Mama im Bauch bin. Und ich weiß, dass Du heute der einsamste Mensch auf der Welt bist. Allein in einer Gefängniszelle, an einem Ort, wie er trostloser nicht sein kann. Jetzt, wo die Zellentür hinter Dir zugefallen ist und der Wachmann sich entfernt hat, bin ich, Deine erste Enkelin, zu Dir geschlüpft. Weil ich Dir etwas sagen muss. Etwas Wichtiges: Ich freue mich auf Dich, meinen Großvater! Ich hab Dich lieb. Ich freue mich darauf, Dich kennenzulernen, Dir näher zu kommen.

Deine ungeborene Enkelin Im Sommer 1940

Jahrzehnte später 

Jahrzehnte später stieß ich in einer Ausstellung in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin auf ein Schwarz-Weiß-Foto. Es zeigte eine Zelle des Strafgefängnisses Tegel. Der Eindruck des düsteren schmalen Raumes legte sich augenblicklich beengend um meinen Brustkorb und ich wich unwillkürlich zwei Schritte zurück. Eine vom vergitterten Fensterchen schräg über Hocker und Pritsche einfallende Lichtbahn verstärkte die hoffnungslose Atmosphäre.

Die Ausstellung war einem der prominenten Gegner des Nationalsozialismus, Helmuth James von Moltke, gewidmet. Er und seine Frau Freya hatten während seiner Haftzeit fast täglich Briefe gewechselt. Sie schrieb ihm nach der Verurteilung zum Tode, es sei ihr ein Trost, dass er nicht für Hitler sterbe wie die vielen da draußen, sondern gegen ihn. 

Mein Großvater war einer der kleinen Leute. Er führte ein anständiges, unauffälliges Leben, wie unzählige andere auch. Dennoch wurde er verurteilt. Sein Freund, der Rechtsanwalt, war nach der Verhandlung so erschüttert, dass er kaum bemerkte, wie der Zug von Berlin zurück nach Landsberg über die Oderbrücke rumpelte. Lange hat meine Großmutter ihm auf seinen Bericht hin den Rücken zugekehrt. Lange stand sie am Fenster und starrte mit ihren tiefblauen Augen blicklos nach draußen. In einer Wortlosigkeit, aus der sie ihr Leben lang nicht wieder herausfinden sollte, wenn es um ihren Mann ging.

Die Wahrheit über meinen Großvater, ein unter dem Nebel des Verschweigens verborgenes Geheimnis. Seit dem Besuch der Ausstellung rumorte es in mir, ließ mich nicht mehr los. Noch einmal löcherte ich Tante Gertrud, als sie bereits in ihren Achtzigern war. Als Angestellte der Polizeiverwaltung, das Büro mit Aussicht auf den Gefängnishof, hatte sie ihren Vater im Blickfeld, als er dort während der Untersuchungshaft seine Runden drehen musste. 

Ob er einmal zu ihr hinauf gewinkt hat? Er wusste doch wahrscheinlich, in welchem Zimmer der Polizeiverwaltung ihr Schreibtisch stand. Ebenso wird ihm klar gewesen sein, dass sie ihn von oben sehen konnte. Aber – wollte er sich überhaupt zu erkennen geben? Oder lähmte ihn die Scham? Die Scham, den Blicken seiner Tochter ausgesetzt zu sein. Ohne die Möglichkeit, sich diskret der Situation zu entziehen. Jeden Tag wieder gezwungen, diese Stunde durchzustehen. Hinter seinem Vordermann her trottend im engen Kreis. Hände auf dem Rücken. Blick zu Boden. „Ich hab ihn gesehen, den Papa, im Gefängnishof, man kann sich ja vorstellen, wie mir zumute war“, sagte sie. Dann schwieg sie wieder und es war klar, sie würde auch diesmal nicht weitersprechen. Ich nickte und begrub meine letzte Hoffnung, doch noch etwas über das hinaus, das ich von meiner Mutter über ihn wusste, von ihr in Erfahrung zu bringen.

*

Doch der Stein, der mit der Ausstellung in der Berliner Gedächtniskirche ins Rollen gekommen war, ließ sich nicht mehr aufhalten. Es arbeitete in mir. Meine Gedanken kreisten um die Ereignisse, die sich seit seiner Verhaftung abgespielt haben mochten. Die Bruchstücke, die ich herausbekam, ergänzte das Bewusstsein mit Bildern, die in mir aufstiegen, und Atmosphären und Empfindungen, die sie untermalten.

Der Familie, auch ihm selbst, musste klar gewesen sein, er würde im Gefängnis nicht lange durchhalten. Von Tag zu Tag spürte er den Druck in seinem Herzen stärker werden. Ein zierlicher Mann, von schlankem Knochenbau. Schon in guten Zeiten neigte er zur Hohlwangigkeit. Jetzt, in der Haft, vertieften sich die Schatten in seinem Gesicht von Tag zu Tag. Er atmete auf, als sein Rechtsanwalt, ein guter Freund der Familie, der an Sommerabenden gern auf ein Gläschen zu ihm in den Garten kam, endlich nach Wochen die Nachricht brachte, dass die Untersuchungshaft ein Ende haben würde. Die Gerichtsverhandlung war für den 3. Juni 1940 angesetzt. Allerdings nicht in Landsberg an der Warthe, sondern in Berlin. Am Sondergericht. Der Rechtsanwalt entschloss sich, dies nicht als schlechtes Omen zu nehmen, und ermutigte seinen Freund Otto nach Kräften. Wir fahren nach Berlin zu der Verhandlung und abends sind wir wieder zurück in Landsberg. Selbst die Nazis können aus einer solchen Bagatelle nichts Großes machen. Otto Globig fuhr also zuversichtlich nach Berlin. Mit Handfesseln, hinten auf der harten Holzbank der Grünen Minna, begleitet von einem Wachmann. An den vergitterten Fensterchen huschten die Chausseebäume des Warthebruchs in ihrer frühsommerlichen Pracht vorbei. Die Kirschbäume in seinem Garten hatten hoffentlich gut angesetzt. Wie jedes Jahr würde er einen Teil der Ernte zu Kirschwein verarbeiten. In einer Anwandlung behaglicher Tatkraft wollte er sich die Hände reiben und wurde sich ruckartig der Handfesseln bewusst. Das Polizeiauto rumpelte auf den Pflasterstraßen von Küstrin und Ottos Herz machte Sprünge. Das schmerzte. Wenn alles gut ging, würde er das Gericht als freier Mann verlassen. Dafür würde sein Verteidiger plädieren. Unbescholtener Bürger Landsbergs, nein, unbescholtenes Mitglied der Volksgemeinschaft, in tapferem Einsatz als Soldat im Ersten Weltkrieg hatte er dem Vaterland seine Gesundheit geopfert und brachte auch jetzt Opfer ohne Rücksicht auf die eigene berufliche Existenz. Sein eigentlich unabkömmliches Auto stand im Dienst der neuen Zeit und seine ausgedehnten Dienstfahrten in die Umgebung Landsbergs führte er, der gesundheitlich angeschlagene, vierundfünfzigjährige Angestellte der Victoria-Versicherung, mit dem Fahrrad aus.

Otto knirschte mit den Zähnen. Diese Hunde. Diese Hakenkreuz behängten Hunde. Grinsend zeigten sie die Zähne, als sie ihm den Autoschlüssel für kriegswichtige Zwecke abnahmen. Höhnisch grüßten sie ihn mit ihrem Heil Hitler aus dem offenen Wagenfenster seines Opel Olympia, auf dem Rücksitz zwei lachende junge Frauen.

*

Otto Globig war ein Junge vom Lande. Seine Mutter führte die Gastwirtschaft im Dorf Gruhno, Kirchspiel Friedersdorf, Kreis Luckau, wo er 1886 geboren wurde. Als sein Vater starb, war Otto gerade elf Jahre alt. Als die Mutter dem Vater ins Grab folgte, war er zwanzig. Nach Volksschule und Konfirmation arbeitete er in der Landwirtschaft, dann folgte der Militärdienst bei der Artillerie Seiner Majestät des Kaisers. Am 18. September 1911 wurde er bei der Victoria-Versicherung eingestellt. Der nun Fünfundzwanzigjährige arbeitete zunächst als Einnehmer. Ging von Tür zu Tür und kassierte wöchentlich die geringen Prämien für die Volksversicherung, eine 1892 eingeführte Lebensversicherung mit niedriger Versicherungssumme für die „untere Volksklasse“, so eine Verlautbarung der Victoria. Aus dem Ersten Weltkrieg kam er mit einer dreißigprozentigen Kriegsbeschädigung an Herz und Magen zurück und schaffte es trotzdem, in den Inflationswirren nicht mit der großen Zahl der Einnehmer entlassen zu werden, sondern in der Victoria-Versicherung voranzukommen. Er wurde Generalagent für Landsberg und Umgebung mit einem monatlichen Gehalt von 250.- Reichsmark plus Reisespesen und konnte sich 1934 sein erstes Auto leisten, einen Ford Cabrio, stolzes Zeichen seines Erfolges. Die beiden Töchter Gertrud und Gretel, meine Mutter, mit ihren damals zwanzig und neunzehn Jahren fast volljährig, machten bald den Führerschein und genossen eine weitere Facette ihres sorglosen Lebens als berufstätige, finanziell unabhängige junge Frauen. Ihr Vater ließ sie großzügig ans Steuer, wie er überhaupt seinen behaglichen Wohlstand gerne mit Freunden und Bekannten teilte. Er liebte Geselligkeit im sommerlichen Garten und an Winterabenden in der Meydamstraße bei Hausmusik und Kirschwein. Meine Mutter sprach gern von ihrem Papa; von ihr wusste ich, wie fröhlich er war und wie viel ihm daran lag, dass die Menschen um ihn herum es auch waren. Ich erinnere mich an das Foto auf der Anrichte in der Wohnstube im Heiligenhafen meiner Kindheit. Damals schienen mir seine Augen immer dunkel und traurig und ich hielt dem Bild nur deshalb etwas länger stand, weil die Mutter mit so warmer Stimme zu dem Foto hinsprach, mein Papa. Aber in mir scheute etwas davor zurück, Fragen nach ihm zu stellen.

Er hatte es gerne lustig, sagte die Mutter, und ich stellte mir vor, er hätte mich als kleines Mädchen kennengelernt. Er hätte meine Hand in seine genommen und wir wären zusammen um den See in seinem Garten gewandert. Er hätte mir dunkelrote Kirschen über die Ohren gehängt und vielleicht hätte er im Gartenhaus einen festen Bogen Papier gefunden und mir einen Hut gefaltet. Dann wären wir vom Bootssteg aus in den kippligen Kahn geklettert. Er hätte die Ruder ins Wasser getaucht und mir die große weite Welt gezeigt. Ich habe eine Postkarte gefunden, die er aus einem Kurort geschrieben hat. Er musste gut auf sein Herz achten. Auf dieser Karte schrieb er der Oma: „Die Damen hier tragen neuerdings Dauerwelle. Das sieht sehr hübsch aus. Lass dir doch auch so etwas machen.“ Und außerdem ermahnte er sie, und das hat mich ganz innig berührt, weil ich an das heiß gedrückte Fünfzigpfennigstück dachte, mit dem ich als Kind auf dem Jahrmarkt haushalten musste, er hingegen ermahnte sie: „Lass die Kinder tüchtig Karussell fahren.“ Wenn mein Großvater mit mir zum Jahrmarkt gegangen wäre ... Wie sehr vermisste ich ihn, wie sehr fehlte er uns allen. (...)

 

An dieser Stelle laden wir zugleich herzlich ein zu der Lesung von Barbara Schirmacher im Rahmen der 

Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus 

Hauptkirche St. Michaelis 

am 27. Januar 2019, 16:00 Uhr.    

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Hans Happel: Eine Weihnachtsgeschichte:

Joseph

 

„Schreibst du uns eine Weihnachtsgeschichte“, fragt mich Erna in einer E-Mail heute Morgen. Es ist der 7. November, draußen liegt kein Schnee, der Sommer war lang. Ein Spätsommertag, es soll bis zu 20 Grad werden. 

An Weihnachten denken? 

Ich denke an den Ausflug, den ich gestern nach der Schule mit meiner Freundin Elisabeth und mit Giovanni, dem Tänzer, gemacht habe. Wir waren in einem kleinen Hamburger Theater. Die Leiterin des Hauses hat uns die Tore geöffnet, sie möchte, dass wir in ihrem schönen Saal – in Winterhude – auftreten. Nein, nicht wir! Unsere Schüler. Sie sind 14, 15 Jahre alt, sie leben in 

Wilhelmsburg, auf der Elbinsel, und im Februar wollen sie in einem richtigen Theater, im „Fährhaus“, ihr Stück spielen. 

Es geht um einen Jungen, der in einer englischen Kohlestadt aufwächst, dort, wo die Männer keine Arbeit mehr haben und Jungs boxen lernen, damit sie zu Männern werden. Einer von ihnen, Billy, sieht in der Turnhalle neben dem Boxring eine Gruppe Mädchen Tanzschritte üben. Er stellt sich neben sie und beobachtet, was sie machen. Die Tanzlehrerin sieht den Jungen, sie sieht seine Neugier. Sie fragt ihn, ob er nicht mitmachen wolle. Billy würde es gerne, wenn er nicht Angst hätte – vor seinem Vater. Was würde der wohl sagen, wenn der Junge lieber tanzen wollte statt zu boxen. 

Aber Billy, sagt die Tanzlehrerin zu ihm, wessen Leben lebst du? Dein eigenes oder das deines Vaters? Billy fängt heimlich mit dem Tanzen an, bis es zum großen Krach kommt. Da muss er durch, er muss sich jetzt durchsetzen. Und endlich tanzt er in London vor und steht auf der Bühne und tanzt den Prinzen zur Musik von Tschaikowski. 

 

Unser Billy heißt Joseph, es fällt ihm gar nicht leicht, in diese Rolle hineinzuwachsen. Als wir ihn ausgewählt hatten, rieb er sich die Augen, er konnte es nicht glauben. Wenn er dienstags zur Probe erscheint, sieht es noch immer so aus, als hätte er sich gerade die Augen gerieben vor Verwunderung, dass er jetzt Billy ist. Aber wir halten an ihm fest, wir glauben an ihn. Wir sehen, dass er etwas ganz Starkes in sich trägt, etwas, für das er selber keine Worte finden würde. Vielleicht weiß er noch gar nicht, was da in ihm wächst. Wenn er auf der Bühne den tanzenden Mädchen zusieht, wenn er sich neben sie stellt und zum ersten Mal das Bein ausstreckt und die Arme hebt, dann spiegelt sich in seinem Gesicht alles auf einmal: Die Neugier und die Angst, so etwas niemals zu können. Und die Angst ausgelacht zu werden. Wie kann ein Junge nur solche Bewegungen machen? 

 

Solche eleganten, fließenden Bewegungen, wie der Tänzer Giovanni sie jeden Dienstag den Mädchen beibringt. Wie hast du das gelernt, fragt ihn meine Freundin Elisabeth nach unserem Besuch im Winterhuder Fährhaus. Wir sitzen im „Flutlicht“, einer gemütlichen Kneipe mitten in Wilhelmsburg, auf der Elbinsel, wo Giovanni wohnt. Er ist in Sizilien aufgewachsen. Auf dem Land, in Sichtweite des Vulkans. Seine Eltern waren einfache Bauern. Ich wollte immer tanzen, sagt er. Schon als Kind. Dann hatte er einen guten Lehrer in der Schule, der das Feuer sehen konnte, das in ihm steckt. Jetzt tanzt er in der Hamburger Staatsoper. 

Billy´s Geschichte ist ja deineGeschichte, sagt Elisabeth zu ihm. Kommst du deshalb zu uns in die Schule? Warum arbeitest du mit Kindern, die noch ganz am Anfang sind? Giovanni zögert keine Sekunde. Weil es schön ist mit diesen Kindern zu arbeiten. Weil ich den Boden unter den Füßen nicht verlieren will, weil ich geerdet sein möchte. 

Heute Morgen haben wir mit Joseph eine kurze Szene geprobt. Billy zeigt seinem besten Freund Michael, was ihm die Tanzlehrerin Mrs. Wilkinson gerade beigebracht hatte. Wie man sich hinstellt, und wie man sich dann dreht, immer schneller, ohne hinzufallen. Und hier sehe ich es: Wenn Joseph seinem Freund mit beiden Händen über den Rücken streicht, damit er ihn grade hält, wenn er Michaels Kopf vorsichtig anhebt, wenn er seine Arme richtet, damit sie die richtige Höhe haben, und wenn er sich dann neben ihn stellt und ihm zeigt, wie man es macht: dann fließt etwas durch ihn hindurch, dann geht etwas in ihn hinein, er wird größer und größer, sein Blick verändert sich, in seinen Augen sehe ich plötzlich ein Leuchten, einen Glanz, der von weither kommt, und der jetzt, in diesem Moment, aus ihm herausstrahlt. 

Joseph, sage ich, ich erkenne dich nicht wieder. Nenn´ mich Jeff, sagt er, so nennen mich alle meine Freunde. 

Ohne überhaupt nachzudenken, wage ich zu fragen, was ich mich nie getraut hätte: Jeff, wenn ich von dir erzähle, darf ich dann sagen: du bist dunkelhäutig, du bist farbig…? 

Nein, sagt er, ich bin schwarz. Er sieht mich an, als müsste er sich die Augen reiben, als wäre er sich nicht sicher, ob ich, sein Theaterlehrer, sein weißer Lehrer, blind bin. Er sagt: Ich bin ein Schwarzer, ein schwarzer Billy. 

Und noch in derselben Nacht schreibe ich meine Weihnachtsgeschichte und sende eine E-Mail an Erna: Ich möchte dir Joseph vorstellen!

Erna schreibt mitten in der Nacht zurück: Eine biblische Geschichte?

Ja, antworte ich, eine Geschichte, die mindestens zweitausend Jahre alt ist und jeden Tag aufs Neue passiert.  

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Poet’s Gallery Beitrag November 2018

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Petra Thelen:

Petra Thelen

Petra Thelen lebend und wirkend in Hamburg, unterrichtet seit 25 Jahren Saxophon und tritt regelmäßig auf Veranstaltungen auf. „Ich weiß eine Geschichte. Darf ich sie erzählen“, ist eine Frage, die sie gerne in die Runde stellt. Diese aufzuschreiben, ist ihre neue Leidenschaft.

 

Abschied

Nach längerer Zeit wollte ich mal wieder im Sommer meine Mutter, ja meine Eltern besuchen. Sie wohnten in einem Haus mit einem Grundstück am Wald in einem kleinen Dorf. Ich hatte mir abgewöhnt, dort hinzufahren, da es in der Regel trotz guter Vorsätze nicht dazu kam, dass ich in Gegenwart meiner Eltern so sein konnte wie ich war. Besuche in meine Heimat waren immer sehr aufwendig. Sechshundertsiebzig Kilometer lagen zwischen uns. In den letzten Jahren war mir bewusst geworden, dass es nicht die Kilometer waren, die räumliche Distanz, die körperliche Distanz, die mich abhielten, häufiger dort zu sein. Es war unsere Herzensdistanz. Alles was meiner Mutter wichtig war, schien mir unwichtig: Prestige, ein großes Haus, ein Mann mit einem hohen Posten, ein großer Garten, viele Kinder, putzen, waschen, kochen, Gemüse hochziehen, betreuen und ernten, einkaufen, nähen, sticken, Socken stricken, sich nach dem Leben des Mannes richten, immer da zu sein, wenn selbst die schon erwachsenen Kinder sie beanspruchten und an Wochenenden mit den Enkeln vorbeirauschten.  Am Sonntag in die Kirche  gehen und  dann  auch mit der Gemeinde ein Schwätzchen halten. Beten, sich um den Mann kümmern, alles in einem Atemzug.

Ich hingegen lebte in der Großstadt. Umgeben von Lärm, Autos, vielen Menschen, vielen Religionen, vielen Andersartigkeiten. Kein ständiges Groß, sondern ein ständiges Viel. Ich wollte meinen Horizont erweitern und andere Kulturen und Ansichten kennenlernen. Ich reiste gerne, immer dem Geldbeutel entsprechend. Ich liebte das Schwimmen, vor allem in Flüssen und Seen und da am liebsten mitten im Wald, wenn die Sonne durch die Blätter schien. Ich lernte für mein Leben gern, fing ständig Neues an, wollte mich wandeln und eine Andere werden, als ich war. Ich liebte das Lesen und Schreiben, Rhythmus und Melodien, Jazz, aber auch Pop und Rock und Reggae. Schlager, nein danke.

Als ich meiner Mutter in diesem Jahr, gebeutelt von ihrem letzten Schlaganfall und zu stolz mit einem Gehwagen durch das Dorf zu gehen, begegnete, erzählte sie mir von ihrem Masseur. Ein großer, schwerer Russe mit goldenen Händen. Wir gingen zusammen zu ihm und jede von uns genoss die Massage. Gemeinsamkeit. Herzensnähe. Es war am letzten Tag meines Besuchs. Am Nachmittag brachte sie mich zum Bus, da sie mich nicht, wie sonst üblich, mit dem Auto zur Bahn bringen konnte. Abschied. Sie winkte mir lange nach. Es war das letzte Mal, dass ich sie sah.

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Poet’s Gallery Beitrag Oktober 2018

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Jürgen Schöneich

Jürgen Schöneich

schreibt für Geld, was seine Kunden lesen wollen. Seit über zehn Jahren verfasst er auch Texte für sich selbst, die er gerne vorliest. Meist sind es kurze Prosastücke mit Überraschungen und kleinen Provokationen. Manches davon findet sich unter www.berlinermax.de und in der Anthologie „Geschichten  aus dem Frühstücksraum“. Jürgen Schöneich lässt sich gern zu Lesungen einladen,

Jürgen Schöneich: Kontakt unter berlinermax@gmx.de

 

Waldschwimmbad.

