Sachbuchtipp des Monats Juni 2020

© Hartmut Fanger 

Reportagen best of ...

Margrit Sprecher: „Irrland“, Reportagen, Dörlemann  Verlag, Zürich 2020 

Nicht umsonst gilt Margrit Sprecher als „Königin der Reportage“ und kein Geringerer als Ferdinand von Schirach ist es, der ihre Arbeit aufgrund der ihr eigenen „Klarheit ... Wahrhaftigkeit und vor allem tiefen Menschlichkeit“  wertschätzt.  

Der nun vorliegende Band mit zwanzig Reportagen aus den Jahren 2002 bis 2020 dokumentiert die ganze Könnerschaft der Schweizer Journalistin. Jede Reportage ein Musterbeispiel für mitreißendes Erzählen. Ein Erzählen, das sich jedoch im Gegensatz zur Belletristik ganz der Reportage verpflichtet weiß, entsprechend nichts Erfundenes enthält. In jedem dieser Texte ist die Reporterin vor Ort zu spüren, ganz nah an der Materie, um nicht im wahrsten Sinne des Wortes zu sagen am Mann. Denn es geht hier vor allem um mächtige Männer. Männer, die aufgrund ihrer Autorität und ihres Einflusses im Laufe der Jahre bei Margrit Sprecher in den Fokus gerieten. Dabei bleiben Superlative, wie sich schnell herausstellt, nicht aus. Sei es, wenn von dem inzwischen achtzigjährigen Theo Müller die Rede ist, für dessen berühmt gewordene ‚Müller-Milch’ ‚mehr als eine halbe Million Kühe täglich gemolken werden’, oder vom Zukunftsforscher Matthias Horx, der bis zu 100 Vorträge im Jahr hält und an seinen sogenannten ‚Zukunftstagen bis zu 4000 Teilnehmer vorweisen kann, die bis zu 1400 Euro zahlen’, um von ihm eine Zukunftsprognose zu erhalten. Irrtum nicht ausgeschlossen. 

Und es verdankt sich der Sprachkraft der Autorin, ihrer Genauigkeit in der Beobachtung, und das alles nicht selten gewürzt mit feiner Ironie, dass die Lektüre ganz einfach Spaß macht. Zumal die Beiträge von tiefem Ernst ebenso wie ausgesprochen heiter sind. So werden etwa politische Zusammenhänge transparent, wenn in „Ein Gefängnis namens Gaza“ der Kampf um Palästina oder das ‚Warten von 3517 Menschen in Amerikas Todestrakten auf ihre Hinrichtung’ geschildert wird. Ungemein plastisch gelingt es ihr, die mächtigen Männer mit ihren großen und kleinen Schwächen vor Augen zu führen. So den gefürchteten Sammelkläger Ed Fagan, der als Anwalt im Zuge eines Unglücks ‚nicht nur die ‚Todesart’ der Angehörigen seiner Klienten, ‚sondern in seinen Forderungen „auch die Dauer der Todesangst in Dollar ummünzen“ lassen will und dies auch kann.  Oder der Sterbehelfer Ludwig A. Minelli, der seinen Opfern empfiehlt, sich gegen 11 Uhr am Sterbeort einzufinden, womit allen gedient sei, vom Sterbehelfer bis zur  obligatorisch anrückenden Polizei. 

Alles in allem stellen die Reportagen Sprechers ein hervorragendes Zeitdokument dar, was sich bereits in dem im besten Sinne irritierenden Titel „Irrland“ andeuten mag. Wobei es, wie in einem Interview im Deutschlandfunk vom 26. Mai 2020 verlaubart, nicht um „Irland“ geht – obwohl es darüber ebenfalls eine Reportage gibt –, sondern die Erfahrung einer ‚irren Welt’ als Ganzes  gemeint ist. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Dörlemann Verlag, Zürich 2020                                                                                                Archiv

Sachbuchtipp des Monats April 2020

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com:

Ein Muss für jeden, der schreibt

Peter-André Alt: „Erste Sätze der Weltliteratur und was sie uns verraten“,Verlag C.H. Beck oHG, München 2020

