Sachbuchtipp des Monats Juni 2020


  © Erna R. Fanger

Die Welt digital neu erfinden

 

Das eigentliche Problem der Menschheit ist: 

Wir haben Gefühle aus der Steinzeit, Institutionen aus dem Mittelalter und eine Gott gleiche Technologie.  

E.O. Wilson*

Georg Diez, Emanuel Heisenberg: 

„Power to the People“. Verlag Hanser Berlin 2020.

Wie können wir mit Technologie die Welt neu erfinden. Diese Frage stellen sich in einem eindringlichen Dialog der Journalist und Buchautor Georg Diez, heute Direktor für Strategien und Medien in einem unabhängigen Forschungsinstitut, und Emanuel Heisenberg, Gründer des Technologie-Start-ups ecoworks, das CO2-neutrale Lösungen für Industriebetriebe entwickelt; er berät die Bundesregierung und NGOs. Und befürchten wir nicht zu Unrecht im Zuge zunehmender Digitalisierung – Stichwort China – die lückenlose staatliche Überwachung, setzen Diez und Heisenberg auf eine digital-demokratische Revolution, ausgehend von der Bürgerbewegung. Wobei sie von einem grundlegend optimistischen Menschenbild ausgehen. Nicht zuletzt mit Blick etwa auf die Flüchtlingskrise 2015, wobei sie die tatkräftigen Hilfsaktionen, von Bürgern in Selbstorganisation auf die Beine gestellt, als Zeichen gelingender Demokratie werten. Aber auch die Fridays-for-Future-Bewegung stehe für diesen Ansatz. Mit ihren Forderungen sind deren Vertreter sehr viel entschiedener und klarer als etwa die Generation ihrer Eltern. Und auch wenn sie keine Lösung parat haben, so doch eine Richtung, basierend auf der Gewissheit, dass es so, wie es bislang politisch gehandhabt wurde, verkehrt gelaufen ist. Und das ist ein wesentlicher Punkt für Diez und Heisenberg. Es kann nicht darum gehen, für komplexe Problemstellungen, wie sie seit Corona auf so vielen miteinander verzahnten Gebieten verschärft zutage treten, schnelle Antworten parat zu haben. Vielmehr liegt ihnen daran, in einer von engagierten Bürgern getragenen, kontinuierlichen demokratischen Praxis gemeinsam um Lösungen zu ringen, das sei die Lösung. Und es stellt sich ihnen im Zuge dessen zugleich die Frage, wie die schwerfällige repräsentative Demokratie in eine lebendige Demokratie mit Bürgernähe und Bürgerbeteiligung zu überführen wäre, ohne dass dies seitens populistischer Wortführer instrumentalisiert und einen Rechtsruck provozieren würde. Wobei unsere politischen Systeme weltweit ohnehin schon vor Corona auf dem Prüfstand stehen. Insofern betrachten Diez und Heisenberg die Krise als Chance, jetzt um- und Europa neu zu denken. 

Zur Transformation komplexer politischer Systeme wiederum – nehmen wir etwa die Infrastruktur großer Städte – bedarf es enormer Datenmengen, die mithilfe digitaler Mittel gesteuert werden könnten. Desgleichen Belange, um die derzeit heftig gerungen wird, wie Identität und Gruppenzugehörigkeit, Autonomie, Teilhabe und Mitbestimmung, Inklusion ... Dabei gehen Diez und Heisenberg hier weniger von nationalen Belangen aus, als sie vielmehr lokale Initiativen mit Perspektive auf globale Zusammenhänge im Blick haben.

Paradebeispiel hierfür ist Barcelona, wo im Zuge innovativer Datenpolitik Lösungsansätze für die Steuerung etwa von Gentrifizierungsprozessen oder Klimawandel entwickelt werden konnten, um nur einige exemplarisch zu nennen. Ausgehend von einer Bestandsaufnahme digitaler Prozesse im Öffentlichen Raum wurde zunächst einmal konstatiert, dass monopolistische Plattformen wie Google und Co. den digitalen Raum beherrschen und dabei satte Gewinne einstreichen. Die Grundlage dieser Monopole, allesamt privatwirtschaftlich organisiert, sind wiederum Daten, und zwar Daten von Bürgern. Nach dem Verständnis von Diez und Heisenberg einer progressiven Politik zeichne sich diese dadurch aus, dass sie die Hoheit über besagte Daten eben nicht Google und Co. überlässt, sondern für sich beansprucht. Wobei Datenmonopolisten längst insofern im realen Raum angekommen sind, als sie sich insbesondere auf die Städte konzentrieren, wo innerhalb von Sekunden riesige Mengen an Daten von erheblicher Relevanz produziert werden. Grundlage eines solch neuen Politikverständnisses ist demnach „die Einsicht, dass eine lebendige Demokratie und eine innovative und gerechte Wirtschaft im digitalen Zeitalter darauf beruhen, wer die Kontrolle über die Daten hat.“ 

Diese Daten gilt es zurückzuerobern und uns selbst zu eigen zu machen, was monopolistische Plattformen längst propagiert und für sich vereinnahmt haben, nämlich „Städte durch Innovationen neu zu erschaffen.“ Zentrales Anliegen muss die Teilhabe sein, schließlich sind es die Bürger*innen, die die Stadt ausmachen. Daten gehören allen und müssen frei zugänglich sein. Barcelona hat es vorgemacht.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

* US-amerikanischer Insektenforscher und Biologe, bekannt für seine Beiträge zu Evolutions-  und Soziobiologie

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag Hanser Berlin!                                                                              Archiv

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