Was wir gern vergessen, wenn wir uns der Sehnsucht nach Natur hingeben, ist, dass es in Deutschland keine unberührte Natur mehr gibt, schon lange nicht mehr. Es ist alles Kulturlandschaft. Ich gehe durch den Ort hinauf zum Waldsee. In jedem Vorgarten steht ein Geländewagen. Meist die preiswerte Variante, die in Korea oder in Rumänien gebaut wird. Immerhin kann es hier auch mal zwei Meter Schnee geben, also sind Geländewagen in dieser Gegend nicht ganz so idiotisch wie fast überall sonst. In einigen Gärten wird gegrillt. Fleisch aus dem Schlachthof, von Papa gejagte Sonderangebote werden über die glühende Holzkohle vom Supermarkt gelegt. Der Weg geht steil aufwärts, hier treffe ich nie Fußgänger. Und dann bin ich am See, der Waldschwimmbad heißt. Ein kleiner See, etwas größer als ein Schwimmbad in der Stadt, allerdings nicht so rechteckig. Rundherum Bäume. Es ist so still, dass ich beim Umziehen den beiden Damen zuhören kann, die sich 200 Meter weiter erzählen, was sie heute zu Mittag gegessen haben, alles mit Käse überbacken. Hinter den Bäumen versinkt die Abendsonne. Ich gehe barfuß über den Rasen. Meine Füße sind es nicht mehr gewohnt, nackt zu gehen. Ich muss Einlagen tragen. So fühlt sich das kurze Stück bis zum Wasser fremder an als ein Spaziergang zum Nordpol. Der See ist von einer Mauer eingefasst, eine Leiter aus Metall führt hinunter zum Wasser. Unterhalb des Wasserspiegels sind die Stufen glitschig. Glitschig, das ist Natur für mich, irgendwie nicht sauber und ein bisschen gefährlich. Dieser romantisch anmutende See ist von Menschen gemacht. Hier in der Gegend gab es Bergwerke, und man hat über viele Kilometer ein kompliziertes System aus Gräben und Teichen angelegt, um möglichst viel Wasser zu sammeln und dessen Kraft für primitive Maschinen zu nutzen. Über 1000 Menschen haben in Jahrzehnten unter schwierigsten Lebensbedingungen das Grabensystem geschaffen. So ist das, was wir als ursprüngliche Natur bewundern, eigentlich das Zeugnis menschlichen Elends. Und natürlich von der Herrschaft des Menschen über den Menschen. Und auch den Erfindergeist nicht vergessen. Noch heute gibt es in der Gegend eine Universität im Wald, wo man vor allem Bergbau lernen kann. Die meisten Studenten kommen inzwischen aus China. Das Wasser ist kalt und irgendwie bräunlich. Immerhin, ich kann meine Hand unter Wasser sehen. Die Wasserfläche ist fast spiegelglatt, ich sehe Wasser und Bäume, die untergehende Sonne und den rötlich blauen Abendhimmel. Egal, unter welchen Umständen das hier entstanden ist, es ist wunderschön. Ich habe ein Naturerlebnis. Hinter mir sind lauter kleine Blasen auf dem Wasser, die ich irgendwie beim Schwimmern gemacht habe. Wenn ich zu nahe am Ufer schwimme, gerate ich in Wolken aus Insekten, die hektisch über den Wasserspiegel kreisen. Wie die Warteschleifen um den Frankfurter Flughafen herum, denke ich. Ob das Mücken sind? Hier ist Wasser und Natur, hier müsste es eigentlich Mücken geben. Lieber schwimme ich nicht so nahe am Ufer. Obwohl eine Mücke, wenn sie mich stechen will, mir sicher bis zur Mitte des Sees folgen könnte. Bis zu 15 Meter weit sollen Mücken Menschen riechen können. Ich bin ganz froh über das Insektensterben, aber das sage ich lieber nicht laut. Ich denke an Theodor Adorno und seinen Begriff vom Naturschönen. Die Idee, dass die Natur etwas Schönes ist, entstand laut Adorno in der Zeit der Manufakturen und der frühen Industrialisierung. Vorher war das „draußen“ für die Menschen vor allem eine Herausforderung, das Wetter konnte tödlich sein, es gab Raubtiere, Pesterreger und so weiter. Heute, wo wir uns eigentlich immer in Sicherheit wiegen können, wollen wir die Natur genießen. Wir trauen uns sogar, das prickelnde Gefühl von Gefahr zu erleben. Wir siedeln Wölfe in Deutschland an. Was wohl die Menschen, die den Waldsee gebaut haben, von dieser Idee gehalten hätten? Es droht natürlich keine Gefahr von den Wölfen, sie werden genau beobachtet, manche Tiere haben Sender. Es gibt ein Wolfsmanagement, das sich um alles kümmert, was im Verhältnis zwischen Wolf und Mensch passieren mag. Ich steige aus dem Wasser. Es gibt keine Umkleiden, so ziehe ich die Badehose aus, trockene mich ab und stehe ein paar Sekunden nackt am Ufer, bis ich meine Unterhosen angezogen habe. Ich stehe nackt im Wald, wie schon meine Vorfahren vor Tausenden von Jahren. Jetzt verschwindet die Sonne und die Nacht kommt. Es wird Zeit, wieder zurück zu gehen und mit dem Fahrstuhl in die Ferienwohnung zu fahren, die im fünften Stock eines Betonhochhauses liegt.  

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Landschaft ohne Farben

 

Die Berge ragten steil und erhaben gen Himmel. Es war einer dieser Tage, an denen alles stimmte. Die Sonne schien und tauchte die Landschaft in ein helles, warmes Licht. Schmetterlinge flogen zahlreich umher und ließen sich auf dem Meer von Blüten auf den Wiesen nieder. Insekten schwirrten durch die Luft und von weitem waren Kuhglocken zu hören. Bald würde es Herbst werden, aber noch atmeten die Gräser die Sommerluft und wuchsen um die Wette. Das versprach eine gute Heuernte. 

   

Ein kleiner Bach plätscherte durch die Mohnblumenwiese und diente zahlreichen Tieren als Erfrischung. Kleine Kieselsteine lagen im Wasser und glitzerten in der Sonne. Etwas unterhalb des Bachlaufs standen alte Apfel- und Pflaumenbäume. Am Ende der Wiese schlängelte sich ein schmaler Pfad hinab ins Dorf, welches nur aus wenigen Holzhäusern bestand. Jedes war mit Blumen an Fenstern und Türen geschmückt. Es war Mittagszeit und der kleine Bäckerladen hatte geschlossen, ebenso der Fleischer und der Krämer. Niemand war auf den Straßen zu sehen und die Stille war hörbar.  

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Vier Gedichte

                  

Die verlassenen Schuhe

 

Die verlassenen Schuhe

                       stehengelassen am Meer,

am Bett, im KZ, am schier

unüberwindbaren Berg.

Große und Kleine, selten alleine,

sehen mich an, aus gelebten Tagen.

 

Zufrieden mit sich, und gepflegt,

von dem, der darin im häuslichen Wohlbehagen

gelaufen, geliebt und gelebt.

Der wohl manches Mal, voller Kraft,

in diesen Schuhen gebebt.

 

Trotz Lasten und Bürden, trotz Freude und Leid.

Es ging über Felsen und Hürden,

über Berge und Heid.

 

Sein Blut, es pulsierte,

der täglich, und redlich marschierte.

Alle Spuren verwehte der Wind.

 

 

Das große Theater

 

Der Gaukler, der Pastor,

auch Oma und Vater.

Alle spielen hier mit, im Theater.

 

Für Privilegien stehen sie ihren Mann,

hetzen und rennen, und strengen sich an,

reichern mit Wissen und Schönheit sich an.

 

Die Menschen sind hungrig.

In endlosen Zügen suchen sie emsig,

sich zu vergnügen. In Industrie und

bei Führungsbossen brauchen sie Erfolg,

auch Gesinnungsgenossen.

 

Lassen sich nicht leicht beiseiteschieben, 

behaupten sich tapfer, für ihre Lieben.

Manch’ einer fällt dabei in den Sumpf,

denn so viel Wettrennen macht einfach stumpf.

 

Das endet mit Krankheit,

braucht Geld und Berater.

Vorbei nun das Spiel, im Welttheater.

  

 

Gewitter

 

Der Himmel zieht seine Vorhänge zu.

Unruhe, wechselnde Bühnenbilder.

Wolkenberge, rätselhaft, grau,

verhüllen in Eile das Frühlingsblau.

 

Schon drohen Blitze am Himmelsbogen,

zeichnen gefährliche Wirbel droben.

Das Wolkenspiel, du schaust es mit Bangen,

droht unheilschwanger, düster, verhangen.

Alarm aus der Ferne, ein grollender Donner.

 

 

Ein Meisterwerk

 

Der Morgentau hat nach 

dunkler Nacht, aus Spinnweben

ein faszinierendes Kunstwerk

gemacht.

 

Der Baumeister braucht keine

Hütte. Sein Unterschlupf liegt

wohlbeschirmt in seines 

Werkes Mitte. 

 

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Poet's Gallery Beitrag Juli 2018

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Jutta Weckermann

Dr. Jutta Weckermann

Ärztin und Diplominformatikerin.

Geboren 1959 in Siebenbürgen, heute Rumänien. Seit 1979 in der Bundesrepublik Deutschland 

Ich schreibe seit Jahren mit Freude in der „Kreativen Schreibwerkstatt“ im Haus im Park in Bergedorf. Meine Geschichten beruhen immer auf Tatsachen aus dem wirklichen Leben: Erinnerungen aus Kindheit und Jugend in einer anderen Welt, Nachdenkliches und Amüsantes aus meinem Alltag, Naturbeobachtungen aus unserem Garten. Und ab und zu entsteht auch ein kleines, lyrisches Gedicht.

 

Graf Dracula lässt bitten

 

Schon lange suchte ich eine Studienreise nach Rumänien, um meinem Mann, gebürtiger Bremer, die Kultur zu zeigen, aus der ich komme. Doch alle Anbieter beschränkten sich entweder auf die einzigartige Natur oder das moderne Rumänien. Das historische Erbe wurde nur am Rande gestreift. Im Frühjahr 2017 entdeckte ich endlich eine Studienreise mit dem Schwerpunkt „Kirchenburgen und Moldauklöster“, die ich nach Rücksprache mit meinem Mann umgehend buchte. 

 

Die Kirchenburgen sind eindrucksvolle Zeugen des deutschen Einflusses, der seit dem 12. Jahrhundert einen Landstrich geprägt hat, der historisch als Transsylvanien (frei übersetzt „Jenseits der Wälder“) bekannt wurde und der erst seit 1918 zu Rumänien gehört. Sieben der über 50 erhaltenen Kirchenburgen und Wehrkirchen und die befestigte Altstadt von Schäßburg zählen heute zum UNESCO Welterbe. Die wegen ihrer einzigartigen Außenbemalung weltberühmten orthodoxen Klöster der Moldau, kannte ich nur aus dem Geschichtsunterricht aus meiner Schulzeit in Rumänien. Damals war mir ein Besuch dieser heute zum UNESCO Welterbe gehörenden Sehenswürdigkeiten nicht vergönnt. Freies Reisen, selbst innerhalb des kommunistischen Vaterlandes, war ein für mich nicht realisierbarer Traum.

 

Als mein Mann Arbeitskollegen von unserem Vorhaben erzählte, wurde er ausschließlich auf Dracula, den mystischen Vampir, angesprochen, mit Sätzen wie „Nehmt genug Knoblauch mit“. Der Handwerker, der unsere schiefhängende Eingangstür wieder ins Lot brachte und mir dabei lebhaft den letzten seiner zahlreichen Afrika-Urlaube schilderte, reagierte auf die Nennung unseres nächsten Urlaubsziels mit dem Ausruf: „Dracula besuchen?“

 

Den 1897 erschienenen und später in unzählige Sprachen übersetzten Roman des irischen Schriftstellers Bram Stoker hatte wohl keiner gelesen, ich auch nicht. Aber die darin zum ewigen Leben erweckte Gestalt des untoten Grafen Dracula, der in einem düsteren Schloss in den Karpaten Transsylvaniens sein Unwesen als blutsaugender Vampir treibt, gehört mittlerweile anscheinend zum allgemeinen Kulturgut. 2017 begeisterte er als Graf Krolock das Publikum in Hamburg, in dem Musical „Tanz der Vampire“, das auf dem gleichnamigen Film von Roman Polanski beruht. Bereits in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ängstigte Graf Krolock in Wilhelm Murnaus Stummfilmklassiker „Nosferatu - eine Symphonie des Grauens“ die sich gruselnden Zuschauer. (Der Film wird auch heute noch bei Stummfilmkonzerten gezeigt.) 1979 gab es eine Auferstehung in „Nosferatu – Phantom der Nacht“ mit Klaus Kinski als Graf Dracula. Doch woher hatte Bram Stoker seine Inspiration? 

 

Einen starken Einfluss soll eine damals populäre Vampirgeschichte eines zeitgenössischen irischen Schriftstellers gehabt haben. Stoker verlegte die Handlung in das ferne Transsylvanien, angeregt durch Berichte über den lokalen Aberglauben (Untote, die nachts ihr Unwesen treiben). Die geografischen Details recherchierte er in einem damals geläufigen Reiseführer, dem Baedeker für Österreich-Ungarn, der 1895 bereits in der 24. Auflage erschien. Sogar die angegebenen Zugverbindungen sollen historisch belegt sein. Als Vorlage für seine Hauptfigur diente wahrscheinlich die sagenumwobene Gestalt des blutrünstigen Woiwoden Vlad Tepes, der Pfähler, der im 15. Jahrhundert im rumänischen Fürstentum Walachei südlich der Karpaten herrschte. Nach seinem Vater, der Mitglied des Drachenordens war, trug er den lateinischen Namenszusatz Draculae, Sohn des Drachen. „Dracul“ bedeutet in der rumänischen Sprache „Der Teufel“. Die Beschreibung des gräflichen Schlosses ist wohl einem Reisebericht entnommen, der sich vermutlich auf die Törzburg bezieht, die allerdings in den Südkarpaten liegt, weit entfernt von der Gegend, in der sich die Handlung des Romans abspielt. Dieser Umstand hat die touristische Vermarktung dieses Gemäuers als „Dracula-Schloss“ nicht verhindert. 

So standen mein Mann und ich im September 2017 mit unserer Reisegruppe am Fuße der ehemaligen Törzburg. Im 14. Jahrhundert von den Bürgern Kronstadts zur Verteidigung des Karpatenpasses gegen die Türken erbaut, war sie lange Zeit nicht nur Bollwerk, sondern auch Zollstation auf dem Handelsweg zwischen Morgen- und Abendland. Nachdem wir uns durch die Souvenirstände mit Dracula- und weiterer Horrorthematik geschlängelt hatten, keuchten wir den Weg zur Burg hoch, die auf einem steil abfallenden Felsen liegt. Drinnen empfing uns eine andere Welt. Die letzte Königin Rumäniens hatte hier ihre Sommerresidenz einrichten lassen, mit allem Komfort der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Transsylvanien war nach dem ersten Weltkrieg 1918 Rumänien zugesprochen worden. Kronstadt und die Törzburg lagen nun nicht mehr an der äußersten Grenze von Österreich-Ungarn, sondern mitten in Rumänien. Die kronstädter Bürger schenkten die Burg als Schloss Bran (Name der nächstgelegenen Ortschaft) ihrer neuen Königin. Nach dem Sturz des Kommunismus gehört es heute wieder ihren Enkeln, die es als Museum in Erinnerung an ihre Großeltern betreiben. Eine kleine Sonderausstellung widmet sich dem Mythos Dracula, seinem literarischen Schöpfer und dem historischen Vorbild.

Drei Tage später standen wir in der Altstadt von Schäßburg in dem angeblichen Geburtszimmer Draculas im ersten Stock eines Hauses, in dem Vlad Dracul, der Vater von Vlad Tepes, einige Jahre gewohnt hat, als er aus der Walachei fliehen musste. Historisch belegt ist aber, das dieses Haus erst später aufgestockt wurde. Heute befindet sich darin ein Restaurant und aus dem aufgestellten Sarg grüßt ein Schauspieler als „leibhaftiger Vampir“.

Doch es gibt auch Neuerscheinungen des Dracula Kults. Auf der Rückreise von den Moldauklöstern nach Siebenbürgen überquerten wir die Ostkarpaten. Mitten im Gebirge machten wir bei einem neu erbauten „Hotel Castel Dracula“ halt. Davor eine Büste von Bram Stoker, drumherum eine einzigartige Naturkulisse.

 

Der Mythos Dracula ist uns auf der ganzen Reise immer wieder begegnet. Belebt wird er auch durch den Aberglauben der rumänischen Bevölkerung, der sogar in unserer „aufgeklärten“ Zeit manchmal seltsame Blüten treibt, wie ich dem Internet entnehmen konnte. Mein Mann und ich haben als krönenden Abschluss dieses Themas im Dezember in Hamburg das Musical „Tanz der Vampire“ besucht. 

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Poet's Gallery Beitrag Juni 2018

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Wolfgang Brehme

Wolfgang Breme, 1954 auf einer Heumatratze in einem Dorf ohne Wasserleitung und mit Hausbrunnen am Rand des silva hercyniae (Harz) auf die Welt gepresst worden. Seitdem auf ihr umherirrend. 

Im Bildungs-, Berufs- und Familienzirkus sich mit wechselndem Erfolg abstrampelnd, ist eine Patchwork-Biografie entstanden, die, weil zu langsam, irgendwann im Leben von der hochbeschleunigten,

impulsüberreizten Welt, abgehängt wurde. Von da an weltrandständig, auf seltsam angenehme Weise frei, und am liebsten fußläufig das Dasein zu sich atmend. Bisweilen Sicht und Empfindung auf Papier niederlegend.

 

Himmelsschlüssel 

 

Endlich mache ich mich los. Allein. Mehrere Jahre hat es gedauert bis ich Mut und Kraft fand mir den Pilgerrucksack ganz allein aufzuschnallen, loszugehen und mir selbst zu begegnen. Das Thema hatte ich mir schon vor Jahren gefunden, war bisher aber nur in der Gruppe unterwegs. Gleich drei Wochen habe ich mir vorgenommen. Ich lief los bei Frostgraden und Schneetreiben, kam in Regen und Wind; und als ich aufhörte hatten die Buchenwälder ihr Blätterdach mit sattem Maigrün geschlossen.

 

Abends einkehren, morgens aufstehen und weitergehen, schweigen und hören, das ist der Tageslauf des Pilgers. Irgendwo auf dem thüringischen Eichsfeld hinter Heiligenstadt ging es durch den Wald. Zwei Stunden war ich flotten Schrittes dem Auf und Ab des Weges gefolgt, und war dabei einen ansteigenden Forstweg hinauf zum Waldrand zu schreiten. Da lahmten meine Schritte. Wie ein Zug, der in der Fahrt abstoppt. Halt auf freier Strecke. Keine Durchsage des Zugführers. Ich stand, ich stand ganz einfach im Wald, allein. Die Füße wollten ihren nächsten Schritt nicht tun. Gehirn an Fuß: Geh! Irgendwo unterhalb der Knie wird der Befehl nicht weitergeleitet. Erstaunen, durchatmen. Angst? Nein. Kopf und Herz sind ruhig. Muskulatur? Alles beweglich, bis auf die Füße. Hinsetzen auf den Wegeschotter? Nicht gefordert. Obenrum will sich nichts ablegen. Ich schaue auf die noch laublosen grauen, glatten Baumstämme der Rotbuchen. Im feuchten Untergrund der Talkerbe ein Teppich von Bärlauchblättern. Leichter Knoblauchgeruch in der Luft. Atmen und warten. Endlich die Durchsage: „Stehen sie bequem.“ Die Fußblockade löst sich, ich

trete abwechselnd mit den Füssen auf den Boden. Jetzt Yoga: Bewusstes gehen. Rechtes Bein anheben, Schritt machen, Fuß rollend absenken, Gewicht darauf lagern. Linkes Bein anheben, Fuß vorziehen, rollend absenken, Gewicht darauf lagern. Vorgang wiederholen, gleichmäßig ein und ausatmen. Ich brauche eine gute dreiviertel Stunde bis ich die fünfhundert Meter zum Waldrand geschafft habe. Ab dann geht es in gemächlichem Schritt bei kaltem Frühjahrsgegenwind auf eine

winzig kleine Kapelle zu, die am Weg liegt. Aus einer anderen Richtung kommt über den Feldweg eine Frau, die auch in Richtung Kapelle läuft. Der erste Mensch, den ich erblicke, seitdem ich hinter dem Stadtrand von Heiligenstadt in den Wald getreten bin. Sie erreicht vor mir das Klüs’chen. Es ist so winzig, dass eigentlich nur ein Mensch zur Zeit sich darin aufhalten kann. Deshalb dränge ich mich nicht hinein, sondern warte auf  den Wanderrastsitzen davor. Als sie heraustritt, begrüßt sie mich und setzt sich zu mir. Ich habe meine Trinkflasche und meinen Brotbeutel aus dem Rucksack geholt. Sie erkennt mich als Pilger, fragt nach meinem Woher und Wohin, was ich beantworte. Dann beginnt sie zu erzählen. Sie komme jeden Tag hierher. Es sei ihr ein Bedürfnis. Sie wohne im nächsten Dorf, vielleicht eine halbe Stunde von hier. Sie sei allein, ihr Mann nur am Wochenende da. Sie erzählt mir von der Geschichte des Platzes. Dass es in der Feldsenke vor uns, dort wo die Baumgruppe stehe, noch bis zur Schließung der Grenze eine Hofstelle gegeben habe, die schon Jahrhunderte alt gewesen sei. Und weil einer der Bauern im 19ten Jahrhundert es leid gewesen sei, sonntags bis zur Kirche im nächsten Dorf den langen Weg zum Gottesdienst zu machen, habe er um die Erlaubnis gebeten, hier auf dem Hügel des eigenen Ackers diese kleine Gebetsklause zu errichten. 

 

Wir verabschieden uns. Sie geht ihren Weg zurück, ich betrete die Klause. Ein winziger Altar, ein schlichtes Holzkreuz, ein Postkartenmarienbild, die Wachsreste von einigen herunter gebrannten Kerzen. Ein Heft mit Kugelschreiber, darin Einträge, Gebete. Links auf der nackten Sandsteinfelswand ein Stück blaue Pappe, in der Mitte aufgeklebt das vergilbte Foto eines jungen Mannes, kaum zwanzig mit Rucksack, aufgenommen vor weißen Häusern einer südlichen Stadt, umrahmt von einer Holzkugelkette mit Kreuz daran, malaartig. Darin die handgeschriebenen Worte: Markus, gestorben in Sevilla 2006. In ewigem Gedenken. Deine Eltern Ich erschrecke etwas. Dreißig Jahre zuvor war ich selbst als Backpacker durch diese Stadt gekommen. Die Frau mit der ich geredet hatte, war etwa fünfzig Jahre alt. 