Bereits von Hemingway in „Paris, ein Fest fürs Leben“ wissen wir, wie schwer es sein kann, den ersten ‚wahren Satz’ zu finden. Peter-André Alt hat sich nun in seinem neuesten Werk mit wissenschaftlicher Akribie auf die Suche in der Weltliteratur gemacht, hat Romane und Erzählungen durchforstet. Worin liegt die Faszination im ersten Satz, was zieht den Leser gleich zu Beginn in den Bann, sodass er nicht mehr aufhören kann zu lesen. Bei dieser Lektüre von über 260 Seiten stößt er auf eine Schatzkiste, ein Füllhorn schier unendlicher Möglichkeiten. Unter die Lupe genommen werden erste Sätze literarischer Größen von Homer bis zu Handke, von Goethe bis zu García Márquez, von Thomas Mann bis hin zu Martin Walser, um nur einige zu nennen. Allen gemein ist das Außergewöhnliche, das, was aufhorchen lässt. Sei es, wenn ein Roman etwa mit dem ‚Steckbrief einer Person, mit einem plötzlichen Ereignis, Bekenntnissen, Sprechakten, Gerüchten oder mit etwas ganz und gar Unwahrscheinlichem’ beginnt. 

Am Ende ist es die Spannung, die von einem ersten Satz ausgehen muss. Denn, so Peter-André Alt: „Literatur lebt davon, dass sie Erwartungen weckt“, und „[g]erade erste Sätze müssen die Kunst der Andeutung entfalten“. Als Beispiel hierzu wird u.a. Arthur Conan Doyles berühmter Sherlock-Holmes-Roman „Das leere Haus“ angeführt, worin laut Alt der ‚Eröffnungssatz alles enthält, was die Erwartung des Lesers anheizt’: „Im Frühling des Jahres 1894 war das gesamte London neugierig und die Oberschicht der ganzen Welt bestürzt über den Mord am ehrenwerten Ronald Adair, der unter den ungewöhnlichsten und rätselhaftesten Umständen zu Tode kam“. Natürlich möchte der Leser jetzt die Hintergründe in Erfahrung bringen. Wie und warum konnte so eine abscheuliche Tat geschehen. Wer war der Mörder. Wie kann der Fall aufgeklärt werden. Was steckt wirklich hinter dem ungewöhnlichen, rätselhaften Geschehen. 

Ja selbst „Kitsch und Triviales“ kann unsere Neugierde wecken. So, wenn Alt den ersten Satz mit der trivialen Personenbeschreibung einer rätselhaften Frau zur Zeit der Cholera in Hamburg in Georg Bindings Novelle „Der Opfergang“ aus dem Jahre 1912 vor Augen führt. Trivial, nicht mehr, als dass sie ‚schön und verkleidet ist und an der Alster dahinschreitet’, erfahren wir von der Frau. Nichts Besonderes und doch ein Arrangement, das fesselt und den Leser dazu animiert, hinter die Beweggründe der Figur zu kommen. Warum ist sie verkleidetund was lässt sie angesichts der Seuche so friedlich dahinschreiten. 

Unverzichtbar für alle, die schreiben, ist das Werk bestens recherchiert, obendrein gespickt mit jeder Menge Wissenswertem aus der Welt der Literatur, inklusive Anmerkungsapparat und einem Register der zitierten Anfänge . 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Mit Dank für das Rezensionsexemplar an den Verlag C,H. Beck. Archiv

Buchtipp des Monats März 2020

  © Erna R. Fanger

 Friedrich Hölderlin – Göttersucher

„Friedrich Hölderlin. Bald sind wir aber Gesang“Eine Auswahl von Navid Kermani, Verlag C. H. Beck textura, München 2020. 

Eine Offenbarung, zugleich Meilenstein für Liebhaber sowohl der Dichtung Hölderlins als auch der Buchkunst ist die zwischen 1975 und 2008 von D. E. Sattler herausgegeben Ausgabe seiner Werke im Verlag Stoemfeld/Roter Stern. Zumal darin verschiedene Fassungen berücksichtigt sind, selbst handschriftliche, sowie  Notizen und Bruchstücke. Umso mehr trägt dieses Vorgehen dem prozessualen und fragmentarischen Charakter von dessen Dichtung Rechnung, im Gegensatz zu den vorausgehenden Werk-Editionen, die eine Abgeschlossenheit suggerieren, die Hölderlin weniger entspricht. Und findet Kermani in jüngeren Jahren kaum Zugang zu dem melancholischen Göttersucher mit dem ‚enervierend’ hohen Ton, leitet besagte neue Ausgabe einen Wendepunkt ein in Kermanis Hölderlin-Rezeption. So erkennt er jetzt in ihm den verzweifelt Suchenden, Ringenden. Sei es um seine Verbindung zu den Göttern, sei es um den Zugang zur Poesie. Nicht zuletzt ringt Hölderlin um die Anerkennung Schillers, den er glühend verehrt und der ihn nicht ernst nimmt, in dem Brief an Schiller unter die Haut gehend dokumentiert. 