Auf meinem Weg voraus am Feldrain blinkt es gelb. Ja, es sind die ersten Schlüsselblumen, die ich dieses Jahr sehe. Sie würden mich den Rest meines Pilgerweges an diesem Tag begleiten. Am frühen Nachmittag erreiche ich die Burg Scharfenstein, halte Rast in der Besuchercafeteria und blicke von der Terrasse in das weit gedehnte Tal der Leine, die ein paar Hügel weiter ihre Quelle hat. Vor der Burg eine Wiese voller blühender Himmelschlüssel. Mein Herz hüpft bei ihrem Anblick. Die Blumen führen mich zurück in meine Kindheit, in das Dorf wo ich geboren wurde, in die Feldmark auf die Wiesen wo sie wuchsen. Sie führen mich zu meiner Mutter. In meinen Kindertagen bin ich alljährlich zur Blütezeit losgegangen und habe ihr einen großen Strauß gepflückt. Ja, das hat ihr gefallen. Im März vor bald zehn Jahren starb mein Vater. Auf dem Weg zu seiner Beerdigung hatte ich noch keinen Blumenstrauß. Da entdeckte ich im Blumengeschäft einen Topf mit einer Schlüsselblumenpflanze darin. Die legte ich auf den Rasen, wo mein Bruder und ich seine Urne versenkten, auf dem Friedhof jenes Dorfes, wo ich herkam. Er, mein Vater, der mir zum dunklen Schatten meines Lebens geworden ist, sollte von mir für seinen Weg ein Werkzeug bekommen, dass ihm vielleicht helfen würde, einen hellen Ort zu finden. 

 

Ich überschreite den Sattel eines Bergrückens. Vor mir öffnet sich weit der Blick in die Landschaft. Sanft vor mir abfallend liegt eine Trockenrasenwiese, übersäht mit Himmelschlüsselchen. Der Wind ist kalt, die Sonne scheint klar vom Himmel. In der Ferne sehe ich das Städtchen, wo ich heute übernachten werde. Ich lege ab, setze mich in den Rasen, schaue und bin einfach nur da. Plötzlich ein Impuls in mir. Ich lege mich längs mit über mich gestreckten Armen quer zur Bodenneigung und lasse mich abwärts rollen. Erst langsam dann schneller. Meine Augen sind offen. Mal schaue ich in die Grasnarbe, mal zu den Blumen, mal zum Himmel. Ich verliere die Orientierung. Alles dreht sich, mir ist schwindelig. Ich rolle durch die Jahrzehnte meines Lebens zurück bis in meine Kindheit. Habe ich das wirklich zum letzten Mal als Kind gemacht? Die Wiese wird flacher, ich rolle aus, komme auf dem Rücken zu liegen, breite meine Arme aus. Ich fühle den kalten Boden unter mir, schaue in den blauen Himmel. Der Mann weint, der Junge ist einfach nur glücklich.

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Poet's Gallery Beitrag Mai 2018

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Reinhard Barth

Reinhard Barth, Dr. phil., geboren 1943 in Hamburg. Studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie und promovierte 1974 mit einer Arbeit über städtische Auseinandersetzungen im Spätmittelalter. 

Begann die Berufstätigkeit mit Schulfunk-Hörspielen zu historischen Themen. Danach Redakteur bei einem zeitgeschichtlichen Magazin und einem Münchener Verlagsbüro; betreute dort u.a. „Preußisches Lesebuch“ (Unipart, 1981), „Lexikon des Dritten Reiches“ (Südwest, 1985), „Illustrierte Geschichte des deutschen Kaiserreiches“ (Südwest, 1986), „Lexikon der Weltgeschichte“ (Martin Greil, 1990), „Lexikon des Zweiten Weltkrieges“ (Heyne, 1995) und die Reihe „Deutsche Bibliothek“ (Hilliard Collection, 104 Bände, 1981–1990), daneben Bücher über Rassehunde (Parey), Geschenkbücher und Bildbände zu Sportereignissen (Südwest, Lingen). 

 

Veröffentlichungen als Autor: „Wikinger“ (Taschenlexikon, Piper, 2002), „Frauen, die Geschichte machten“ (Primus, 2004), „Diktaturen in Europa“ (Vorwärts, 2005), „Wissen auf einen Blick: Mittelalter“ (Naumann & Göbel, 2007), „Alexander von Humboldt. Abenteurer, Forscher, Universalgenie“ (Bloomsbury, 2008), „Die Vermessung der Erde. Geschichte der Kartografie“ (Fackelträger, 2015). Widmete dem Hamburger Mietshaus, in dem er seit mehreren Jahrzehnten lebt, eine amüsante Biografie: „Das Haus“ (4 Bde. 1986–2014). 

Adresse: Haynstraße 1, 20249 Hamburg, Tel. 040 48 19 40

 

Paganini und der Löwe 

Wie lange dauert es, einen Witz zu erzählen? Doch höchstens eine Minute. Ich habe aber mal jemand einen Witz erzählen hören, der bestimmt eine Viertelstunde oder noch länger dauerte. 

 

Es war vor 50 Jahren auf einer Party, die von Mitgliedern der Musikalischen Arbeitsgemeinschaft am Gymnasium Blankenese, kurz MAG, veranstaltet wurde. Nun waren das gar keine Schüler mehr, die in dem Laienorchester spielten, sie waren längst Studenten oder Berufstätige, aber sie trafen sich immer noch, gaben Konzerte und versammelten sich in froher Runde, so auch diesmal an einem Sommerabend im Garten einer Villa in Blankenese, und mein Bruder, als Bratschist in der MAG engagiert, nahm mich mit.

 

Ich verwahre ein Foto von der Party, ein kleines Schwarzweißbild, das mich beim Tanzen auf der Terrasse mit einem Mädchen namens Letizia von der Recke zeigt, die in einem Schloss an der Elbchaussee wohnte. Ich trage einen dunklen Anzug mit weißem Hemd und Schlips – den Verhältnissen entsprechend, die im Jahre 1965 oder 1966 herrschten. Immerhin, in klassischer Tanzhaltung bewegen wir uns nicht, jeder hampelt für sich, so weit hat der neue Geist schon Einzug gehalten. 

 

Einige tanzten nicht, sie scharten sich auf dem Rasen um einen Mann, der, wie mir mein Bruder erklärte, ein Talent zum Geschichtenerzählen besaß. Er war vielleicht etwas älter als die übrigen. Wenn ich mich recht erinnere, spielte er in der MAG Kontrabass und betätigte sich am Wochenende als Tanzmusiker im Café Schircks, wo am Samstagabend „Kökschenball“ war, eine Form der Geselligkeit, die lange schon verschwunden ist, genauso wie der Ort, an dem sie stattfand. Das Café, ein Holzbau auf Stelzen am oberen Ende der Blankeneser Strandtreppe, wurde abgerissen und durch einen Block mit Eigentumswohnungen ersetzt.

 

Irgendwann, als ich mit Letizia von der Recke oder anderen Mädchen genug getanzt hatte, gesellte ich mich zu der Runde, die dem Erzähler lauschte. Es waren wohl musikalische Anekdoten und Witze, die er zum Besten gab, von der Art: „Warum wird das Horn ein göttliches Instrument genannt? Antwort: Der Mensch bläst hinein, aber nur Gott weiß, was herauskommt.“ Oder: „Jeder weiß, dass Bratschisten ganz besonders unaufmerksam sind und nie zum Dirigenten hingucken. Nun trifft es sich, dass der Dirigent erkrankt ist. Einer der Bratschisten hat eine Ausbildung als Dirigent, also wird er vorne ans Pult gestellt und macht seine Sache wohl auch ganz ordentlich. Nach einer Woche ist der richtige Dirigent wieder da, und der Ersatzmann kehrt an seinen Platz zurück. Fragt sein Nachbar: ‚Sag mal, wo warst du die ganze Zeit?’“ Oder: „Yehudi Menuhin bekommt einen Brief. ‚An den größten Geiger der Welt’ steht auf dem Umschlag. ‚Der bin ich nicht’, sagt er und schickt ihn weiter an David Oistrach. Der gibt ihn seinem Sohn Igor. Der öffnet ihn und liest: ‚Lieber Helmut Zacharias’.“ (Heute erzählt, würde man natürlich andere Namen einsetzen, vielleicht André Rieu oder David Garret?)

 

Ich weiß nicht, ob ich diese Witze seit jenem Abend kenne. Auf jeden Fall blieb mir aber einer hängen, einer, den der Erzähler kunstvoll in die Länge zu ziehen wusste. Es war der Witz von Paganini und dem Löwen. Der hätte sich gewiss auch in ein paar Sätzen abhandeln lassen, aber der Erzähler kam ins Spinnen darüber, und das lag natürlich daran, dass von Musik die Rede war. Da geht das Spinnen leicht.

 

Die Einleitung des Witzes geht ungefähr so: Jeder kennt Paganini, den dämonischen Geigenvirtuosen und Komponisten. Aber wisst ihr auch, wie er zu Tode gekommen ist? Gestorben 1840 in Nizza, sagt das Lexikon. Stimmt nicht, es geschah bei einem Schiffsunglück im Mittelmeer vor der nordafrikanischen Küste. Folgt der Witz:

 

Paganini hat in Genua ein Schiff zur Überfahrt nach Alexandrien bestiegen, wo er vor dem Sultan von Ägypten ein Konzert geben soll.  

 

Das gab Gelegenheit, sich mit einer Aufzählung der Stücke zu beschäftigen, die Paganini in Alexandrien hätte spielen können. Vorschläge des Publikums nahm der Erzähler gern entgegen, achtete aber darauf, dass keine Komponisten ins Programm geschummelt wurden, die zu Paganinis Zeiten noch gar nicht auf der Welt waren. Also, Sarasates „Zigeunerweisen“ – abgelehnt, Tartinis „Teufelstrillersonate“ – akzeptiert, Max Bruchs Violinkonzert – abgelehnt.

 

Paganini befindet sich auf dem Meer, geht die Geschichte weiter. Da kommt das Schiff in einen Sturm und geht unter. Paganini kann sich als einziger an Land retten. Seinen Geigenkasten neben sich, schläft er ermattet am Strand ein. Als er aufwacht, findet er sich in einem Halbkreis von Löwen umgeben.

 

Das malte der Erzähler in breiten Strichen aus: Paganini Aug in Auge mit einer Löwensippe, alte, junge, Weibchen, Männchen, wie sie den Schiffbrüchigen mustern, Mordlust im Blick.

 

Was soll Paganini machen? Vielleicht kann er sie mit Musik ablenken? Er öffnet den Geigenkasten, holt seine Stradivari – oder war`s eine Guarneri? – heraus, stimmt kurz und spielt eines seiner berühmten Capriccios. Zwischendurch wagt er einen Seitenblick. Die Löwen lauschen. Als er mit dem Stück fertig ist und die Geige wieder einpacken möchte, knurren einige Löwen und schlagen mit den Schwänzen. Hastig nimmt Paganini das Instrument wieder zur Hand. Das nächste Capriccio. Die Löwen lassen zufriedene Geräusche hören und machen es sich gemütlich. So ist das also, sagt sich Paganini. Solange du geigst, fressen sie dich nicht. Also geigt er weiter, geigt sein ganzes Programm herunter, das er sich für Alexandria vorgenommen hat, und das früherer Konzerte auch noch. 

 

Da konnte der Erzähler in die Vollen gehen. Mit dadimdada und dideldidum imitierte er die großen Solonummern der Violinliteratur von Vivaldi bis Beethoven, sprach von Sechzehnteln und Zweiunddreißigsteln, Doppelgriffen und Springbogenspiel, von Pizzicato und Arpeggio, Staccato und Flageolett und verlor sich schließlich in eine Schilderung, wie nach mehreren Stunden Geigens erst eine Saite an dem Instrument reißt, dann eine zweite und dritte und Paganini schließlich nur noch auf der letzten, der G-Saite, weitergeigt. Aber er wäre ja nicht Paganini, wenn er nicht auf einer Saite hinbekäme, was andere nur auf vier schaffen! Ganz sensationell, sogar die Kadenz seines großen D-Dur-Konzertes kriegt er hin, dideldideldum da di da da da, und gerade will er ansetzen, auch noch das berühmte Rondo „La Campanella“ aus dem h-Moll-Konzert auf einer einzigen Saite zu spielen, versicherte uns der Erzähler – 

 

Da löst sich aus der Reihe der Tiere ein uralter Löwe mit grauer zottiger Mähne, richtet sich vor Paganini auf, öffnet seinen Rachen – und beißt ihm den Kopf ab. 

 

Die anderen Löwen fahren aus ihren seligen Träumen auf. Ein Murren erhebt sich, das immer lauter wird, ein Fauchen und Gebrüll. „Warum hast du das gemacht“, schreien sie den alten Löwen an, „er hätte bestimmt noch länger gespielt!“ Der Alte aber erhebt eine Vordertatze und hält sie hinters Ohr. „Häh?“ macht er und guckt verständnislos in die Runde.

 

Ein schwerhöriger Löwe als Mörder des großen Virtuosen, mit der Pointe hatte wohl niemand gerechnet. Zufrieden heimste der Erzähler den Beifall seiner Zuhörer ein. Und ich ging auf die Suche nach Letizia von der Recke, um sie zum nächsten Tanz zu engagieren.

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Poet's Gallery Beitrag April 2018

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Sabine Bellmund

Geb. 1963 in Hannover

Nach dem Abi 1980 als Au-pair in Spanien

Reise durch Griechenland und die Türkei

Studium in Göttingen: Germanistik, Geschichte und Ethnologie

Zwei Urlaubssemester: Aufenthalt in Sri Lanka, Thailand , Indonesien und Nepal

Beendigung des Studiums in Hamburg; seit ´88 an der Uni tätig; lange in Hamburg (Promotion), ab 2008 in La Laguna/ Teneriffa. 

Immer wieder andere Welten suchend: Indien, Myanmar, Äthiopien, Jordanien, Namibia, Marokko… am liebsten erlebe ich die Landschaften zu Fuß, wandernd, manchmal zu Pferd.

An Menschen bewundere ich ihre Fähigkeit zur Empathie und ihre Schaffenskraft, Kreativität und Fantasie. Fantasie ist für mich keine Möglichkeit, der Wirklichkeit zu entfliehen, sondern sie zu gestalten.

 

Die Hochzeitstorte

 

In den Steinmauern war es noch kühl, aber draußen kündeten die Zikaden von der beginnenden Hitze, obwohl es noch so früh am Morgen war. Sie schlüpfte aus dem dünnen Baumwollhemd, schüttete  Wasser in einen Zuber und wusch sich das Gesicht, die Arme und die Hände. Das dunkle Haar kämmte sie streng zurück und zog ihre Arbeitskleidung an – einen Leinenkittel mit Schürze, den sie trug, solange sie denken konnte. Schon als Kind stapfte sie in einem Kittel ihrer Mutter hinterher, die mit Staubwedel und Kehrrichtschaufel durch die großen Säle eilte. 

 

Ein kurzer Blick in den Spiegel, der das Bild ihres sanften Gesichts mit den schwarzen Augen zurückwarf, und sie eilte in die Küche, die zu dieser frühen Stunde noch still und verlassen dalag. Aber heute war ein ganz besonderer Tag und bald würde die Küche von Geschäftigkeit, Gerüchen und Stimmen erfüllt sein. Dutzende von fleißigen Händen, die schnitten, rührten, wendeten, kneteten und brieten, um das köstliche Menü für die Hochzeit des einzigen Sohnes zu zaubern. Und ihr oblag die krönende Aufgabe, die Hochzeitstorte zu kreieren. Denn sie war die Königin der Küche oder zumindest der Patisserie, seit sie sich mit zwölf Jahren entschlossen hatte, nicht mehr ihrer Mutter mit dem Staubwedel durch die Säle zu folgen, was sie langweilig und ermüdend fand, sondern nur noch die Köchinnen bei ihren geheimnisvollen Zubereitungen zu beobachten. Sorgsam reihte sie alle Zutaten vor sich auf, die sie normalerweise zum Backen verwendete. Aber eine Hochzeitstorte war kein gewöhnlicher Kuchen, sondern sollte eine Bedeutung haben, etwas von der Persönlichkeit der Vermählten widerspiegeln. Nun, die Braut kannte sie kaum. Ein oder zweimal hatte sie sie im Vorbeifahren in der Kutsche gesehen. Eine Schönheit ohne Zweifel, wie alle behaupteten. Ansonsten hatte sie wenig in diesem feinen beherrschten Gesicht ablesen können: hatte sie Humor? Besaß sie ein großzügiges Herz? War sie mildtätig? Vielleicht lustig, amüsant? Liebte sie die Menschen und das Leben? Sie wusste es nicht. Aber ihn – wie lange kannte sie ihn? Sie war drei Jahre alt gewesen, als sie mit ihrer Mutter in dieses Haus kam. Und er war damals fünf. Niemand hatte sich daran gestört, dass sie bald zusammen im Garten, auf dem Boden und in allen Ecken des Hauses zusammen spielten, denn schließlich waren sie die einzigen Kinder im Haus. So wurden sie unzertrennlich, zumindest bis sie zehn wurde.

 

Er weihte sie in alle seine Geheimnisse ein, gemeinsam versteckten sie Naschereien und Bonbons, die er so liebte, hinter den Büchern der Bibliothek,in den Pflanzentöpfen im Wintergarten und in den Kisten und Truhen auf dem Dachboden. Ab und zu fand ihre Mutter wohl ihre Verstecke beim Saubermachen, aber sie sagte nie etwas, wischte Staub und legte die Bonbons an ihren Platz zurück. Oft las er ihr aus seinen Büchern vor, zeigte ihr Bilder von fremden Ländern, von Tieren und Pflanzen, die sie noch nie gesehen hatte. Indem sie mit dem Zeigefinger den gelesenen Worten folgte und er ihr einzelne Buchstaben erklärte, lernte sie selber lesen. Als er acht wurde, bekam er sein erstes Pony und lernte reiten. Wenn sie Zeit hatte und nicht ihrer Mutter helfen sollte, was so im Alter von fünf bis sechs Jahren begann, durfte sie bei seinen Reitstunden zuschauen. Er lernte alles so leicht und sie bewunderte ihn maßlos. Heimlich, wenn niemand sie sah, ließ er sie auch auf sein Pony klettern, aber ihr waren die Bewegungen des Tieres unter ihr eher unheimlich. Oft langweilten ihn die Stunden bei seinem Privatlehrer und er versteckte sich mit ihr hinter den Rhododendronbüschen im Garten, wo sie sich gegenseitig Geschichten erzählten. Das konnte sie fast so gut wie er, denn ihre kindliche Phantasie flog über Täler, Berge und Meere und fügte die wildesten Bilder zusammen. Dann – mitgerissen von ihrer Geschichte – flüsterte er ihr ins Ohr: „Wenn ich groß bin, dann heirate ich nur dich. Und du kannst mir jeden Abend Geschichten erzählen.“

 

Ach, wie glücklich, leicht und frei waren diese Kindertage gewesen, aber sie gab sich keinen Illusionen hin. Er hätte sie nie geheiratet, selbst wenn er nicht der einzige Sohn einer reichen Familie und sie nicht nur die Tochter eines Zimmermädchens gewesen wäre. Immer drängte es ihn, das Unbekannte zu erforschen, sich zu beweisen... Schon im Alter von 12, als seine Eltern begannen, den Kontakt zu ihr zu unterbinden, galt sein Interesse in Wahrheit schon mehr der rothaarigen Nachbarstochter. Und ein Jahr später schickten ihn seine Eltern auf eine teure Privatschule nach London, wo sich seine Begabungen richtig entfalten sollten. Die drei  Briefe, die er ihr im ersten Halbjahr noch geschrieben hatte, zählten zu ihrem kostbarsten Besitz. Er hatte Heimweh gehabt, sich nach ihr und seinem Pony gesehnt und auf die steifen, strengen Lehrer geschimpft, die er voller Witz beschrieb. Sie hatte unter Tränen gelacht. Am meisten hatte sie sein Klavierspiel vermisst, wenn sie abends still und lauschend in ihrem Bett lag. Oft hatten die Eltern ihn rufen lassen, besonders wenn sie Gäste hatten, und er musste ihnen vorspielen. So war sie oft unter den Klängen von Mozarts „Alla Turca“ und Beethovens „Pathetique“ eingeschlafen. Ja, er war brillant, klug, musikalisch, redegewandt und dabei durchaus freundlich und großzügig zu jedermann. Wenn sie es recht besah, konnte sie keinen Fehler an ihm entdecken oder vielleicht nur einen, wenn man das als Fehler bezeichnen wollte – er konnte sich nicht entscheiden. Als Kind hatten jameistens die Eltern für ihn entschieden– welche Privatlehrer, welches Pony, welche Bücher, welche Freunde....

 

Aber schon bei ganz einfachen Fragen hatte er sie oft zu Rate gezogen: welche Jacke solle ich anziehen – die rote oder die braune? Welche passt besser zu mir? Welche Bonbons nehmen wir denn – die gelben oder die grünen? Ihr war die Entscheidung nie schwergefallen. Sie horchte eine Sekunde in sich hinein und schon spürte sie die Antwort. Natürlich passte die rote Jacke viel besser zu seinen Haaren und natürlich waren die gelben Bonbons mit Limonengeschmack leckerer. Er hatte sie dann immer bewundernd angeschaut und gesagt: Wie machst du das nur? Wie kannst du dich so klar und einfach entscheiden, wo die Auswahl und die Möglichkeiten doch so zahlreich sind?

 

Nein, er wäre nie bei ihr geblieben. ER hätte sich nicht für sie entscheiden können und im Stillen befürchtete sie, dass auch bei dieser Eheschließung eher seine Eltern gewählt hatten, denn schließlich stammte die Braut aus einer sehr angesehenen Familie mit ellenlangem Stammbaum und üppigem Vermögen. Dass das Mädchen auch noch schön war, konnte nur als Glücksfall gelten. Aber sonst hätte er sich der Entscheidung seiner Eltern sicher nicht so schnell gebeugt.

 

Und plötzlich wusste sie es, wie die Hochzeitstorte für ihn sein musste, nur so und nicht anders und sie erstand vor ihrem inneren Auge, so dass sie sich sofort an die Arbeit machte.

 

Als das Ausmaß ihres Werkes, aber auch seine nicht zu überbietende Erlesenheit zu erkennen war, stellte ihr der oberste Küchenchef in Absprache mit den Eltern noch drei junge Mädchen an die Seite, damit sie ihr Werk rechtzeitig vollenden konnte. Alle drei hatte sie selbst schon angelernt und sie verstanden es meisterlich mit ihren feinen Fingern Blüten, Tiere, Herzen, Figuren und Symbole  aus Marzipan, Schokolade und Zuckerguss zu formen.

 

Auf dem Fest ging es schon sehr lebhaft zu. Alle Gäste hatten ausgiebig gespeist und auch schon reichlich dem Wein und Champagner zugesprochen. Der Brautvater hatte eine kurze Ansprache gehalten, in der er die Zukunft des jungen Paares in leuchtenden Farben erstrahlen ließ. 

 

Trotzdem verstummten alle im Saal, als plötzlich die Lichter erloschen, die Musik schwieg und die Diener die Kerzen in allen Kandelabern entzündeten. Im Hintergrund des Saales öffneten sich die Flügeltüren und auf einem Rollwagen wurde die Hochzeitstorte unter dem immer lauter brausenden Applaus der Gäste in die Mitte des Saales geschoben. Hier prangte und wartete sie auf den Anschnitt. Schon ihre Ausmaße waren grandios mit fast zwei Metern Höhe und zweieinhalb Metern im Durchmesser. Jede ihre zwanzig Stufen bestand aus anderen köstlichen Zutaten: die unterste und größte aus Biskuit und dunklem Schokoladenmousse mit einem Hauch Chilli, die nächste hatte eine Nussnougatfüllung, dann Macadamiacreme, darauf folgte helle Schokolade mit einer Spur Kokos, eine Stufe mit Pistazien und Marzipan, mit Rum-Kirsch und Waldbeerenfüllung, Mangomascarpone-Creme, Maracuja- und Limettencreme, mit Jasmin und Sencha aromatisierte Sahne und kandierte Ananasstückchen füllten eine weitere Stufe, eine Orangen-Buttercreme-Schicht, der eine weitere Stufe mit Papaya-Bananen-Teig folgte. Aprikosen-Quark-Creme wurde von Mohn-Pfirsich und Zimt-Nektarinen-Füllung abgelöst. 

 

Überboten wurde dieser Reichtum an Geschmack nur noch von der Dekoration der einzelnen Stufen. Vorsichtig hatte sie sich an die Flügeltüren herangeschlichen und versteckt hinter den Vorhängen beobachte sie, wie er fassungslos mit staunenden Blicken dieses Wunderwerk umkreiste und sich nicht satt sehen konnte an all diesen kleinen Welten, die sie mit ihren Mädchen zusammen geschaffen hatte. Da hatten sie die Tiere des afrikanischen Dschungels aus Schokolade auf die unterste Stufe gesetzt, exotische Blüten aus Marzipan schmückten eine andere, die Dünen, Kamele und Sterne der Wüste und die Glitzerwelt des Schnees waren aus Zuckerguss entstanden, die Spielzeuge der Kinder, die Pflanzen und Früchte des Gartens, die Pferdchen und die Schiffe der See, die Märchenfiguren – Nixen, Feen und Zwerge – alles hatte sie in dieser vergänglichen Welt Wirklichkeit werden lassen. Und sie legte ihm diese ganze Welt zu Füßen. Sie hörte das Lachen und die Bemerkungen der Gäste: oh, ich möchte den Eisbären und ich möchte die kleine Seiltänzerin vernaschen. Nein, ich muss unbedingt die Orchideenblüte kosten. Nein, ich liebe Schokolade. Einen Löwen aus Schokolade wie originell. Sie sah seine irritierten Blicke, mit denen er auf diese Bemerkungen reagierte. Er sollte dieses Kunstwerk zerstören und jedem sein Stück überreichen, das überstieg seine Kräfte. Das konnte er nicht. Diese Welt gehörte doch ihm, ihm allein, für ihn war sie geschaffen worden und er sollte sich mit nur einem Stück begnügen und mit welchem?

 

Sie musste versteckt hinter der Tür lächeln, denn zu sehr erinnerte er sie an den kleinen Jungen, der von den vielen bunten Bonbons gestanden und sie leise gefragt hatte, welche soll ich denn nur nehmen. 

 

Die Gäste wurden langsam unruhig. Nun ist aber genug geschaut, gelobt und gewürdigt worden – hier noch ein fein ziselierter Stern, dort ein Piratenschiff aus dunkler Schokolade mit Segeln aus Zuckerwatte, die zierlichen ägyptischen Tänzerinnen und die Pyramiden und Sphinxen aus Sandgebäck – jetzt wollten sie probieren und ihr Stück genießen und dann wollten sie tanzen, trinken und flirten. Er aber stand wie erstarrt mit dem Messer in der Hand vor seiner Torte und konnte sich nicht rühren. Tränen liefen ihm über die Wangen. Nein, er konnte es nicht, wo sollte er beginnen, wo sollte er das Messer ansetzen und vor allem, welches Stück sollte er für sich aufbewahren. An der Spitze der Torte erstrahlte die Sonne, feinster Zuckerguss mit Blattgold überzogen. Ja, die Sonne, aber was war die Sonne ohne den Mond, ohne die Nacht, ohne die Wolken. Wie könnte er sich nur für die Sonne entscheiden, ja, die Sonne war schön und strahlend, aber sie alleine würde ihn nie glücklich machen. Mittlerweile war es sehr still im Saal geworden, eine drückende lastende Stille... Da trat die Braut an seine Seite, nachdem sie ihm kurz ins Gesicht geblickt hatte. Ehe er es verhindern konnte, hatte sie seine Hand mit dem Messer umfasst und die Klinge tief in die Schicht aus dunklem Schokoladenmousse gedrückt. Der erste Teller reckte sich ihnen entgegen und sie balancierte das Stück,geschmückt mit einer Palme und einem Papagei , vorsichtig darauf. Die Spannung löste sich und unter Lachen und Scherzen folgte ein Teller dem nächsten.

 

Nun, dachte sie hinter ihrem Vorhang. Zumindest kann die Braut entscheiden. Aber dann betrachtete sie ihn besorgt. Er wirkte wie in Trance, seine Bewegungen wurden immer schneller und fahriger und fast riss er Stück für Stück aus dem Bauch der Torte, als könnte er sich nicht schnell genug davon trennen. Oft zerstörte er dabei die kunstvolle Dekoration und die Gäste murrten, so dass die Brautmutter und ein Diener eingriffen und behutsamer die Tortenstücke verteilten. In einigen wenigen Minuten waren die letzten Stücke vergeben und nichts mehr übrig von dem ganzen Wunderwerk als eine kleine sahnige Erhebung in der Mitte des riesigen Tellers. Erschöpft ließ er sich auf einen Stuhl fallen und schlug die mit Schokolade und Zuckerguss verklebten Finger vor dem Gesicht zusammen. Heiße Tränen quollen zwischen den Fingern hervor und sie hörte ihn leise schluchzen. Niemand schien es in dem ganzen Wirrwarr zu beachten und vielleicht dachten einige Gäste auch, dass es nur Rührung wäre. Da huschte sie in den Saal an seine Seite und griff in das kleine Sahnehäufchen, das von der ganzen Pracht übrig geblieben war. Sie legte ihre Hand auf seine Schulter und flüsterte , „Schau, das ist für dich.“  Auf ihrer flachen Hand lag ein Herz wunderbar marmoriert mit allen Farben und Geschmacksnuancen der Torte.

 

„Das ist das Schönste und Wichtigste der Torte, ihr innerstes Herz, in dem alles beginnt und alles endet.“ Da umschlossen seine Finger ihre Hand und das Herz, und in seinen Augen konnte sie die ganze Welt erkennen.

Poet's Gallery Beitrag März 2018

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Barbara Rossi hat Literarisches Schreiben studiert, ist Preisträgerin (selten), Stipendiatin (ein Mal) und Poetry-Slammerin (mehrmals). Und wenn sie gerade nicht schreibt, tanzt sie bestimmt oder trinkt Cocktails in einer Bar. Und all das passiert natürlich zu Recherchezwecken. https://www.barbararossi.de/

Am 22.01.2018 erschien im tredition verlag Lyrik im Trialog„ Wenn die Nacht kommt in Manhattan“ das Sie mit Renate Haußmann und Christiane Maria Luti geschrieben hat. https://tredition.de/autoren/renate-haussmann-hg-22853/ wenn-die-nacht-kommt-in-manhattan-paperback-99737/

Auf ihrer Facebookseite https://www.facebook.com/barbararossi.de/ erzählt Sie wöchentlich über dieses Kreative Projekt.

Drei Gedichte

 

I ohne Titel

                 

knapp unter dem Wasserspiegel

 

hoch oben in den Haarspitzen

                       iegt das Zentrum

jenes Unvermögens eines

Apfelbaumes der nicht blüht

                       oder das eines Kindes

das kein Grenzland kennt

manchmal

ist es versteckt

in den warmen Socken eines Schlipsträgers

 

knapp an der Küste wo die Steine rollen

                 

und in das Bodenlose stürzen

bis auf den Grund

dessen was trägt

und in die Höhe driftet

denn es sollte der Strom sein

der zur Quelle zurück fließt

aber es ist eine Welle

die nach dem Stranden

leer mit dem Sog zurück läuft

knapp am Gelingen vorbei

 

 

                   II  ich hörte ich könnte schlafen

im Haus meiner Vorahnen

Nr.26 Dachgeschoß

in den Bärten lasse ich mich nieder

aufgewühlt vom stummen

Fluss der

kleinen

Geschichten

mit denen auch du leben wirst

ich habe mich doch nur versprochen

an diese große Macht

habe mitgesungen

und jetzt kommst du

und sagst

es ist Schluss

mit den Linien dieser zeit

den vorbei fliegenden vögeln

die dich antrieben

längst schon

fliehst du ins Nichts

das dir größer als alles erscheint

ernster als das Gewicht deiner eingetretenen Pfade

und du tippst die gewaltigsten emoticons

und es stoppt

       

                  III  Der viele Schnee 

                       [entnommen aus „Wenn die Nacht kommt

                       in Manhattan“]               

 

                       Ich versprühe mich


                       Und wenn das Glas leer ist

                       bin ich bereit es aufzufüllen

                       das bin ich – offensichtlich

                       doch hart der Apfel Kerne?

 

                        Der Duft des Regens

                        besucht meine Sinne

                        der Geruch des geschnittenen Grases

                        lockt die Bienen

                        der Kreislauf des Lebens küsst den Sommer

                        geht das immer so?

 

                        Der viele Schnee er kam von Osten

                        er lag auf mir

                        und ich tanze im weißen Kleid

                        durch die menschenleeren Straßen

                        an diesem einen besonderen Tag

                        dann und wann interessiert uns der Film von gestern

                        in den Maps unseres Lebens

 

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Poet's Gallery Beitrag Februar 2018

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Martina Frank

Geboren 1955 in Lauchheim auf der

schwäbischen Alb.

Lehramtsstudium und Schuldienst.

1980 Umzug nach Hamburg.

Tischlerlehre und anschließendes

Kunststudium an der Fachhochschule

für Gestaltung, Armgardstraße und der HfbK. Seit 1995 freischaffende Malerin. 

                      Martina Frank Selbstporträt:

Textveröffentlichungen zu folgenden Ausstellungen:

„Der Zeppelin flog am 3. März 1931 über Lauchheim“

„Schwarze Zahlen sind grün genug“

„Einzelteile reduziert“

„Ein Mädchen, das gerne ausreitet- mit ungewissem Ausgang“

„Der Weiher wurde dunkel und kräuselte sich“

   

Die ganze Verwandtschaft...                   t

 

Ein Gesicht ist das untrügliche Merkmal des       Seelischen und zeichnet alle inneren Vorgänge auf. Am deutlichsten zu erkennen sind affektive Befindlichkeiten wie Schmerz, Freude, Angst, Ekel, Empörung; wer aber gut im Lesen feinerer Mimik ist, kann auch Zweifel, Unsicherheit, Enttäuschung, Langeweile, Ignoranz, Einsamkeit, Erwartung, ein inneres Frieren, Trauer, ja sogar ein tiefes Nachsinnen in einem Gesicht ablesen.

 

Im Jahre 1998 begann ich, auf Anregung meines Professors, „zu jeder Vita eines Künstlers gehören Selbstportraits“, mein Konterfei auf die Leinwand zu malen. Ich war nicht gerade motiviert, hatten mich doch die Portrait-Bilder vieler Künstler, die ich in Katalogen und Museen betrachtet hatte, meist abgestoßen. Sie erschienen mir zu stoisch und ich konnte weder natürliche Stimmung noch  Geschichten in den Gesichtern lesen; immer nur Antlitze. Zu ernst und verkrampft blickten mich aus der Leinwand stierige Blicke aus mageren, ausgezehrten Gesichtern an. Auch dachte ich, dass man an Gefallsucht leiden musste, fertigte man ein Portrait seiner selbst, und ich zweifelte, ob derjenige, der dann an der Wand hängt, auch der Mensch ist, der gelebt hat.

 

Das Aufstellen der Staffelei und des Spiegels, dabei galt es den richtigen Winkel und die Höhe zum Betrachten auszutarieren, das Herrichten der Farben und Pinsel, denn ich wollte auf keinen Fall mit einem Stift vorzeichnen, versetzten mich dann doch in eine neugierige, erwartungsvolle Spannung.

 

Aber die ersten Versuche enttäuschten mich. Ja, dilettantisch fand ich das Ergebnis; der Hals, zu lang, wirkte wie angeschraubt, die Nasenlöcher zu groß, da ich beim Malen den Kopf zu weit anheben musste, und so glich das Gesicht einer Totenmaske. Auch sah ich mich nicht getroffen: ein Massengesicht, ein gemaltes Scheitern belustigte meine Augen, das war ich nicht!

 

Mein Meister riet mir, die Arbeit auf größeren Leinwänden fortzufahren, und wie aus einem zweiten Himmel geboren, schwebte nun mein Pinsel absichtslos, geführt von fremder Hand über die Leinwand, holte sich elementare Farben aus den Töpfen und übersetzte das Spiegelbild in bunten Flächen in ein Gesicht.

 

In diesem Rauschzustand über mehrere Stunden malte ich, in einer kreativen Tourettewolke gefangen, manchmal sang und schrie ich, schnitt Grimassen oder tanzte vor der Leinwand, die ganze Nacht hindurch so viele Bilder bis ich am Ende erschöpft und glücklich in einem Selbstbildniswald erwachte und hatte das Gefühl hatte, als hätte mich die Ausdruckskraft der Farben aus Verfangenem gehoben und befreit.

 

Obwohl ich für die bevorstehende Ausstellung schon die Bildreihung mit dem Galeristen abgesprochen hatte, überzeugte ich ihn davon, die Selbstbildnisse zu einem Teil mit in die Ausstellung aufzunehmen.

 

Am Abend, kurz vor der Eröffnung, sah ich zum ersten Mal die Bilder, gerahmt und mit großem Abstand voneinander, an den hohen, weißen Wänden der Galerie hängen.

 

Mir war, als stünde ich vor einem Abgrund, heißes Blut schoss in mein Gesicht und meine Beine verloren das Gleichgewicht; auf den Bildern glotze mir meine ganze Familie, inklusive der Väter- und mütterlichen Seite meiner Verwandtschaft entgegen: meine Cousine Christel erkannte ich auf den Wangenseiten, das lange Gesicht und die Nase waren die Merkmale meiner Mutter, die Ohren und die Stirnpartie waren eindeutig die meines Vaters. Die Augen blickten melancholisch in eine ins Unendliche gerichtete Sehnsucht , gaben aber auch dunkle, misstrauische, verstohlene und boshafte Blicke in den Galerieraum ab, als demonstrierten sie vergangenes, entbehrungsreiches Leben aus schwäbischer Ahnenreihe; ein Zeugnis bis ins Mittelalter zurück.

 

Der Mund, aus Schmerz und Leid geformt, zeigte die Narben meines Fortlebens des Familienschicksals. Der sichtbare Ausdruck des Farbengesangs als Geheimschrift der Seele stand nackt und hilflos aus dem Rahmen gefallen, vor aller Öffentlichkeit.

 

Auf dem Heimweg flossen starkfarbige Tränen aus meinen schwarzen Augen, über Christels Wangen, bildeten einen See auf der Oberlippe der Ahnenreihe und liefen dann in geteilten Rinnsalen über den Hals in die Furche meiner Brüste.    

Poet's Gallery Beitrag Januar 2018

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Franz Molnar

Franz Molnar    

1961 in Österreich geboren. Koch, Naturkostfachkraft und Bioexperte, Überlebenskünstler und Freigeist:

    "Schon in den frühen 80ern bin ich auf der Suche nach einer  eigenen Identität in Hamburg gestrandet. Kein Ziel, nur ein Landeplatz brachte mich hierher. Getrieben von der Ohnmacht und dem Schweigen, das wie Teer in meinen Federn klebte. Flüchtige Begegnungen, Jugendherbergen, die Straße am Ende des Weges. Der erste Job im Schattenbereich. Im Gastgewerbe kein Problem. Zudem überlebenswichtig, denn die Ausländerbehörde arbeitete langsam und fühlte sich oft nicht zuständig. Eine Aktennotiz entschied über Menschenmaterial. Ich nahm es hin, denn ich war jung und ich zählte meine Wunden nicht mehr.

    So nach und nach und mit der selbstlosen Hilfe einer lebenserfahrenen Bardame bekam ich den ersten offiziellen Job und ein kleines Zimmer in Blankenese, so wenig und doch so viel.

    Heute, so viele Leben später, bin ich zurückgekehrt in die Sprache meiner Kindheit. Denn schon in frühen Tagen fand ich in der Schrift eine Freiheit, die mir das Leben nicht bot. Jetzt in der »kreativen Schreibwerkstatt« suche ich das Lächeln wieder im Inneren meines Raumes".

 

Franz Molnar: "Kinderglaube"

 

Damals als mein Glaube noch wahrhaftig war, im Maß meiner Kindheit, da war die Welt noch voller Bilder und Phantasia nistete im Schatten eines Hinterhofs.

 

Meine Neugier war so groß wie das Vertrauen in die Möglichkeit,  dass es jenseits des Alltäglichen eine andere Welt geben müsse. Schule war Pflicht wie Schuhe putzen, Hausaufgaben machen oder alles aufessen. Man war sauber gekämmt und trug die Hosen schon in der zweiten Generation. So vorzeigbar, wie es die Tradition verlangte in jenen Tagen, wo der Postbeamte noch Uniform trug und Väter im trauten Heim das Sagen hatten.

 

Man scherte sich nicht um ein Kinderherz, das so unfertig, war, wie ein Haus ohne Möbel. Nein, man schliff und beschlug es wie ein Steinmetz. Es musste sich fügen!

 

So fügte auch ich mich, obschon widerwillig. Doch in den stillen Momenten, in denen ich mit kurzen Lederhosen, Sandalen und der Schultasche auf dem Rücken den kleinen Feldweg entlang ging, der mich von der Grundschule zurück nach Hause führte, da schaute ich hinauf in den Himmel. Telefonieren nannte ich es, wenn ich mit ihm sprach.

 

Ein Telefon war etwas Besonderes, damals in den 60ern, in einer kleinen Arbeitersiedlung, wie sie so typisch war zu dieser Zeit. Ich ging ohne Eile, schlenderte den Weg entlang, wobei meine  Hand bedächtig  über jene schlanken Holzstämme strich, die am Wegesrand entlang einen Grenzverlauf markierten.

Wie selbstverständlich sah ich dabei hinauf zu den Wolken, wo oben, weit über`m Horizont, ein alter Mann saß, der wohlwollend zu mir herunter sah! Seinen Arm auf die Lehne eines großen Holzstuhls gestützt, blickte er mich an, und es schien mir, als könnte ich unter seinem üppigen weißen Bart ein Lächeln erkennen. Ich sprach, telefonierte mit ihm, so frei, wie nur ein Kind es kann, das glaubt ohne Maß.

 

Ich schloss die Augen, ließ mich leiten von den schlanken Holzstämmen, die am Wegesrand entlang führten. So grenzenlos war mein Vertrauen in diesen Momenten, wo der Glaube Gewissheit und die Welt noch voller Bilder war.

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Darf ich ein Foto von dir machen?

 

Nein, die Frage lag mir nicht auf der Zunge, aber ich war kurz davor zum Handy zu greifen und heimlich eins zu machen. Er saß mir direkt gegenüber, er war schon mit mir in die S-Bahn eingestiegen. In Wilhelmsburg, das war gegen fünf Uhr nachmittags. Ich kam vom Unterricht. Meine Schüler sind siebzehn, achtzehn Jahre alt. Obwohl Freitag nachmittags fast niemand mehr in der Schule ist, sind sie alle gekommen und machen bereitwillig meine Aufwärmübungen mit, die ich ihnen vorschlage. Sie sehen schon erwachsener aus als dieser Junge, der mir jetzt in der S-Bahn - auf dem Weg nach Hause - gegenübersitzt, der vor mir den Waggon betreten hatte, der, sobald er saß, sein Handy aus der Tasche zog und es bis zum Hauptbahnhof nicht aus der Hand legen wird.

 

Seine wilden langen Haare stehen nach oben. Er trägt eine Brille mit hellem Rahmen. Seine Augen schauen ganz selten hoch, aber mindestens zweimal erwischt er mich, wie ich ihn betrachte und mich frage, was in ihm vorgeht, was er da gerade liest, wer ihm eine Nachricht gesendet haben könnte. Seine Hose ist ein eigenartiges Ding, ein wollener Stretch-Stoff, der auch ein Schlafanzug sein könnte, leicht zerlaufen, eingerissen über dem linken Knie, das verwaschene Weiss passt unauffällig genau zum metallischen Blau seiner dünnen Jacke. Der Junge ist wie ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert, ein Bild von Edouard Manet, aus der Zeit gefallen, als suche er sie noch, die neue, seine eigene Zeit.

 

Dass er auf der Suche ist, steht zweifellos fest. Ich sehe es in seinen Augen, die etwas Kluges und Klares ausstrahlen, die in diesem fein geschnittenen Gesicht hinter der Brille richtig leuchten und dem schmalen Körper mit dem wilden Haarschopf eine selbstverständliche, eine lässige Kraft geben, die noch in den gelassenen Bewegungen steckt, mit denen er jetzt, kurz vor dem Hauptbahnhof, das Handy in die Hosentasche schiebt, zu seinem Rucksack greift (mit Schulbüchern?) und sich erhebt, um die Bahn zu verlassen.