Und beginnt Kermani sein Nachwort noch mit „Wir sind es gewohnt, in Dichtungen uns wiederfinden zu wollen, Auskunft in ihnen zu suchen über unsere eigenen Fragen, den eigenen Schmerz“ und auf das prophetische Potenzial von „Nietzsche, Kafka, Beckett“ verweist, unterstellt er Hölderlin das Gegenteil: 

"Sein Werk weist nicht in die Zukunft, es blitzt der modernen Zivilisation, just auf dem Gipfel der Aufklärung, etwas Anfängliches, unwiderruflich Zerstörtes darin auf – der Mensch, der sich als Teil der Schöpfung, aber damit auch heillos höheren Mächten ausgesetzt sieht (...)“

Und geht im Zuge emanzipatorischer Bestrebungen der Neuzeit Subjektivität als wesentliches Merkmal mit Literatur einher, spricht Kermani Hölderlin dies dezidiert ab. Vielmehr bescheinigt er der Klage Hölderlins über den Verlust dieser Einheit zwischen Subjekt und Schöpfung, worin zugleich die Einheit zwischen Subjekt und Objekt anklingt, das Fehlen jeder Subjektivität. Stattdessen sind es Stimmungen und Empfindungen, angesiedelt in einem vielstimmigen poetischen Bedeutungsraum. Damit stellt er das individuelle Leiden Hölderlins am Verlust dieser Einheit in einen übergeordneten Zusammenhang und identifiziert es als Leiden an der Moderne, die zugleich – nach dem Mythos’ der Vertreibung aus dem Paradies – als zweiter Sündenfall betrachtet werden kann.

 

Die Auswahl, die Kerman hier vorlegt, ist, wie er bekennt, rein subjektiv. Dabei folgt er seiner ureigenen Liebe zur Literatur. Und im Zuge dieser Liebe finden sich unter den von ihm vorgestellten 28 Gedichten eben nicht nur die bekannten, sondern auch viele weniger rezipierte, etwa aus Hölderlins späten Jahren; gefolgt von Auszügen aus dem „Hyperion“, dem „Tod des Empedokles“; daneben Ausätze und Aphorismen sowie Übersetzungen. Einen intimen Blick in die existenziellen Nöte und das Ringen um Integrität gewähren die Briefe von 1792 bis 1828, des Weiteren eine Stammbucheintragung „Für einen Unbekannten“ aus dem Jahr 1840. Dabei stützt sich Kermani auf die gleichwohl renommierte dreibändige Ausgabe „Sämtliche Werke und Briefe“, herausgegeben von Michael Knaupp im Carl Hanser Verlag aus dem Jahr 1992/93.

Sich in das Werk Friedrich Hölderlins zu vertiefen, ist ein gewiss so zeitaufwendiges wie lohnendes Unterfangen. Wer sich hingegen außerstande sieht, in das  Gesamtwerk einzutauchen, dem Hölderlin jedoch nichtsdestotrotz ein Anliegen ist, darf sich mit dieser Auswahl glücklich schätzen.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag C.H. Beck! 

Archiv

Buchtipp des Monats November - Dezember 2019

  © Erna R. Fanger: 

Am Anfang steht das Anderssein 

Ilma Rakusa: Mein Alphabet“, Literaturverlag Droschl GmbH, Graz 2019

A wie „Anders“ steht in diesem poetischen Alphabet nicht nur für den Anfang, sondern scheint zugleich Programm zu sein. Denn das ist eine der ersten Erfahrungen der Autorin als Schulkind, festgehalten in diesem sehr persönlichen Buch: Sie ist anders als ihre Mitschülerinnen. Man zeigt mit dem Finger auf sie, grenzt sie aus. Sie hingegen bleibt „draußen am Zaun“. Dort lernt sie, was wesentlich für ihr späteres Leben als Schriftstellerin sein wird: zu beobachten, in Berührung mit der heilenden Kraft der Natur zu kommen ebenso wie mit ihren Träumen und ihrer Fantasie. Allesamt erweisen sie sich als tragende Kraft durch Schatten und Licht, von der die hier unter besagtem Motto versammelten Kurzprosatexte und Gedichte zeugen. 