Nein, er hat mich nicht beachtet. Mein Blick ist ihm nicht aufgefallen. Ich bin mir ganz sicher. Auf der Roll-Treppe von der S-Bahn ans Tageslicht stand er direkt vor mir. Ohne sich einmal umzudrehen, verlässt er den Bahnhof.  

 

Hans Happel

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Poet's Gallery Beitrag November 2017

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Thorsten Oliver Rehm 

Thorsten Oliver Rehm, Jahrgang 1970, ist selbst passionierter Taucher und Absolvent der „Schule des Schreibens", im Belletristik-Kurs unter der Leitung von Hartmut Fanger.

 

Nach einer betriebswirtschaftlichen Ausbildung ist er seit vielen Jahren im kaufmännischen Bereich tätig.

 

Seine Leidenschaft für das Schreiben bricht sich nun Bahn. Sein Roman-Debüt: ein Thriller, aber natürlich auch ein Taucherroman!

 

Thorsten Oliver Rehm ist verheiratet und Vater von zwei Kindern

Thorsten Oliver Rehm

Auszug aus seinem Roman „Der Bornholm-Code“, gebunden, mit Schutzumschlag, ca. 500 Seiten, ISBN 978-3-920793-30-6, EUR 26,80 (D), sFr 43,40, EUR 27,80 (A). Ab 8.12.2017 überall im Handel erhältlich.

 

Lars schaltete das Satellitentelefon aus. Gedankenverloren strich er mit der Hand über seine Bartstoppeln und blickte auf die an diesem Tag raue See. Trotz des Seegangs hatten die Forschungstaucher seines Teams heute die übliche Anzahl Tauchgänge unternommen. Die Zeit für das Projekt war knapp bemessen, jeder Tag auf See kostete riesige Summen. Der Etat für diese Expedition war nur widerwillig genehmigt worden. Umso effizienter musste die Mannschaft arbeiten, wenn er eine Chance auf Verlängerung des Projekts haben wollte. Seit den gestrigen Ergebnissen wusste er, dass die angesetzten elf Tage auf See nicht reichen würden.

 

Er schlenderte zum Heck der Baltic Sea Explorer I, dem besten Forschungsschiff des archäologischen Instituts, für das er seit nunmehr dreizehn Jahren tätig war. Das Gespräch mit Frank war ein Flop gewesen. Lars hätte darauf gewettet, dass er seinen früheren Partner aus der Reserve locken würde, doch dessen war er sich nun nicht mehr sicher. Zweifelsohne waren sie hier, vor der Küste der dänischen Ostseeinsel Bornholm, auf sensationelle Funde gestoßen. Diese würden ihn auf die nächste Sprosse seiner Karriereleiter führen. Doch ihm fehlten die entscheidenden Teile im Puzzle. Was sie hier entdeckt hatten, ergab keinen Sinn. Er benötigte Frank, seine Kompetenz, seine Erfahrung, und vor allem seinen Riecher. Franks wissenschaftliche Spürnase hatte sie beide immer zum Erfolg geführt. Fast immer zumindest, denn bei ihrem letzten gemeinsamen Projekt war es anders gelaufen; doch sie würden an dem damaligen Punkt wieder anknüpfen können, da war sich Lars sicher! Ja, er war auf eine heiße Spur gestoßen, auch wenn er noch nicht einschätzen konnte, wohin sie ihn führen würde.

 

„Dr. Berends! Dr. Berends!“, rief ein Mann aus der Tauchereinheit aufgeregt. „Kommen Sie schnell! Das müssen Sie sich ansehen!“

 

An Bord befanden sich Salzwasserbecken. Dort legten sie die aus dem Meer geborgenen Fundstücke ein, um sie möglichst unter Luftabschluss zu halten. Lars sah ein paar Teamleute um eines der Becken stehen und debattieren. 

 

Als er in die große Wanne blickte, weiteten sich seine Augen. Er zog Handschuhe über und nahm eines der Objekte aus dem Becken heraus.„Das kann nicht sein“, die Stimme versagte ihm. Lars räusperte sich. „Aus welchem Wrack habt ihr es?“

Aus Wrack B“, antwortete ein anderer Taucher, der sich gerade aus seinem Trockentauchanzug pellte.

Lars erstarrte.

 

„Das kann nicht sein“, wiederholte er benommen, wohl wissend, dass es tatsächlich so war, denn der Crew unterliefen bei den Aufzeichnungen keine Fehler. Trotz seiner Funktionsjacke bekam er eine Gänsehaut. „Das kann einfach nicht sein.“

 

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Poet's Gallery Beitrag Oktober 2017

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Jutta Weckermann

Dr. Jutta Weckermann

Ärztin und Diplominformatikerin.

Geboren 1959 in Siebenbürgen, heute Rumänien. Seit 1979 in der Bundesrepublik Deutschland

Ich schreibe seit Jahren mit Freude in der „Kreativen Schreibwerkstatt“ im Haus im Park in Bergedorf. Meine Geschichten beruhen immer auf Tatsachen aus dem wirklichen Leben: Erinnerungen aus Kindheit und Jugend in einer anderen Welt, Nachdenkliches und Amüsantes aus meinem Alltag, Naturbeobachtungen aus unserem Garten. Und ab und zu entsteht auch ein kleines, lyrisches Gedicht.

Selbstbestimmt leben - bis an die Grenzen 

 

Kann es passieren, dass eines Tages ein wildfremder Mensch über mich und mein Eigentum bestimmt? Ohne Rücksicht darauf, was ich oder die Menschen aus meinem engsten Lebenskreis möchten? Und das auch noch gesetzlich abgesichert, in Deutschland? Ja, das kann in unserem Land überraschend schnell passieren, wenn ich nicht gewappnet bin für den Fall der Fälle, dass ich nicht mehr rechtsfähig mündig, also nicht mehr geschäftsfähig sein werde.

Für mich hat selbstbestimmtes Leben einen besonderen Stellenwert, da ich in einer kommunistischen Diktatur aufgewachsen bin. Meine Kindheit und Jugend waren durch die Willkür des rumänischen Polizeistaates geprägt. Als Angehörige der deutschsprachigen Minderheit in Siebenbürgen war man besonders im Fokus der Überwachungsorgane. Als meine Familie 1979 die Ausreisegenehmigung in die Bundesrepublik Deutschland bekam, war ich 20 Jahre alt. Hier machte ich alsbald die Erfahrung, dass auch ein Rechtsstaat seine Tücken hat: Die Freiheit, mein Leben selbst zu bestimmen, war so groß, wie ich sie mir in meinen kühnsten Träumen nicht hatte vorstellen können. Aber ich musste meine Rechte auch selbständig und eigenverantwortlich wahrnehmen! Das war eine völlig unerwartete Herausforderung.

Einen Vorgeschmack davon bekam ich in dem „Sonderlehrgang zur Anerkennung der allgemeinen deutschen Hochschulreife“, wo einige Gymnasiallehrer eine freie Meinungsäußerung und die Fähigkeit zum politischen Diskurs voraussetzten. Für mich war das damals etwas „vom anderen Stern“. Seither sind fast 40 Jahre vergangen, in denen mir immer wieder bewusst geworden ist, welche Freiheit ich genießen darf: Nicht nur am Wahltag, wenn mehr als eine Partei und mehr als eine Person zur Wahl steht! Bei meiner Berufswahl wurde ich nicht nach der Parteizugehörigkeit meiner Eltern gefragt, nach dem Abschluss des Studiums nicht an eine staatlich zugewiesene Arbeitsstelle verpflichtet. Wenn man gewohnt ist, keine Wahl zu haben, sind Entscheidungen sehr schwierig. Es war für mich alles andere als einfach, mich um Anmeldung, Bewerbung, Wohnungssuche, Krankenversicherung etc. zu kümmern. Aber ich habe freundliche Menschen kennengelernt, die mir geholfen haben, das Rechtssystem zu verstehen und meinen Lebensweg selbständig zu gehen.

Nach der Heirat wollten mein Mann und ich unseren Lebensweg gemeinsam gestalten. Der Gesetzgeber hat dafür viele Möglichkeiten geschaffen, auch über den Tod hinaus. Als ich erfuhr, dass bei kinderlosen Ehepaaren auch die Eltern des Verstorbenen erbberechtigt sind, machten wir unser Testament und setzten uns gegenseitig als Alleinerbe ein. Der zurückbleibende Partner sollte sich nicht in einer Erbengemeinschaft mit den Schwiegereltern, oder nach deren Tod mit den Geschwistern des Verstorbenen oder deren Kinder, wiederfinden.

Für den Todesfall gibt es seit der Antike Gesetze, jeweils der gesellschaftlichen Entwicklung angepasst. Zurzeit verfolge ich aufmerksam die Rechtsprechung zum digitalen Nachlass und die dadurch entfachte öffentliche Diskussion.

Am Übergang zwischen Leben und Tod hat sich durch die moderne Medizin ein neuer Raum aufgetan: Ein vormals gesunder Mensch wird geschäftsunfähig und überlebt in diesem Zustand längere Zeit, vielleicht Jahrzehnte. Nicht nur Michael Schumacher liegt seit Jahren im Koma. Ein fataler Sturz auf der Treppe, und auch mich könnte dieses Schicksal schon heute ereilen. Und fast jeder kennt zumindest eine Familie, die sich um einen demenzkranken Menschen sorgt. Der Gesetzgeber hat diesem Umstand Rechnung getragen und mit der Regelung von Patientenverfügung, Betreuungsvollmacht und Vorsorgevollmacht die Grundlage dafür geschaffen, dass auch in diesen Fällen der persönliche Wille des Betroffenen beachtet werden muss! Einzige Voraussetzung: Dieser Wille wurde vor dem Verlust der Geschäftsfähigkeit in der vorgeschriebenen Form geäußert und schriftlich fixiert. Mein Mann und ich haben dies getan. Dafür brauchten wir keinen Notar und gekostet hat es (fast) nur unsere Zeit. (5€ Eintritt für einen Vortrag.)

So konnten wir erleichtert aufatmen, als beim Magazin „Frontal 21“ am 16. Mai 2017 im ZDF (Siehe: Quellenangabe) berichtet wurde, dass die Miteigentümerschaft der Tochter die Versteigerung der elterlichen Wohnung nicht verhindern kann, wenn der gesetzliche Betreuer des Vaters diese beantragt. Ihr Anteil wird einfach mitversteigert. Hätte der Vater rechtzeitig seinen Willen für den Fall der Geschäftsunfähigkeit geregelt, wäre die von ihm bevollmächtige Person als Betreuer eingesetzt worden. Da er dies nicht getan hat, schützt nun das Gesetz sein Vermögen vor dem Zugriff anderer, auch der eigenen Familie! Das Amtsgericht hat die Tochter nicht als Betreuerin zugelassen, mit der Begründung: „Materieller Interessenkonflikt“. Der gerichtlich bestellte Betreuer, selber Anwalt, kann die Wohnung mit der Begründung verkaufen, dies sei für den Unterhalt des Betreuten notwendig. Die Tochter erhält keine Akteneinsicht in die finanziellen Verhältnisse ihres Vaters. Ob der alte Mann das so gewollt hat? Warum hat er niemanden beizeiten als gesetzlich Bevollmächtigten bestimmt? Zum Abschluss der Sendung sagte die Moderatorin: „All dem können Sie zuvorkommen, indem Sie rechtzeitig vorsorgen und festlegen, wer, was, wie entscheiden soll, für den Fall, dass Sie es nicht mehr können.“ 

Ich musste tief durchatmen. Mein erster Gedanke war: Könnte ohne dieses Papier ein Fremder gegen den Willen meines Mannes darüber entscheiden, ob unser Haus verkauft wird, obwohl wir beide als Eigentümer im Grundbuch eingetragen sind? Wie gut, dass ich mir deswegen keine Sorgen machen brauche. Mein Mann kann vor dem Gesetz für mich entscheiden und kein Gericht darf daran rütteln. Er hat meine unterschriebene Vollmacht.

Ich wundere mich immer wieder, wie sorglos die Menschen um mich herum mit diesem Thema umgehen. Was nützt eine Lebensversicherung zur Absicherung der Familie, wenn man noch am Leben ist? Was nützt ein Testament, wenn man nicht tot ist? Was nützt eine gemeinsame Immobilie, wenn ein Fremder per gerichtlichem Beschluss das Sagen hat? Letzteres lässt sich ganz einfach verhindern. Man muss nur beizeiten eine vertraute Person darum bitten, die Verantwortung für eine Vollmacht zu übernehmen und dies gemeinsam schriftlich fixieren. Dazu braucht man keinen Notar, es genügt die Unterschrift. Beratung gibt es bei den Verbraucherzentralen, Betreuungsvereinen und den Beratungsstellen der für die gesetzliche Betreuung zuständigen Ämter der jeweiligen Stadt. Allgemeine Informationen stellt das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz auf einer eigens dafür eingerichteten Informationsseite zur Verfügung. Das Angebot ist da. Warum wird es so selten genutzt?

 

Quellenangabe

https://www.zdf.de/politik/frontal-21/frontal-21-vom-16-mai-2017-100.html

Sendung Frontal 21 vom 16. Mai 2017

Thema: Entrechtet und entmündigt - Wie Berufsbetreuer abkassieren

9 Minuten Video verfügbar bis 17.05.2018, 03:35

Manuskript zum Beitrag als PDF auf dieser Seite zum Herunterladen

 

Weiterführende Information zum Thema

Informationsseite des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz

http://www.bmjv.de/DE/Themen/VorsorgeUndPatientenrechte/VorsorgeUndPatientenrechte_node.html

 

Angebote in Hamburg (Stand September 2017)

·       Veranstaltungen der Verbraucherzentrale Hamburg

http://www.vzhh.de/gesundheit/3462/seminare.aspx

·        Betreuungsstelle HamburgBeratungsstelle für rechtliche Betreuung

      und Vorsorgevollmacht

      Winterhuder Weg 31
22085 Hamburg
Telefon: 040 - 428 63 6070

http://www.hamburg.de/beratungsstelle-rechtliche-betreuung/

·       Formulardownload auf der offiziellen Homepage von Hamburg

 

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Auch das ist Amerika

 

Ort und Zeit:

Naples im Süden Floridas an einem sonnigen Vormittag im letzten Frühjahr.

 

Ich komme vom Einkaufen, fahre eine Nebenstraße und werde gleich in die belebte Hauptstraße einbiegen, die mich nach Hause führt. Auf der rechten Seite schwenkt ein etwa fünfjähriger Junge lebhaft eine weiße Fahne und erreicht damit meine Aufmerksamkeit. Er steht an einer breiten Einfahrt, an deren anderer Seite ich jetzt das Schild: „Carwash 1 $“ wahrnehme. Aus dem Augenwinkel sehe ich Kinder und Erwachsene, die – so scheint mir – das geplante Wagenwaschen vorbereiten; Schläuche, Eimer, Bürsten und Tücher kann ich noch entdecken, dann bin ich auch schon an der Kreuzung und muss auf den Verkehr achten.

 

Die kleine Szene löst jedoch eine lebhafte Erinnerung in mir aus:

Zeit und Ort:

Vor vielen Jahren auf einem Schulgelände in Hamburg-Barmbek.

 

Für unsere geplante Klassenreise brauchten wir noch Geld. Welch’ eine wunderbare Idee meiner Schüler, dieses Geld durch Autowaschen zu verdienen! Und der Platz vor dem Schulhof eignete sich hervorragend! Auch wir hatten Schilder gemalt – damals – hatten Schläuche, Eimer, Bürsten und anderes organisiert. Unseren Traum vom großen Geld machte der Hausmeister mit dem schlichten Satz: „Das ist verboten!“ zunichte, und trotz aller Eingaben und Interventionen bei Behörden und Ämtern blieb unser Vorhaben ‚verboten’. 

 

„Hier in den Staaten entsteht anscheinend durch einige Autowäschen von Schülern keine ‚Grundwasserverseuchung’“, ein wenig Bitternis spielt immer noch in meine Gedanken hinein. Dann weiß ich, was ich im Hier und Jetzt zu tun habe. Bei der nächsten Gelegenheit kehre ich entschlossen um.

In rhythmischem Schwung winkt die weiße Fahne, begleitet mich ein Stück die Auffahrt hoch. Ich halte hinter einem blauen Ford. Anscheinend bin ich erst der zweite Kunde heute Morgen.

Als ich aus meinem Auto steige, klappt bereits ein fröhlicher junger Mann die Scheibenwischer meines Autos nach vorne und sprüht die Windschutzscheibe mit einer Seifenlösung ein. Fast gleichzeitig hockt sich ein Mädchen mit Eimer und Bürste zu den Felgen hinunter. Sie lächelt mich an, ich lächle zurück. Als ich mich umblicke, sind weitere zwei Schüler und zwei Lehrer hingebungsvoll damit beschäftigt, mein Fahrzeug einzuseifen.

Um nicht zu stören, trete ich einige Schritte zurück und betrachte das Szenario. Der blaue Ford vor mir wird jetzt trocken geledert, das Dach glänzt bereits in der Sonne.

Von hinten steigt mir der Duft von gebratenem Fleisch in die Nase, und als ich mich umblicke, entdecke ich den Grill, an dem eine Frau hantiert. „Do you want a ‚Burger’”? Als ich dankend verneine, setzt sie nach: “Can I give you anything to drink? Coke or coffe?” Sie fragt so freundlich, dass es mir beinahe unangenehm ist, wiederum abzulehnen. Meine Aufmerksamkeit wird jetzt jedoch auf die Fahrerin des blauen Ford gelenkt. Sie diskutiert heftig mit einem Lehrer. Von der Unterhaltung bekomme ich nur so viel mit, dass sie ihm wohl eine unangemessen hohe Spende geben will.

 

„Fünf Dollar statt einem sind sicher O.K.“, entscheide ich für mich, „und einen Dollar extra für den kleinen Winker.“

Zehn Hände haben mein Auto inzwischen poliert, es erstrahlt in neuem Glanz. Es strahlen auch die Gesichter der fleißigen Schüler nach meinem begeisterten: „Wonderful, nearly new!“

Sie äußern sich jedoch nicht, als ich mich bedanke, und auf meine Frage, wer denn ihr Kassenwart sei, zeigen sie schweigend zu dem netten Lehrer.

Er kommt mir lächelnd entgegen, doch als ich meine Hand zum Bezahlen ausstrecke, reagiert er so überraschend, dass ich fassungslos vor ihm stehe. „No“, freundlich aber nachdrücklich schüttelt er den Kopf und weist das Geld zurück. „So ist das nicht gemeint.“ Völlig unerwartet gibt er mir einen Dollarschein. „Wir geben Ihnen einen Dollar dafür, dass wir Ihr Auto waschen durften.“ Ich bin total verwirrt und weiß absolut nichts zu sagen.

Der Mann steht immer noch lächelnd vor mir und weist auf das kleine Kärtchen, das an der Dollarnote hängt:

„For you, just because ...

Wir hoffen, dass diese kleine Demonstration christlicher Nächstenliebe deinen Tag erhellt und daran erinnert, dass Gott dich liebt und beschützt. Bitte sag’ uns, wenn wir irgendetwas für dich tun können.“

 

Die wenigen Worte verstärken meine Hilflosigkeit. Ich kann nur ein „Thank you“ stammeln, und verlasse den Platz nachdenklich und tief beeindruckt.                                      

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Poet's Gallery Beitrag August 2017

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Susanne Bertels

Susanne Bertels ist 1958 in Hamburg geboren.

Sie arbeitet hauptberuflich als Pastoralpsychologin; zu einer Hälfte in einer kirchlichen Beratungsstelle und zur anderen als Ausbilderin für Seelsorge 

In ihrer Freizeit schreibt sie seit ein paar Jahren und holt sich mit viel Freude gern Anregungen in Gruppen für Kreatives Schreiben, wie in der offenen Schreibgruppe von Erna R. und Hartmut Fanger.

 

Heimliche Liebe

Zuerst bist du nur da als Ahnung, unbestimmte Sehnsucht. Dann kommt das Verlangen. Ich suche die Begegnung mit dir; weiß dich zu finden in den unterschiedlichsten  Zusammenhängen   im Supermarkt, am Bahnhof, an der Tankstelle.

Fast immer gelingt es mir, dich aufzuspüren. Das Gewand, in dem du daher kommst, ist verheißungsvoll und erhöht die Vorfreude. Deine Figur passt sich den unterschiedlichen Situationen an, wird  vor allem durch die Jahreszeiten geprägt: mal sinnlich rund, mal flach und kompakt.

Ich freu mich darauf, dich in die Hand zu nehmen, auf den Augenblick, da du ganz mir gehörst. Sorgfältig wähle ich dich unter den vielen Möglichkeiten aus.

Und dann ist der Zeitpunkt da.

Mal sofort und voller Ungeduld, mal zelebriert in einem besonderen Ambiente. Unsere Begegnung ist mitunter stürmisch, voller Verlangen, und dann wieder genussvoll, langsam und bedächtig. Liegst du erst enthüllt vor mir, entfaltet sich dein Duft und ich bin ganz hingerissen von deiner Farbe. Meist in schönem, satten Braun, mitunter jedoch auch weiß und manchmal, ja manchmal treffen die Farben aufeinander.

Wenn meine Zunge sich dir nähert, kommt es zum Höhepunkt. In dem Maße, in dem du dahin schmilzt, versinke ich im Glück. Gern würde ich diesen Moment verlängern und ewig wie auf einer Wolke schweben. Aber dann ist es plötzlich vorbei.

Beseelt bleibe ich zurück. Ich ahne schon, dass mein Glücksgefühl nicht ewig anhalten wird.

In der Ferne winkst du mir schon zu und ich werde ihn wieder suchen, den Zeitpunkt dieser Begegnung mit dir, oh du meine - Schokolade!

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Poet's Gallery Beitrag Juli 2017

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Christa Hilscher

 

Christa Hilscher

Geboren: 1951 in Niedersachen. Gearbeitet: bis 2008 als Hamburger „Rechnungswesen“.

Lebe: in Mecklenburg Vorpommern.

Genieße: mein Leben schreibend und lesend     

Foto: Herbert Küpper, Parchim

Vogelbar

Alte Krähe.“ Ich kickte den Kiesel vor mir unwillig zur Seite. Sah verstohlen über die Schulter, sah sie aus dem Augenwinkel immer noch vor dem Haus stehen. Kleine Gestalt, gerade, schwarz. Auch ihr Gesicht war mir noch präsent: zerknitterte braune Lederhaut, und die Hände: Krallen mit gelben Nägeln. Schreckliches Weib, zänkische alte Krähe. 

Im Weitergehen den gestrigen Abend vor Augen. Ich hatte mich zu spät um ein Nachtlager gekümmert, stand an der Straße, hielt den Daumen ausgestreckt, hoffte darauf, dass mich jemand ein Stück weiterbrachte, in den nächsten Ort, die nächste Stadt.

Es war eine einsame Straße, wenig Verkehr, und schon darüber nachdenkend, unter welchem Baum ich den Schlafsack ausbreite, hielt ein Wagen. Vollbesetzt mit jungen Männern, bereits in Partylaune. Ein Nest voller Spatzen, dachte ich. Frech, laut, lustig.  

Sie luden mich lachend ein, einzusteigen und mitzufeiern. Wir fuhren, es war inzwischen Nacht. Die Spatzen wurden müde. Stunden schienen vergangen, als endlich weit vor uns  buntleuchtende  Lichterketten am Straßenrand auftauchten.

„Halt“, rief ich in die Stille. „Bitte, ich bleibe hier. Da ist bestimmt noch ein Zimmer.“ Der Wagen hielt. Der Fahrer drehte sich zu mir. „Freund“, sagte er, „das ist keine Bleibe für dich [. Fahr mit uns weiter. Wir lassen dich nur ungern hier zurück.“ „Ach was, ich brauch ein Bett. Danke für die Fahrt.“

Blitzschnell waren die Rücklichter in der Dunkelheit verschwunden. Obwohl das Gasthaus, vor dem ich jetzt stand, hell erleuchtet war, auch die Zufahrt breit, gut ausgeleuchtet, hörte ich keine Musik, keine Stimmen, nichts Lebendiges drang zu mir. Nach den lauten Spatzen und vollkommen durchdrungen von Müdigkeit, schien ich durchlässig  für Geister und Gespenster.  

Matt erklomm ich die drei Stufen zum Eingang. Drückte die Türklinke herunter, lehnte mich gegen die Tür. „Ziehen“, alter Freund murmelte ich, „iss ne Kneipe.“ Ich zog und war überrascht. Nachdem die Tür hinter mir zurück ins Schloss gefallen war, mit einem Geräusch, so endlich, als ließe sie sich nie mehr öffnen, fand ich mich in einem Saal wieder.  An den Wänden ringsherum Tischchen, weiß gedeckt, umgeben von samtgepolsterten Stühlen.

Ich hörte Musik, Tanzmusik, Tango. Ich sah tanzende Paare. Frauen, betörend schön, Sehnsüchte weckend, elegante Herren. Ein Ober in schwarzer Livree watschelte auf mich zu. Pinguin, schoss es mir durch den Sinn. Ich nahm das Glas, das er mir mit einer Verbeugung offerierte. Ich trank, schüttelte mich ein wenig, fühlte mich fremd, gleichzeitig leicht und euphorisch

Zwei schlanke Grazien bewegten sich geheimnisvoll lächelnd auf mich zu. Ruckten mit ihren Köpfen, beäugten mich interessiert. Ihre Kleider schillerten im Schein des Kerzenlichts, das den Raum erhellte. Weiße Perlenbänder schmückten die schlanken Hälse. Trippelnd erreichten sie mich, umkreisten mich gurrend, um sich endlich, jede auf einer Seite bei mir einzuhaken und mich zur Treppe zu führen. Willenlos, Schritt für Schritt, schwebte ich die breiten Stufen empor. Die Schönheiten schmiegten sich an mich. Ihr Duft betörte mich. Sie bedeckten meinen Hals mit kleinen zarten Küssen. Ich war verwirrt von der Sinnlichkeit, die sie ausströmten, erfüllt von Lust und Erwartung

Es war ein großes Bett. Zerwühlte Laken, zerbrochene Gläser, seidene Tücher.

Der andere Morgen. Ich wollte mich erheben. Doch der Schmerz in meinem Kopf, hielt mich fest im Kissen. Ich schlief erneut ein. Träumte von Tauben, gurrenden Täubchen. Immer auf der Suche nach Futter, nach Abenteuer und Kurzweil, um ihren Hunger, ihre Neugier zu befriedigen.

Erneut erwacht, stieg ich aus dem Bett. Ich sah mich suchend um. Fand meine Wäsche verstreut. Hastig zog ich mich an. Öffnete leise die Tür. Auf dem Flur mein Rucksack. Nichts wie weg. Eine Stiege führte ins Erdgeschoss. Wo war die breite Treppe? Unten befand ich mich in einem schäbigen Flur. Die Rezeption war nicht besetzt. Sollte ich klingeln? Alles staubig, marode, verlassen, seit Jahren unbewohnt.

Vorsichtig schlich ich zum Ausgang. Drückte die Klinke herunter, die Tür knarrte laut und die Klinke schlug mit schrillem Getöse auf die Fliesen. Und da tauchte sie auf. Mit ihrem grauen Schultertuch, dem uralten Gesicht, den kralligen Händen, schnellte sie aus dem Raum hinter dem Tresen hervor. „Ah, will der Gockel hinausstolzieren“, krächzte sie. „Nein, ich ... “ „Ach was, solche wie dich kenne ich“, wieder die knarrende, laute Stimme. „Erst meine Täubchen verführen, sie locken, ihnen alles versprechen und dann zum nächsten Hof flattern. Aber diesmal entkommst du mir nicht.“

Schon war sie um den Tresen herum, kam auf mich zu gehumpelt, hackte mit ihrem scharfen, harten Schnabel nach mir. Ich entfloh. Stolperte die Stufen hinunter und rannte so schnell ich konnte auf und davon.

Poet's Gallery Beitrag Juni 2017

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Gertrud Degens „Seereisen und Kleines Wörter-Requiem für eine Stimme, die fehlt“ von der Schreibwerkstatt Haus im Park, Hamburg Bergedorf

 

  In memoriam Gertrud Degens (1932 - 2017)

Gertrud Degens, Jahrgang 1932,

ich habe in Ost- und Westdeutschland, den USA und jeweils kurz in Spanien und der Türkei gelebt. Ich  lese, schreibe, fiddle gern im Internet und wünsche mir ganz im Sinn von Walter Benjamin durch anregende Gegenden, städtisch wie ländlich, zu flanieren. Die Bergedorfer Schreibgruppe war und ist mir eine große Freude und ein

großer Gewinn.

 

Publikationen in englischer Sprache unter dem Pseudonym

T. Degens u.a.:

(USA): „Transport 7-41-R“ (Roman)

            „On The Third Ward“ (Roman)

            „Freya on the Wall“ (Roman)

 

Seereisen

Zwei Nachrichten aus jüngster Zeit, die mich stark beschäftigten. Zuerst die vom Pazifik:

In der Zeitung las ich, dass an der Küste Oregons ein Wrack gesehen und in den Hafen von Lincoln geschleppt worden sei. Es handele sich um ein halb zerstörtes japanisches Fischer-boot, das vermutlich von dem Tsunami im März 2011 von Tohoku ins Meer gerissen und seitdem die 8000 km in fast 4 Jahren über den Pazifik gedriftet sei. In einem der Fischtanks hätten sich 20 lebende Gelbschwanzmakrelen und ein quicklebendiger Papageienfisch be-funden, zwei Fischarten, die normalerweise nur in den japanischen Küstenwassern vorkom-men. Ein lokales Aquarium würde sich der Fische mit großem Interesse annehmen.

Nun die vom Atlantik:

Die gleiche Zeitung schrieb, dass ein Geisterschiff voller ausgehungerter Ratten an Bord sich offensichtlich auf Kollisionskurs mit der britischen Küste befände. Es sei die MS Orlova – ein ehemals schmuckes sowjetisches Kreuzfahrtschiff für circa 150 Passagiere – , die sich auf der Fahrt zur Verschrottung in Honduras am 31. Januar 2013 von ihrem Schlepper in schwere Dünung vor Halifax befreit hätte. Menschenleer, steuerlos, und ohne funktionieren-des GPS System sei sie im Nebel verschwunden. Ein Jahr lang wäre die MS Orlova hin und wieder gesichtet worden. Signale eines ihrer Rettungsboote könnten sie zuletzt rund 700 Seemeilen von der Irischen Küste entfernt lokalisiert haben. Die Behörden dort träfen Vor-kehrungen, der mörderischen Ratteninvasion vorzubeugen. 

 

Poet's Gallery Beitrag Mai 2017

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Tina Susanna Martin

 Tina Susanna Martin wurde in Frankenthal (Pfalz) geboren. Ihre Grundschulzeit verbrachte sie in Spanien. Nach dem Studium der Medizin absolvierte sie ihre Facharztweiterbildung in Kliniken der Psychiatrie, Neurologie und Psychosomatik. Heute arbeitet sie als ärztliche Psychotherapeutin in eigener Praxis. Die Autorin lebt in der Pfalz. Sie hat eine Tochter. „Mord in der Psychiatrie“ ist ihr Debütroman.

Tina Susanna Martin

Mord in der Psychiatrie  

IATROS Verlag, Sonnefeld-Gestungshausen 2016

 

Plot: Ein kaltblütiger Mord erschüttert die psychiatrische Abteilung des Sankt Josephs-Krankenhauses in Mannheim. Die Polizei stößt bei ihren Ermittlungen auf ein Geflecht von Lügen, Intrigen und Machtmissbrauch. Bald gibt es jede Menge Verdächtige, aber keine heiße Spur. Die Ärztin Clara Christmann, seit Kindheit mit dem Opfer befreundet, stellt eigene Nachforschungen an und übersieht die Gefahr, in die sie sich begibt. Bis es beinahe zu spät ist

Vier Textauszüge:

Prolog

Der Mann baute sich vor ihr auf. Er stank aus dem Mund. Seine ungesund glänzenden Augen starrten sie an. „Und du willst mich einsperren, was? Mit dirr red ich gar nicht! ... Ich mach dich fertig!“

Die beiden Polizisten, die ihn flankierten, nahmen es gelassen. Mirjam hatte den Eindruck, dass sie sich köstlich amüsierten. Jetzt verstärkten sie ihren Griff, grüßten kurz und zerrten den widerstrebenden Mann hinaus. Seine Schreie hallten durch die Flure der Ambulanz.

Mirjam schloss die Augen vor dem gnadenlosen Neonlicht und barg das Gesicht in den Händen. Der Typ hatte ihr gerade noch gefehlt. Als wäre der Abend nicht schon schlimm genug gewesen. Sie spürte die Wut in sich hochsteigen.

Tief durchatmen. Keine Schwäche zeigen

Obwohl sie das Gefühl hatte, vor Erschöpfung auf der Stelle umfallen zu müssen, straffte sie die Schultern und ging mit festem Schritt in das Ambulanzzimmer.

„Gibt es noch etwas für mich?“

Die diensthabende Krankenschwester brüllte nach hinten:

„Is noch was für die Psych?“

„Nein!“ kam es zurück.

„Okay. Dann bis später.“

„Bis später, Frau Doktor.“

Mirjam wusste, dass diese Anrede keine Achtung ausdrückte. Sie hatte ihren Ruf weg. Sie war  zu unsicher, zu weich für diesen Job.

Trotzdem. Heute hatte sie Stärke gezeigt.

Nicht nachdenken. Sie brauchte ihre Kraft, um den Nachtdienst durchzustehen.

Ihr Blick fiel auf die große Wanduhr. Kurz vor eins.

Sie beschloss, sich eine Weile hinzulegen, bis sie wieder angepiepst würde. 

Die leeren unterirdischen Gänge schienen endlos. Mirjam beschleunigte ihren Schritt, wie immer, wenn sie hier entlangging.

Das Bereitschaftszimmer der Psychiatrie lag weit ab in einem Trakt, in dem sonst nur Wäsche- und Vorratsräume untergebracht waren.

jam öffnete im Halbdunkel die Tür.

Sie wurde bereits erwartet.

 

Bruno Liebig

Der Wagen war einer dieser angesagten Pseudo-Geländewagen, ein SUV, wenn sich Bruno Liebig nicht irrte, ein Jeep zum Brötchenholen um die Ecke, lackiert in  Kackbraun-Metallic.

Liebig störten weder der Wagen noch seine Farbe. Was ihn störte war die Tatsche, dass der Wagen dort stand, wo er nicht hätte stehen dürfen.

Bruno war wütend. Und wenn er wütend war, dann hatte das Konsequenzen.

Betont langsam ging er zurück in seine Wohnung, holte die Kamera und fotografierte den Wagen von allen Seiten. Dann rief er bei der  Polizei an. Die Polizei war schließlich da, um für Recht und Ordnung zu sorgen.

Obwohl Bruno Liebig das Vertrauen in die Polizei schon lange verloren hatte.

Er betrachtete die Fotos. Plötzlich kam ihm die Erkenntnis. Das war doch der Wagen von dem Nachbarn aus dem Eckhaus, der damals behauptet hatte, er, Bruno, würde seine Frau schlagen.

Ha, dem würde er es zeigen.

Sicher, manchmal war es hoch hergegangen zwischen ihnen. Aber Ulrike war nun einmal psychisch krank. Schwer psychisch krank. Er, Bruno, konnte das nicht nachvollziehen. Er war immer ruhig und vernünftig, er hatte nie Probleme gehabt.

Was hätte er tun sollen? Mit einer psychisch Kranken konnte man nicht normal reden. Gute Worte halfen da nicht. Er hatte es ja versucht. Aber sie war so stur, sie wollte nie einsehen, dass er recht hatte.

Sein Blick wanderte zu der Nische, wo er Bilder von ihr aufgebaut und mit Blumen geschmückt hatte.

Ach, Ulrike, warum konntest du kein braves Mädchen sein?

 

Mirjams altes Leben

Mirjam Wolf erwachte von dem verhassten Alarmton des Weckers. Sie hatte das Gefühl, ihr Kopf fliege weg. Panisch warf sie sich auf die andere Seite und schlug um sich, in der Hoffnung, den Wecker zu treffen. Es klirrte. Sie hatte das Wasserglas vom Nachttisch gestoßen. Endlich fand sie den Knopf , und das nervenzerreißende hohe Piepen hörte auf.

Sie knipste die Nachttischlampe an und sah sich um. Die andere Hälfte des breiten Bettes war leer. Der Typ musste irgendwann in der Nacht gegangen sein. Sie versuchte, sich an seinen Namen zu erinnern. Egal. Hauptsache, er war weg.

Mirjam stöhnte. Nein, sie würde heute nicht aufstehen. Sie würde nicht dorthin gehen. In diese grauenvolle Klinik.

Heute war Chefvisite. Diese Aussicht hatte sie veranlasst, gestern ihre abendliche Lexotanildosis zu verdoppeln. Die Weißweindosis übrigens auch. Danach hatte sie noch ein  Wasserglas voll Rum getrunken, zusammen mit dem Typen.

Anständige Menschen tranken Rum nur im Winter, zum Tee. Wie ihre Mutter. Oder im Urlaub, in der Karibik.

Bei ihr war immer Karibik- Zeit. Let’s dance and have fun. Lasst die Hüften kreisen. Immer Rum-Zeit. 

em Typen hatte das gefallen. Er fand sie verrucht.

Männer mochten verruchte Frauen. Sie blieben nur nicht bei ihnen.

Mirjam ging ins Bad und übergab sich. Sie trank aus dem Hahn und betrachtete ihr Spiegelbild. Beinahe makellos. Allenfalls der Teint hätte rosiger sein dürfen. Die Augen blickten unschuldig müde, wie bei einem Kind, das man  zu früh aus seinen Träumen gerissen hat. Beeil dich, du musst in die Schule.

Von den inneren Verwüstungen war nichts zu sehen.

Noch nicht, dachte sie. Wie lange noch? Zwei Jahre? Fünf? Zehn?

Nein, keine zehn. Sie lächelte sich zu. Blonde Locken fielen weich in das blasse Mädchengesicht. Bezaubernd.

Mein Gott. Hilf mir.

Am liebsten hätte sie sich wieder übergeben, aber es kam nichts mehr. Ihr Magen krampfte. Sie aß zu wenig.

Sie ging in die Küche und setzte heißes Wasser auf. Die Schachtel mit den Lexotaniltabletten lag auf der Arbeitsfläche. Mirjam griff danach und überlegte. Dann holte sie die Trittleiter aus der Ecke, ging damit in die schmale Vorratskammer, stieg auf die Leiter und legte die Schachtel in das oberste Regal, hinter Tüten mit Wollresten und Kisten mit alten Nägeln und Werkzeug.

Unsichtbar. Schwer zu erreichen.

Zufrieden kehrte sie in die Küche zurück und goss den Tee auf. Mit der dampfenden Tasse in der Hand begab sie sich ins Bad, duschte und machte sich fertig.

Sie würde hingehen. Auch heute wieder.

 

Der Überfall

Er betrachtete die Klingelknöpfe. Dritter Stock.

Er ging ein Stück zur Seite und beobachtete den Eingang. Als eine alte Dame das Haus verließ, machte er rasch einen Schritt nach vorne, rief „Danke!“ und ließ sich von der verblüfften Mieterin die Tür aufhalten.

Er ging die Treppe hinauf und suchte die richtige Wohnung. Plötzlich erklang wildes Hundegebell. Der Mann wartete. Keine Reaktion. Niemand versuchte, den Hund zu beruhigen.

Nach einer Weile wurde es wieder still. Er wartete geduldig weiter. Als er die Haustür hörte, ging er lautlos eine halbe Treppe höher und verbarg sich im Schatten.

Clara stieg langsam die Stufen hoch. Sie hatte einen anstrengenden Vormittag hinter sich. Die Szene mit Bruno Liebig vom Vortag beschäftigte sie immer noch. Und sie dachte wieder einmal über Silke Hansen nach, mit der sie heute eine Sitzung gehabt hatte. Sie wurde nicht klug aus der jungen Frau. Sicher, Clara war vertraut mit den Unberechenbarkeiten, den Schwankungen im Verlauf der Behandlung schwer gestörter Patienten. Bei Silke Hansen hatte sie jedoch ein ungutes Gefühl, das sie nicht deuten konnt.

Vor ihrer Wohnung blieb sie stehen. Sie ließ ihre Schlüssel durch die Hand gleiten und suchte den richtigen. In dem Augenblick, als sie die Wohnungstür öffnete, warf sich jemand von oben auf sie. In der einen Hand hielt er ein Messer, mit der anderen hielt er ihr den Mund zu. Sie spürte seinen heißen Atem an ihrem Gesicht. „Los, rein!“ flüsterte er dicht an ihrem Ohr. „Als erstes sperrst du den Hund weg, sonst stech ich ihn ab.“

Wortlos drückte Clara die Tür auf und ließ sich in die Wohnung schieben. Jetzt wusste sie, wer der Mann in ihrem Rücken war. „Ruhig, Elli, alles gut.“ Sie streichelte die Hündin, die aufgeregt an ihr hochsprang. „So, und jetzt gehst du schön da rein.“ Sie zeigte auf die Tür zur Küche. „Komm schon.“

Elli winselte und knurrte abwechselnd. Sie hatte sich so auf Clara gefreut, und jetzt sollte sie eingesperrt werden? Und wer war dieser Mann? Elli mochte seinen Geruch nicht. Hier war etwas ganz und gar nicht in Ordnung. Die kleine Hündin beschloss, zum Angriff überzugehen. Laut kläffend stürzte sie sich auf das Bein des Mannes.

Er reagierte schnell. Als Elli die Gefahr erkannte, war es zu spät. Sie sprang zur Seite, aber das Messer traf sie an der rechten Schulter. Die Hündin stieß ein nervenzerreißendes Jaulen aus.

Clara fuhr herum. Sie starrte wie gelähmt auf das blutende Bündel am Boden. Der Mann brüllte: „Halt’s Maul, du widerliche Töle!“ und stieß mit dem Fuß nach Elli. Das Jaulen wurde zu einem schrillen Schrei. Clara vergaß ihre Angst und stürzte sich auf ihn. Er war so überrascht, dass er stolperte und beim Versuch, sich zu halten, das Messer verlor. Clara versuchte, das Messer zu erreichen. „Du Schwein, du hast sie umgebracht“, schrie sie völlig außer sich. Er packte ihren Arm und versetzte ihr eine brutale Ohrfeige. „Mach, was ich sage, dann passiert dir nichts.“ Wie betäubt saß Clara am Boden, während er sich sein Messer zurückholte. Ihr Blick fiel auf Elli, die jetzt nur noch leise winselte. Sie schien schwächer zu werden.

 

Poet's Gallery Beitrag April 2017

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Martina Maria Frank

Geboren 1955 in Lauchheim auf der schwäbischen Alb. Lehramtstudium und  Schuldienst. 1980 Umzug nach Hamburg. Tischlerlehre und anschließendes Kunststudium an der Fachhochschule für Gestaltung, Armgardstraße und der HfbK. Seit 1995 freischaffende Malerin. Der Text "Der Baggersee“ entstand im Rahmen der Offenen Schreibgruppe www.schreibfertig.com Hamburg.

 

Textveröffentlichungen zu folgenden Ausstellungen:

„Der Zeppelin flog am 3. März 1931 über Lauchheim“

„Schwarze Zahlen sind grün genug“

„Einzelteile reduziert“

„Ein Mädchen, das gerne ausreitet- mit ungewissem Ausgang“

„Der Weiher wurde dunkel und kräuselte sich“

 

Martina Maria Frank

Der Baggersee

Wenn Anfang Juli das Thermometer an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen über 25 Grad anzeigte und wir  schon morgens bis in die Nacht hinein in kurzer Hose und Hemd draußen sein konnten, saßen wir in unausgesprochener Erwartung bei unseren Wochenend-Treffen an der Bushaltestelle am Ende der Dorfstraße und warteten, bis endlich jemand das eine Wort aussprach.

 

Diesmal war es Erich: „wollen wir morgen an den Baggersee?“

 

Das war der Startschuss zum weltraumgroßen Überfluss; Befreiung unseres jugendlichen Eingebundenseins in pflichtbeladene Gehäuse wie Elternhaus, Schule und  Kirche. Und er, der Baggersee, war nicht in Reichweite irgendeines Blickfeldes, das nicht unseres war.

 

Dann rauchten wir mehr Zigaretten als sonst und tranken einige Flaschen des guten Trollingers, die ich immer aus dem Weinkeller meines Vaters auf unbestimmte Zeit ausgeliehen hatte.

 

B a g g e r s e e - Baggersee war gottgegebene Freiheit ohne Einschränkung. Baggersee war Verliebtsein, Lagerfeuer, Singen bei Gitarrenklang, sich in eine Zukunft träumen, ein Berauschtsein mit allen jugendlichen Sinnen bis in die Nervenspitzen hinein; er war das

 

Hereinholen dessen, was uns das Schicksal an den Rand unseres Lebens gelegt hatte. Und Baggersee, in diesem einen Wort lag das Erlebnis-Drehbuch für einen ganzen Sommer.

 

Wir wurden größer, wir wurden stark und wir wurden wir selbst.

 

Und dann sah ich, an der Peripherie unserer Gruppe stehend, die drei „ Dorf-Looser“: Otto, Wilfried und Rosemarie, die sich auf ihre nackten Schenkel klopften und so taten, als gehörten sie zu uns. „Wie kriegen wir die jetzt los?“, fragte mich Hannes, verdrehte dreimal seine Augen im Kreis, bis sie starr am Himmel hängenblieben und nur das Weiße darin nach draußen schien. Ich musste lachen und hatte gleichzeitig Angst, dass diese Stimmungsschmarotzer unseren Sommer vermiesen und damit auch meinen Liebesfortschritt mit Hannes aufhalten könnten.

 

Hannes, der Montags bis Freitags, wenn er unser Haus mit seinem Motorrad passierte, dabei dreimal laut hupte, und sich meine Mutter bei jedem Hupen einige Zentimeter vom Boden abhob, meine Baggersee-Sehnsucht hervortrieb, wie eine Blumenzwiebel das Wachsen zu den ersten Sonnenstrahlen hin.

 

„Was willst du denn mit einem Schmied?“, holte mich fragend meine vom Hupen hysterisch gewordene Mutter auf den schwäbischen Betonboden zurück... „willst du fünf Kinder kriegen, in einem alten Schuppen wie sein versoffener Vater hausen und abends kommt dein Hannes dreckig und ölverschmiert nach Hause, verlangt sein Bier und sonst noch ….was?“

 

Ja, das konnte sie bravourös, sie konnte jeden Sonnenstrahl, der sich in unserem Nordhaus verirrte, hinausjagen und jede scheue Freude, jede zaghafte Übermuts-Stimmung wurde mit einem Schlag in

lustverni­chtende, protestantische Lebensverneinung umgewandelt.

 

Am nächsten Vormittag, es war der Baggersee Samstag, war Herr Benz, der Vater von Hannes, bei uns und dabei, kniend ein Loch an der hinteren Hauswand zuzumauern.

Wie jedem Handwerker, brachte ich ihm sein Bier. Gewiss, er roch ein wenig nach Alkohol und Schweiß, sein Haar hing wie zusammengeschmolzen herunter, das zerfurchte Gesicht machte ihn älter, als er war, und bevor er zur Flasche griff, wischte er sich mit dem Handrücken den Rotz unter der Nase weg. Dann schaute er erstaunt zu mir hoch, ich bekam plötzlich Angst, dass er meinen Schwiegertochter in spe-Blick erkennen könnte und lief schnell weg.

 

„Kommst du jetzt endlich?“ Renate und Monika warteten auf ihren Rädern in unserer Toreinfahrt. „Ich komme heute nicht mit“, würgte ich hervor, „ich muss heute in der Gastwirtschaft helfen, es ist viel zu tun.“

 

     Und viel zu tun war wirklich!“

 

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Poet's Gallery Beitrag März 2017

www.schreibfertig.com

 

 

Werner Prueher

 

Werner Prüher, geboren 1971 in Rohrbach in Oberösterreich, lebt dort mit seiner Familie und unterrichtet an der Berufsschule. War Organisationsprogrammierer, Bankkaufmann und Projektmanager für Online-Games, hat einen Master in Bildungs- und Medienwissenschaften. In den 90ern Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „Grenzen der Phantasie“, einige Veröffentlichungen in „Findlinge - Literaturkreis Oberes Mühlviertel“ und Lesungen von Mundart-Gedichten. Schulbuchautor und Blogger unter „LernenHeute.blog“.

 Werner Prueher

Rückfallmaßnahme

 

Der Arbeitsvermittlungs-App folgend, lotste mich das Handy diesmal zur „Angelo & Sele GmbH“. Ich drückte die Klingel.

„Ja?“, quäkte die Sprechanlage.

„Ich komme wegen des Jobs.“

„Moment, bin gleich da.“

Kaum hatte ich das Handy in die Jackentasche gesteckt, öffnete auch schon ein Hipster der Marke „Men’s Health Coverfoto“ die Tür: „Hallo, ich bin Angelo. Schön, dich zu sehen. Hier lang, bitte.“

Ein Teppichboden dämpfte unsere Schritte. Überhaupt war es im Bürogebäude merkwürdig still, niemand lief uns über den Weg.

 „Wir sind ein kleines, feines Start-up Unternehmen und beschäftigen uns mit der Resozialisierung von Kriminellen, ihrer Wiedereingliederung in die Arbeitswelt, Maßnahmen bei Rückfällen. Aber keine Angst. Deine Aufgabe ist eher langweilig. Bürokram am PC. Statistiken. Kannst du mit Word und Excel umgehen?“

Bevor ich antworten konnte, stoppte er vor einem Kaffee-Automaten: „Mokka oder Cappuccino?“

„Mokka, bitte.“

Er reichte mir das Getränk in einem „Angelo & Sele GmbH“-Pappbecher. Ich betrachtete das Logo: Rote Fledermaus auf schwarzem Grund.

„Wir machen die dunkle Macht wieder flügge. Gesellschaftsfähig, sozusagen“, kommentierte er meinen Blick. Er öffnete die Bürotür neben dem Automaten und ging hinein.

„Das ist unser Büro, Raum 17. Wir sind zu dritt. Das ist Sele.“

In einer dunklen Ecke des Zimmers lugte hinter einem Schreibtisch Seles bleiches Gesicht aus einem Kapuzensweater hervor. Er war einer jener Typen, die auch mit 35 noch den jugendlichen Drogen-Junkie in Krimiserien spielen konnten. Nach einem gemurmelten „Hey“ vertiefte sich Sele wieder in sein Notebook.

Angelo wies auf einen der zwei Schreibtische am  Fenster, die auf eine fade Betonwand blickten. „Ich zeige dir, was zu tun ist. Nimm Platz.“

 Ich hatte Listen von Kleinkriminellen in Ordnern mit Excel-Tabellen abzugleichen, zu korrigieren und zu ergänzen. Anfangs fragte ich oft und viel, aber nach wenigen Stunden wurde der Job, so wie Angelo gesagt hatte, einfach nur öde. Angelo langweilte sich auch. Er lümmelte in seinem Bürostuhl, starrte aus dem Fenster auf die Betonwand, beobachtete zeitweilig Sele, trank Kaffee und begann im Laufe des Vormittags Online-Games zu spielen. Mausklickend fixierte er den Bildschirm, Kopfhörer übergestülpt. Niemand redete, niemand telefonierte. Ein oder zweimal drehte ich mich nach Sele um. Unsere Blicke trafen sich nie, aber ich hätte schwören können, dass er meinen Rücken anstarrte.

 

Am nächsten Tag schaffte ich es, das Gebäude   überpünktlich auch ohne Smartphone zu finden und wollte eben klingeln, als Angelo hinter mir rief: „Hey, warte!“

Er war gerannt, sein Body-Builder Oberkörper atmete schwer.

„Du solltest nie vor neun Uhr kommen, da ist niemand da, der dir aufsperrt“, sagte er, schloss die Eingangstür auf und ging voraus. Dicht hinter mir betrat Sele das Büro.

 „Hey“.

Keine Ahnung, wo der plötzlich herkam. Schweigend setzten wir uns, ich nahm mir einen Ordner aus dem Aktenschrank und machte mich an die Arbeit.

 

Nach der Mittagspause verlangte mein Notebook ein Passwort. „Angelo?“, fragte ich. Er, Kopfhörer aufgesetzt, starrte mausklickend auf seinen Bildschirm und regte sich nicht.

Plötzlich fühlte ich Seles Atem an meinem Ohr. Ich hatte nicht bemerkt, dass er aufgestanden war. Sein Kopf war so dicht neben meinem, dass ich ihn riechen konnte. Vanille und Knoblauch, wenn ich nicht irrte.

„Probleme?“, fragte er. Das erste Wort außer „Hey“ in zwei Tagen. Seine Stimme klang weiblich.

Ich zeigte auf den Bildschirm: „Das Passwort?“

Angelos Blick schwenkte vom Notebook auf Sele und mich. Seine Augen waren schmal.

Sele beugte sich zu mir vor, um an die Tastatur zu  gelangen. Ich wagte nicht, mich zu rühren, bemerkte schwarz lackierte Fingernägel und spürte ihre Brust an meiner Schulter. Also doch, definitiv weiblich.

Angelo nahm die Kopfhörer ab und legte sie langsam auf den Schreibtisch.

„Okay“, sagte Sele, als Excel wieder am Bildschirm erschien. Als sie sich umdrehte, hechtete Angelo über den Schreibtisch und wir beide krachten mitsamt dem Bürostuhl gegen die Wand. Dann kniete Angelo über mir, riss den Mund weit auf und fauchte. Ich konnte nur mehr auf die spitzen Eckzähne starren, die sich gleich in meinen Hals bohren würden.

Abrupt wurde Angelos Kopf mit Wucht von Seles Stiefelabsatz zur Seite gekickt, ein weiterer Tritt warf ihn von mir herunter und ich konnte wieder nach Luft schnappen. Als ich mich umdrehte, kniete Sele auf Angelo und fixierte seine Hände am Rücken mit Kabelbinder.

„Sorry, habe kurz nicht aufgepasst“, meinte sie schnaufend. „Manchmal wird er rückfällig.“

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Poet's Gallery Beitrag Februar 2017

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Ulrike Fulda

Ich heiße Ulrike Fulda. Den Text "Selig sind" schrieb ich im September 2012, nach einem Konzert-und Tanzereignis in der Baustelle der Elbphilharmonie.

 

In diesen Tagen wird sie eröffnet. Und ich freue mich darauf, dort bald ein Sinfoniekonzert zu hören.

 

Meine Interessen waren immer schon neben denen meines Berufes (Biologie- und Chemielehrerin) das Lesen und Schreiben von Texten und das Hören und Selber-Gestalten von Musik. In Online-Schreibkursen sowie Schreibkursen im Museum und in Cafés habe ich in den letzten Jahren wunderbare Anregungen gesammelt.

 

 Vor ein paar Tagen bin ich auf eine Aussage des kürzlich verstorbenen John Berger gestoßen. Ich war auf der Suche, meine Empfindungen beim gelingenden Schreiben und Musizieren (Improvisation und Kammermusik)  auszudrücken. Ich finde, daß dieser herrliche Text über das Zeichnen ebenso für das Schreiben und Musizieren gelten kann.

 

"Wenn Sie sich anschauen, was uns auf natürliche Weise umgibt – nicht nur das  Menschengemachte – sind Sie im Reich des Unendlichen. Deshalb zeichne ich. Und habe immer gezeichnet. Bäume. Landschaften, Körper, Fische. Zeichnend beginnt man,  die unendliche Komplexität zu sehen, sodaß der Prozeß des Zeichnens – ohne daß etwas  ausgesprochen würde – eine Art des Gebetes" ist.   (John Berger)

 

Ulrike Fulda

SELIG SIND

 

Lieber (Freund)! Was ich an diesem Abend erlebte, hinterließ in mir wortlose Glückseligkeit. Später zog es mich an den Schreibtisch. Ich wollte mir bezeugen, was da mit mir geschehen war. Und mit Dir will ich es teilen.

 

In der Abendsonne im späten September 2012 stand ich auf dem Deck einer der Fähren, die am Anleger der Elbphilharmonie-Baustelle halten. Die Fenster des unfertigen Gebäudes spiegelten rot, die gelben riesigen Kräne ruhten. Ein Lastenaufzug brachte Besuchergruppen nach oben in den 8. Stock.

 

Der Bau in dieser Höhe war an einigen Stellen verbarrikadiert und mit Plastikfolie abgedichtet. Den Boden bedeckte eine Schicht frischer Späne. Auf einem Holzkonstrukt standen mehrere Stehtische, darauf Gläser und Wein. Zum Aufführungsraum kam man durch einen hohen, schweren Filzvorhang über duftenden Rindenmulch.

 

Der weite Saal war mit einem Teppich aus echtem Gras ausgelegt. Ein Flügel stand an der rechten Schmalseite, auf einer großen hölzernen Unterlage, davor zwei Klavierbänke nebeneinander; an der Seite des Podestes sah man große Räder aus Metall und hölzerne Deichseln. Unter dem Instrument lagen mehrere verschnürte, sackleinene Stoffe. Zwei große radförmige Leuchter aus glänzendem Metall hingen hoch oben. Waren sie aus Kran-Material gebogen? An dieser Konstruktion waren lange, dicke Seile befestigt.

 

Der Raum lud zum langsamen Ausschreiten ein.  Dabei fiel der angeregte Blick auf eine Bühne mit breiten gestuften Brettern, auf roh verputzte Säulen und auf überall verteilte ungefärbte Jutestoffe in der Größe kleiner Teppiche. Man erkannte im Dämmerlicht wenige Stühle am Rand. Auf einer hohen Verstrebung hockte ein Junge. An einer Längsseite saßen, von Latten und einem Tisch begrenzt, Techniker mit Aufnahmegeräten; Mikrofone hingen an langen Verbindungen von der Decke herab.

 

Das Licht ging kurz aus, einmal, zweimal. Nikolaus Besch und Jochen Sandig standen auf den unteren Stufen der Bühne. Sie begrüßten uns, und Jochen Sandig regte das Publikum an, sich während des Konzertes frei zu bewegen.

 

Nach einer ruhigen und langen Pause, in der Menschen gingen oder blieben und ich die Augen langsam zugehen ließ, erklang die Eingangsmusik auf dem Flügel, und dann: im pianissimo dicht hinter mir und um mich herum und von überall her im Raum – so leise! – das „Selig sind...“. Ich nahm die Hände vor mein Gesicht. So konnte ich bei mir und ganz im Lauschen sein und meine Tränen behüten.

 

Später öffnete ich ab und zu die Augen. Durch eine Schneise von der linken Seite Sängerinnen, von rechts Sänger gingen aufeinander zu und aneinander vorbei und ihre Klänge erreichten mich wie eine Flut. Zwei Dirigenten waren an verschiedenen Stellen, erhöht und im Licht; keiner der Chorsänger schien direkt zu ihnen zu blicken. Nach etwa der Hälfte des Werkes wurde der Flügel mit den beiden musizierenden Pianisten auf die andere Seite gefahren. Einmal stand überraschend der Solist hell angeleuchtet direkt neben mir. Ich setze mich langsam zu den anderen ins Dämmrige.

 

Weitere Bilder: Sänger hielten sich, hintereinander gehend, an den Schultern, sie gingen gebeugt zum Flügel, umrundeten ihn und stützten sich schwer auf ihn. Einige Kinder liefen mit einem ganz langen Sackleinentuch von einer Schmalseite zur anderen.

 

Direkt vor mir sang eine Choristin. Sie saß auf einer von weit oben herabgelassenen Schaukel. In ruhigem Rhythmus wurde sie von einem Sänger gewiegt. Nun machte sie ihren Platz frei für die weiß gekleidete Solistin, die uns Trost verhieß („Ihr habt nun Traurigkeit“). Zu ihren Füßen kauerten aneinandergelehnt zwei Frauen und ein Mann, lange schweigend und zu Boden schauend, dann der Solistin mit dem Chor antwortend.

 

Ich sah eine ältere Frau mit Tränen in den Augen, den Mund zu den Gesängen mitbewegend. Ich sah in andere weiche Gesichter wie in einen Spiegel.

 

Und nun stand hell angestrahlt der Solist hoch oben im Baugerüst und verkündete, mächtig vom Chor unterstützt, die „Zeit der letzten Posaune“. Im abschließenden „Selig sind...“ fand ich mich vor einem Halbrund von Sopranistinnen. Es zog mich auf den Boden. Liegend lauschte ich, von Klängen umhüllt.

 

Ja, wir bedankten uns, mit Stille und Klatschen. Viele blieben an ihrem Platz stehen und schauten, manche setzten sich auf eine der vielen hängenden Sitze, die nun von den Leuchtern herabhingen. Ich schloß mich denen an, die nach längerem Anstehen durch die zugige Tür auf den Balkon hier oben traten. Von dort sahen wir weit über den nächtlichen Hafen. Durch das Treppenhaus nach unten und mit S-Bahn und Bus gelangte ich nach Hause, noch lange stumm und verzaubert.

 

Rundfunkchor Berlin. Simon Halsey, Leitung(Philip Mayers und Phillip Moll, Klavier/Charlotte Müller Perrier, Sopran/Edwin Crossley-Mercer, Bariton/Konzept und Regie: Jochen Sandig/ Dramaturgie: Sasha Waltz, Ilka Seifert/Künstlerische Mitarbeit: Claudia de Serpa Soares/ Raum: Brad Hwang/Licht: Jörg Bittner/Ton: Holger Schwark/Raumakustik: Ralph Bauer-Diefenbach/Nikolaus Besch, Leiter des Hamburger Theaterfestivals/Christoph Lieben-Seutter, Intendant der Elbphilharmonie

 

         Poet's Gallery Beitrag Januar 2017

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Reinhard Barth

Reinhard Barth, Dr. phil., geboren 1943 in Hamburg.Studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie und promovierte 1974 mit einer Arbeit über städtische Auseinandersetzungen im Spätmittelalter.

 

Begann die Berufstätigkeit mit Schulfunk-Hörspielen zu historischen Themen. Danach Redakteur bei einem zeitgeschichtlichen Magazin und einem Münchener Verlagsbüro; betreute dort u.a. „Preußisches Lesebuch“ (Unipart, 1981), „Lexikon des Dritten Reiches“ (Südwest, 1985), „Illustrierte Geschichte des deutschen Kaiserreiches“ (Südwest, 1986), „Lexikon der Weltgeschichte“ (Martin Greil, 1990), „Lexikon des Zweiten Weltkrieges“ (Heyne, 1995) und die Reihe „Deutsche Bibliothek“ (Hilliard Collection, 104 Bände, 1981–1990), daneben Bücher über Rassehunde (Parey), Geschenkbücher und Bildbände zu Sportereignissen (Südwest, Lingen).

 

Veröffentlichungen als Autor: „Wikinger“ (Taschenlexikon, Piper, 2002), „Frauen, die Geschichte machten“ (Primus, 2004), „Diktaturen in Europa“ (Vorwärts, 2005), „Wissen auf einen Blick: Mittelalter“ (Naumann & Göbel, 2007), „Alexander von Humboldt. Abenteurer, Forscher, Universalgenie“ (Bloomsbury, 2008), „Die Vermessung der Erde. Geschichte der Kartografie“ (Fackelträger, 2015). Widmete dem Hamburger Mietshaus, in dem er seit mehreren Jahrzehnten lebt, eine amüsante Biografie: „Das Haus“ (4 Bde. 1986–2014).

 

Adresse: Haynstraße 1, 20249 Hamburg, Tel. 040 48 19 40

 

Reinhard Barth

 Entnazifizierung bei uns zu Haus

 

Im Haus meiner Eltern in Blankenese hing im Wohnzimmer hinter dem Schreibtisch ein Bild in einem Rahmen in gehämmertem Gold oder wie man diesen Holzanstrich nennt, der so alt und würdig aussieht. Und alt und würdig und nicht von dieser Welt stellte sich die Szenerie dar, die hinter Glas zu sehen war. Einer mit langem Haar und riesiger weißer Kopfbedeckung, den schmächtigen Körper gehüllt in ein blaues Kleid oder Mantel, dessen dicke Falten sich über seine Füße breiteten, saß, die Beine übereinander geschlagen, auf einem grünen, gleichfalls von Falten gebauschten, blumenbewachsenen Buckel oder Hügel. Ein riesiges Schwert, in einer schwarzen Scheide, lehnte neben ihm, auf dem Knauf lag das Ende einer Papierbahn oder -fahne, die vom Himmel herunterzuflattern schien. Versonnen, den übergroßen Kopf mit einer Hand gestützt, blickte der Mann, eigentlich eher ein Kind, vor sich hin. Über ihm schwebten ein roter Schild und ein goldener Topfhelm, beide geschmückt mit dem Abbild eines Vogels hinter Gittern, und das Ganze war eingefasst von einem rot-grün-goldenen Rahmen. Darüber stand in altertümlichen Lettern „her walther võ der Vogelweide“, und irgendwann, viel später, erfuhr ich, dass es sich um ein Blatt aus der Großen Heidelberger oder Manessischen Liederhandschrift handelte und dass die Körperhaltung auf dem Porträt genau Herrn Walthers Versen entsprach:

 

 Ich saz uf eime steine,

 und dachte bein mit beine:

 dar uf satzte ich den ellenbogen:

 ich hete in mine hant gesmogen

 daz kinne und ein min wange

 

Aber da hatte sich mir das Bild schon längst tief eingeprägt. In dem Regal darunter bewahrte ich als kleiner Junge meine Spielsachen, ich hatte Herrn Walther immer vor Augen. Wenn man so will, war die mittelalterliche Miniatur das erste Kunstgebilde, das ich kennen lernte. Besonders das Gold hatte es mir angetan; wenn die Sonne drauf schien, leuchteten die vergoldeten Partien des Porträts, Herrn Walthers Halskragen und die Manschetten seines Untergewandes, der Knauf und die Parierstange des Schwertes und der Topfhelm, weit durchs Zimmer. Und immer wieder versuchte ich mir zusammenzureimen, was es mit diesem merkwürdigen alten Kind auf sich haben könnte, das auf dem grünen Faltengebirge hockte, gleichsam daraus hervorwuchs und mit seinen zarten Händen doch nie das ungeheure Schwert würde schwingen können, das größer war als das Männchen selber.

 

Fast fünfzig Jahre also hing des Vogelweiders schön gerahmtes Abbild im Wohnzimmer meiner Eltern. Dann, nach dem Tod meines Vaters und der Umsiedlung meiner Mutter in eine Einliegerwohnung im Haus erfolgte die Haushaltsauflösung, und Mutter war drauf und dran, das Bild mitsamt vielen anderen Erinnerungsstücken wegzuwerfen. Ich konnte es ihr gerade noch entreißen. Ich wusste zwar im Moment nichts damit anzufangen, aber Herr Walther im Müll, das ging nun doch nicht, mindestens bei mir im Keller wollte ich ihn aufbewahren.

 

Eher beiläufig sagte Mutter, ich sollte das Bild zu Hause mal aufmachen, es wäre noch was drin. Ich tat, wie mir geraten. Die Rückseite war aus Pappe, mit einem Etikett „Commetersche Kunsthandlung“ (die gibt es, glaube ich, immer noch), dazu mit Bleistift der Preis geschrieben: 11 Mark. Außen herum lief ein Papierklebestreifen. Den riss ich ab, darunter kam ein zweiter zum Vorschein, der aber Schnittspuren zeigte. Das Bild war also schon mal geöffnet worden. Ich zog mit einer feinen Zange die Haltenägel heraus und hob die Rückseite aus dem Rahmen. Darunter eine dünnere Pappe, wohl das Passepartout. Als ich es gleichfalls heraushob und umdrehte, sah ich: Herrn Walthers Konterfei war nur draufgeklebt, ganz flüchtig an den vier Ecken, und eine war schon los. Ich zog eine weitere Ecke ab und schlug das Blatt zur Seite. Ein Foto kam zum Vorschein: Adolf Hitler.

 

Was war denn das?!

 

Beim nächsten Besuch gab mir Mutter Auskunft: Den Hitler musste man ja haben damals, und sie hatten eben diesen gehabt im schön gehämmerten Goldrahmen für 11 Mark von Commeter. Aber 1945 kamen die Engländer, die durften den Hitler an der Wand nicht sehen. Da hatte sie den Rahmen geöffnet und Walther von der Vogelweide über das Führerporträt geklebt, der war gerade zur Hand, ein Kalenderblatt wahrscheinlich und groß genug, um Hitler zuzudecken.

 

Das war also das Geheimnis. All die Jahre und Jahrzehnte hatte hinter dem Bild aus einer blau-grün-goldenen Ferne das Foto des Mannes gesteckt, der mir schon ganz früh als die Verkörperung des Bösen überhaupt erschienen war. Immer war er an der Wand gewesen, nur ein dünnes vergilbtes Blatt mit dem Porträt eines Minnesängers hatte ihn von mir und meiner Welt getrennt. Eine sagenhafte Geschichte, sie könnte aus einem Film stammen. Eine deutsche Geschichte. So funktioniert Verdrängung.

 

Wir haben uns mit unseren Eltern nie über die Nazizeit gestritten. Meine Brüder taten nichts dergleichen, und ich auch nicht. Das, was doch angeblich eine ganze Generation beschäftigt hat, bei uns fiel es aus. Später, zur Zeit der Studentenrevolte, gab es Zank, schließlich war ich bei den Demonstrationen und den Vollversammlungen dabei und konnte nun wirklich nicht schweigen zu dem, was meine Eltern täglich in Springers Welt über die Ereignisse an den Universitäten lasen. Aber selbst dabei verzichtete ich darauf, eine mögliche Schuld der Eltern an den Verbrechen des Dritten Reiches als Argument in die Auseinandersetzung einzuführen, aus Scheu oder Ehrfurcht oder weil ich den großen Krach vermeiden wollte.

 

Ihre Entnazifizierung besorgten meine Eltern selbst, mit den einfachsten Mitteln. Mein Vater hatte es noch am leichtesten, er war in der Zeit, als dergleichen anstand, überhaupt nicht da. Bis 1953 befand er sich in russischer Kriegsgefangenschaft, und als er wiederkam, waren dienstliche Befragungen schon längst abgeschafft. Vater war nach sowjetischer Behauptung Kriegsverbrecher. Worin sein Verbrechen bestanden hatte, darüber sagte er nie etwas, ich nehme an, er gehörte zu den tausenden von Offizieren, die Stalin summarisch verurteilen und in Russland festhalten ließ, um ein Pfand für etwaige Verhandlungen mit dem Westen zu haben. Bei der kämpfenden Truppe war Vater nicht gewesen, immer irgendwo im Hinterland, als Lehrer an Truppenschulen im Baltikum, in Riga, Reval oder sonstwo, und als die Kurlandarmee 1945 abgeschnitten wurde, war er mit dabei und wurde einkassiert. Von der Gefangenschaft erzählte er nur Anekdoten: Wie durch halbstündiges Herumkauen auf einem Stück Brot sich im Mund Zuckergeschmack entwickeln kann. Wie sie Lageruniversitäten organisierten. Wie sie bei 30 Grad minus irgendwo im Ural eine Wohnsiedlung errichten sollten und den Bauleiter darauf hinwiesen, dass bei den Temperaturen kein Mörtel bindet; aber der musste seinen Plan erfüllen und hieß sie mauern, und selbstverständlich fielen ihre Bauwerke zusammen, kaum dass sie die Wände hochgezogen hatten. Vom Ersten Weltkrieg, an dem er schließlich auch teilgenommen hatte, berichtete er noch weniger. Dabei war er eigentlich ein guter Erzähler, baute seine Geschichten umsichtig auf, behielt, behaglich plaudernd, seinen Gegenstand immer im Blick, setzte die Pointen mit sicherem Gefühl für Timing und Wirkung. Das machten übrigens auch andere seiner Generation so. Was sie an Kriegserlebnissen auf Familientagen zum besten gaben, war genauso gut erzählt und genauso harmlos. Und in der Zeit vor dem Krieg schien jeder überhaupt nur seinen gewöhnlichen Geschäften nachgegangen zu sein und von der Hitlerdiktatur rein gar nichts gespürt zu haben. Aber wie gesagt, wir fragten sie auch nicht genauer.

 

Mutter hatte die praktische Entnazifizierungsarbeit zu bewältigen. Das tat sie rasch und mit Sinn fürs Naheliegende. „Mein Kampf“, die Hochzeitsgabe der NSDAP, sowie die von ihrem Vater ererbte antisemitische Literatur, Theodor Fritschs „Handbuch der Judenfrage“ und dergleichen, wanderte in die zweite Reihe des Bücherschrankes, die Militaria aus dem Ersten Weltkrieg, als Prunkstück eine Signalpistole aus Messing, die Vater angeblich in einem britischen Schützengraben erbeutet hatte, verschwanden auf dem Dachboden, Vaters Orden und Ehrenzeichen und seinen Offiziersdolch versenkte sie im Geheimfach des Schreibtisches, einem Zwischenboden zwischen zwei Schubladen. Aus der großen Hakenkreuzfahne, die sie zu Festtagen am Balkon aufgehängt hatten, wurde das Kreuz rausgeschnitten und weggeworfen, das rote Tuch verarbeitete Mutter zu Hemden für uns Jungen. Das alles war irgendwann herausgekommen, oder wir hatten es uns selbst zusammengereimt. Aber vom Verschwinden des Hitler-Bildes hatte ich nie etwas gehört.

 

Eine Nationalsozialistin war Mutter ja nicht, aber eine Widerständlerin auch nicht. Sie war Hausfrau und Mutter und sah zu, dass ihre Jungen anständig aufwuchsen. Und draußen im Villenvorort Blankenese bekam man ja sowieso von der Politik wenig mit. So jedenfalls ihre Äußerung. Mir ist aus meiner Kindheit nur ein einziger kritischer Ausspruch von ihr über den Nationalsozialismus im Gedächtnis geblieben. Mutter behauptete, die führenden Nazis hätten ihre Frauen verstoßen und sich neue, jüngere genommen. Das fand sie gemein. Von Frauen handelte ein weiteres Wort, das sie wesentlich später einmal sagte. Ich hatte inzwischen herausbekommen, dass einer unser Nachbarn zum Polizeibataillon 101 gehört hatte, dessen Mitglieder wegen Massenerschießungen von Juden im Osten nach dem Krieg angeklagt und verurteilt wurden; auch der Nachbar hatte ein paar Jahre gesessen. Ich fragte Mutter, ob sie von der Sache gewusst habe, und sie sagte, das schon, aber da der Mann eine Gefängnisstrafe bekommen hatte, sei der Fall erledigt; unschön hätte sie nur gefunden, dass er seine Frau zu den Exekutionen mitgenommen hätte, das tat man nicht.

 

Soviel wusste ich, meine Mutter kam aus einem antisemitischen Elternhaus, ihr Vater war Geschäftsführer im Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband gewesen, einer Organisation, die angeblich die Interessen der Angestellten vertrat, aber hauptsächlich den Marxismus und das Judentum bekämpfte und eine Volksgemeinschaft auf ständischer Grundlage errichten wollte. Auf dem Diebsteichfriedhof in Altona gab es einen pompösen Grabstein mit der Inschrift DEUTSCH SEIN HEISST EINE SACHE UM IHRER SELBST WILLEN TUN, darunter lag der Vater meiner Mutter, er war bereits 1912 gestorben, die Steigbügelhalterdienste, die sein Verband Adolf Hitler später leistete, sind ihm persönlich nicht anzulasten. Aber bei Muttern war dies und das von seinen Einflüssen noch zu spüren, und gewisser dunkler Bemerkungen, dass den Juden ganz recht geschehen sei, kann ich mich aus meiner Kindheit noch erinnern. Das hörte aber auf, als wir erwachsen waren. Adolf Hitler kam in Mutters Äußerungen nicht vor. Mir war aber völlig klar; dass dieser Mensch mit dem schwarzen Bärtchen unter der Nase der Inbegriff des Bösen sei. Woher ich das wusste, kann ich nicht sagen, ich denke mal, das konnte man damals leicht aufschnappen, das war Wissen von der Straße. Nebenbei war ich auch immer des Glaubens, dass wir dem Bildungsbürgertum angehörten. Dafür stand die 16bändige Schiller-Ausgabe im Bücherschrank, die wohlsortierte Schallplattensammlung mit klassischer Musik und die Fähigkeit meines Vaters, Balladen von Uhland aufzusagen und lateinische Inschriften auf öffentlichen Gebäuden zu entziffern. Unsere Eltern hatten ein Abonnement in der Staatsoper, sie schickten uns aufs Gymnasium und sorgten dafür, dass wir ein Musikinstrument erlernten und keine Schundhefte lasen. Im Porträt Walthers von der Vogelweide schien mir die Bildungsatmosphäre in meinem Elternhaus auf den Punkt gebracht. Wer hing sich denn mittelalterliche Miniaturen an die Wand? Anderswo hatten sie röhrende Hirsche oder sturmgezauste Windjammer, womöglich sogar die in Aquarellfarben gemalten Konterfeis der Familienmitglieder, und der Hausherr stand im Besitzerstolz davor: „Meine Kinder“. Nichts davon bei uns. Da gab es nur eine fremdartig-filigrane Farbzeichnung, die einen sonderbar versunken vor sich hin lächelnden Minnesänger mit einem riesigen Schwert an der Seite zeigte. Aber so war das eben, wenn man sich für die Bildung entschieden hatte. 

 

Und nun musste ich feststellen: Genau im Herz dieser Welt von Hausmusik und guten Büchern und dem Sinn für das Höhere saß der Wurm. Herr Walther war die ganze Zeit nur Ersatzmann, das Ensemble aus guten, soliden und dauerhaften Möbeln hatte ein anderer dominieren sollen, der Unhold, der Kinderschreck. Und der Dichter war erst drangekommen, als der Diktator erledigt war. Aber da hätte es auch jedes andere Bild sein können, wenn es nur die richtigen Maße aufwies und die Gruselgestalt dahinter verschwinden konnte. Es war nicht Plan und Absicht, dass Herrn Walthers Gold durchs Zimmer strahlte, sondern Zufall. Und wieso hatte Mutter den Hitler noch aufbewahrt? Hatte sie gar geglaubt, der oder seinesgleichen käme noch mal wieder, und dann könnte man den Minnesänger ja wieder entfernen?

 

Ich habe sie nicht mehr gefragt. Aber was sie vor Jahrzehnten unterlassen hat, nämlich das Hitlerbild wegzuwerfen, habe auch ich nicht getan. Es steckt noch drin im Rahmen, und wenn ich Besucher mal richtig erschrecken will, dann hole ich das Ding aus dem Keller und nehme es vor ihren Augen auseinander. Entnazifizierung, sage ich dann, so haben sie’s gemacht, so leicht ging das.

 

Hans Happel

 

Den Westen gibt es nicht mehr

 

Den Westen wird es nicht mehr geben, schreibt eine große deutsche  Wochenzeitschrift zwei Tage nach der Wahl des neuen amerikanischen Präsidenten. Und weiter: Dieser Mann ähnele den monarchischen Hasardeuren und faschistischen Führern, die den alten Kontinent mehrfach ins Unglück geführt haben. 

Einen „Möchtegern-Mussolini“ nennt ihn die Hamburger Wochenzeitschrift. Er habe die Abgehängten mobilisiert, vor allem abgehängte, frustrierte, wütende weiße Männer, denn er sage, denke und fühle, was sie hören wollten.

Das sei ein Erdbeben der Stärke 8,5, schreibt der Herausgeber im ersten Satz auf der Titelseite, ein Beben, das Amerika und die gesamte Welt erschüttern werde.

 

Ich sitze im LEON, Freitagmittag, ich lese noch immer. Alex sagt, dein Espresso wird kalt. Beim Zahlen fällt mein Blick auf die Hamburger Morgenpost von gestern. Das Titelbild zeigt New Yorks Schutzheilige, die Freiheitsstatue schämt sich. Sie hat die Hände vors Gesicht gelegt.

 

Ich gehe in die Stadt. Auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz leuchten die ersten Weihnachtsbäume, die Buden werden gerade eingerichtet. Am Rand stehen die Fahnenmasten des Thalia-Theaters. Ich lese - schwarz auf weiß - „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ - „Die Welt ist Geld.“ - „Die Welt ist Wut“.

Im Theater zeigen sie heute Abend „Engel in Amerika“. Ein Zeilenbruch vor dem letzten Buchstaben macht aus dem Engel etwas Schreckliches.

Die Enge, denke ich, passt jetzt zu Amerika.

Durch die großen Scheiben des World-Coffee blicke ich auf den halbfertigen Weihnachtsmarkt und die elektrischen Kerzen, die schon im letzten Laub der Bäume leuchten.

Ich lese „La Repubblica“, Freitag, 11. November.

Der Herausgeber Eugenio Scalfari spricht mit dem Papst.

„Ihre Heiligkeit, was denken Sie über Donald Trump?“

Über Politiker gebe er kein Urteil ab, sagt Franziskus. Er wolle keine neuen Mauern bauen, sondern Brücken. Eugenio Scalfari wünscht sich ein „meticciato universale“. Meticciato? Ich muss googeln: Scalfari hofft auf eine universale „Rassenmischung“.

Das sei ein wahres Wort, sagt der Papst.

Aber viel wichtiger ist ihm etwas anderes: Die Ungleichheit sei das schlimmste Übel auf der Welt.

Vom World-Coffee zu Karstadt sind es wenige Schritte. Ich suche einen Winterpullover. Plötzlich spüre ich einen Verkäufer direkt neben mir stehen. Ich will mich schon wegdrehen, ohne auch nur den Kopf zu heben. Da spricht er mich an:

„Darf ich Ihnen helfen, Herr Happel?“

Jetzt schaue ich auf.

„Guten Tag, Johannes“, sage ich.

„Ich suche einen Pullover für den Winter.“

„Kannst du bis zur nächsten Woche warten?“

„Warum?“

„Nächste Woche werden die Sachen 30% billiger sein, zwei Tage lang ist Personaleinkauf. Dann gebe ich dir meine Karte.“

„Na klar! Ich warte gern“, sage ich, „danke!“

Auf dem Weg nach Hause sehe ich in den Himmel, nachtblau, überdeutlich strahlt ein abnehmender Mond. Die Bahnhofsuhr zeigt 18 Uhr 14.

Zu Hause angekommen, ist Licht in der Küche. Ich öffne die Tür. Da sitzt Khalil. Ohne Baseball-Kappe, so dass die lockigen schwarzen Haare ihm wie eine Krone zu Gesicht stehen. Er ist tief über seine Bücher gebeugt, über Recht, Soziologie und Sozialarbeit, er büffelt für die erste Klausur seines Lebens. Khalil ist in Deutschland geboren. Seine Eltern kommen aus Afghanistan. Der Vater ist aus seinem Leben verschwunden. Seine Mutter ruft ihn manchmal an. Ich mache mir einen Kaffee und setze mich ihm gegenüber. Er spürt, dass ich ihn betrachte. Er sieht zu mir rüber und fragt: Möchtest du, dass ich dir Platz mache?

Ich nehme einen Schluck Kaffee. "Danke, nicht nötig!", sage ich.

Er sieht mich an: „Alles ok?“

„Alles ok!“

Ich bin glücklich.

Aber ich hüte mich, mein Glück zu verraten.

Was würde er denken?

Womöglich hielte er sich für einen Engel, der in meine Küche kam, und einen Auftrag hätte, schon sitzt er da mit ausgebreiteten Armen, und ich müsste ihn beruhigen: Fürchte dich nicht! Niemanden musst du retten! Nichts wird dir geschehen! Es ist alles ok!  

Blue Blues

 Aus ihrem Rucksack nimmt sie Alberts leere Pillendose und seine verschrumpelte Kastanie, legt sie auf die Ablage und sich selbst auf das Bett. Vom Bett aus betrachtet sie nun die kleine, runde Herbstfrucht, die Albert vor seinem Verschwinden stets in seinem Portemonnaie aus schwarzem Rindsleder getragen hatte. "Du alberner Albert", hatte sie lächelnd zu ihm gesagt, an jenem ersten Abend in dem kleinen Café, und seine Hand ergriffen, als er ihr gestand, dass die Kastanie sein Glücksbringer sei.

"Ist es eine besondere Kastanie?", hatte sie ihn gefragt, interessiert und zugleich belustigt.

"Nein, es ist eine gewöhnliche Rosskastanie", war seine Antwort. "Man muss das Glück im Gewöhnlichen finden." Diese Aussage war ihr damals sehr philosophisch und tiefgründig erschienen. Mit den Jahren war sein blondes Haar dünn geworden, dann irgendwann grau, die engen Jeans wichen ockerbraunen Cordhosen - doch die gewöhnliche Kastanie, sein treuer Begleiter, blieb.

Sie richtet ihr Augenmerk auf die braune Baumfrucht. Einst muss sie frisch ausgesehen haben. Sie kann das Laub riechen mit dem der Baum bedeckt gewesen sein muss, bevor er kahl geworden war und alle Früchte abgestoßen hatte. Verschrumpelt ist sie, die Kastanie, jetzt, in diesem Augenblick, wahrscheinlich schon seit vielen Jahren. Nie hatte sie der Kastanie Bedeutung beigemessen. Die Oberfläche der Kastanie muss einst glatt gewesen sein, nun weist sie deutliche Falten auf, ihre Haut ist so runzelig wie die einer Frau, die zu lange unter dem Solarium gelegen hat. Zu viel Sonne ist schlecht für die Haut, denkt sie und schließt die Augen.

Sie kann Albert vor sich sehen, als jungen Mann, seine kräftigen, dunklen blauen Augen, die sie vom ersten Moment an die Farbe des Meeres vor Helgoland erinnert hatten. Nie hätte sie geglaubt, dass jemand so blaue Augen haben könne.

Sie öffnet die Augen, nimmt Alberts Pillendose von der Ablage, jongliert sie von der linken Hand in die rechte und wieder zurück. Sie erinnert sich an Alberts Geruch, an den Klang seines Herzschlages, wenn sie ihr Ohr an seine Brust legte, an das Geräusch, das seine Brusthaare hervorbrachten, wenn sie mit ihren Fingern darüberstrich, an den Geschmack seiner Haut.

Er hat die leere Pillendose zurückgelassen. Sie fühlt das kalte Porzellan unter ihren Fingern, mit denen sie gestern noch Alberts warme Lippen berührt hatte. Wo war Albert? Wie ging es ihm? Wenn es ihm gut ging - wie lange noch? Sie gestattet sich nicht, sich die schmerzhafte Frage nach dem Warum zu stellen, dem Grund seines Verschwindens, denn dann müsste sie sich der Antwort stellen. Und doch lauert die Frage irgendwo tief drin in ihr wie eine listige Klapperschlange und wartet nur darauf, sie anzugreifen, sie zu vergiften, zu töten.

Sie betrachtet die kitschige Abbildung auf der Pillendose. Eine blaue Kornblume. Blau. Die Farbe verfolgt sie. Blau, wie das Wasser vor Helgoland. Sie erinnert sich an das Meer, an das Rauschen der Wellen, manchmal sanft und manchmal aufbrausend, wie eine verärgerte Mutter. 

Sie geht ins Bad, putzt sich die Zähne, doch der schale Geschmack in ihrem Mund bleibt, er lässt sich nicht mit Zahnpasta vertreiben. Trocken fühlen sich ihr Mund und ihre Kehle an. Das Gurgeln, der Laut, der aus ihrer Kehle dringt, hört sich wie ein rostiger Motor an. Er ist ihr fremd, dieser Laut. Ihr ist, als gehöre er nicht zu ihr, nicht zu ihrem Mund, ihrer Kehle, ihrem Rachen, ihrem Körper. Sie spuckt das farblose Wasser ins Emaile-Waschbecken.

Aus dem Spiegel sieht sie ein nichtssagendes Gesicht aus kühlen grauen Augen an. Schmutzig, das sind ihre Augen. Ihre Farbe gleicht der der Elbe. Grau, schlammig, schmutzig, tot, begraben.

Langsam kehrt sie ins Schlafzimmer zurück, kraftlos und schlaff ihr Schritt. Sie fühlt sich wie ein Läufer, dem schon kurz nach dem Start die Puste ausgegangen ist.

Sie legt ihren Körper wieder auf das Bett. In diesem Moment ist ihr, als habe sie sich selbst abgelegt, sich entsorgt, aussortiert.

Die Kastanie kommt ihr wieder in den Sinn. Sie will es sich nicht eingestehen, doch sie WEISS, was Albert ihr mit dieser Geste hatte sagen wollen. Er hatte nicht nur ein albernes kleines, unscheinbares, braunes Etwas zurück gelassen - er hatte sein Glück zurückgelassen. Da wo er hingegangen war, brauchte er es nicht mehr.

 

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