Tauchen wir ein in die Lektüre, beginnt, jenseits von Hektik und Aufgeregtheit, die derzeit den öffentlichen Diskurs dominieren, eine andere Zeitrechnung. Nämlich die des Kairos, Zeit des Eingedenkens, statt des Kronos‘, des chronologischen, linearen Aspekts der fortschreitenden Zeit. Und eine eigentümliche, ja beinahe schon Sucht erzeugende Ruhe geht von den poetischen Miniaturen des Rakusaschen Kosmos‘ aus, getragen von einer Fülle an Referenzen an Literaturen und ihre Autoren, an bildende Kunst oder die Entdeckung auf Reisen unterschiedlicher Kulturen, an Naturbeobachtungen. Sei es die Erhabenheit ehrfurchtgebietender Berge, sei es die eher ängstigende Wildheit von ‚Atlantik, Pazifik und anderer Ozeane‘ im Gegensatz zum geliebten Mittelmeer der Kindheit in und um Triest.

Und wer einen Zipfel vom Paradies erhaschen will, möge der Lektüre des G wie Granatapfel folgen. Hier liegt die Schönheit besagter Frucht weniger im Auge des Betrachters als vielmehr an der sprachlichen wie faktischen Präzision, mit der Rakusa sie uns nahebringt. Sei es im Hinblick auf die changierende Farbvielfalt, dem Strahlen, „sein Kelchblatt wie ein Krönchen hochreckend“, oder wenn in seinen diversen ,Kammern mit rubinrot leuchtenden Perlen sich ein Schatzkästchen auftut‘. Wobei eine einzelne Frucht bis zu 400 Samen birgt – ‚an ein Wunder grenzend‘. Und wer einmal aus den Augen Rakusas Malewitschs „Schwarzes Quadrat auf weißem Grund« (1915)“ in Augenschein genommen hat, wird, wie Rakusa selbst, eines ‚Erweckungserlebnisses‘ teilhaftig, von dem sie uns wissen lässt: „… es initiierte mich in die gegenstandslose Malerei.“ Wobei die religiöse Diktion kein Zufall ist, vielmehr erfahren wir, dass dieses Schwarz, ‚in seiner Vieldeutigkeit vibrierend, für Malewitsch selbst Ikone war, die er wie ein Heiligenbild in seinem Haus aufhängte‘, wo man seinem ‚dynamischen Schweigen, seinem Rhythmus und seiner Erregung‘ huldigen konnte. 

Den Schluss bilden, dem Z gemäß, „Zwetajewa“ und „Zaun“. Marina Zwetajewa (1892-1941), die große russische Dichterin, Dramatikerin und Essayistin. „Fast bin ich mit ihr befreundet, so viele Jahre habe ich mich lesend und übersetzend mit ihr beschäftigt, sie in imaginären Gesprächen um Rat gefragt.“ Schwester im Geiste Rakusas, zugleich Art Spiegelfigur. Zu ihr entfaltet sich allein im Zuge der Herausgabe und Übersetzung ihrer Werke im Suhrkamp Verlag eine so innige Beziehung, dass man die beiden Poetinnen vor dem geistigen Auge zusammen sieht wie zwei eng miteinander vertraute Freundinnen: 

      »Marina!« Sie schaut mich an. Wachsam. Hinter der Wachsam-

      keit erkenne ich tiefe Müdigkeit. Aber es kommt keine Klage. Nur 

      der Satz, sie müsse noch auf den Markt. »Gehen wir zusammen.«

Last but not least „Zaun“, womit sich der Kreis schließt: „Sie hingegen bleibt „draußen am Zaun“ (siehe oben). Wobei sie zwischen dem poetischen Holzzaun und dem unerbittlichen aus Metall unterscheidet, wo kein Geflüchteter mehr durchkommt. Dem wiederum setzt sie ihr ganz eigenes Plädoyer entgegen: „„Ich plädiere für löchrige Zäune, die symbolisch einhegen. Wie ein zärtlicher Wink. Und dich zum Schauen einladen. Komm, komm …“

 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Literaturerlag Droschl in Graz 

Archiv

Siehe auch unseren aktuellen Sachbuchtipp:

Andrea Gerk – Moni Port: „FÜNFZIG DINGE,..

Buchtipp des Monats Oktober 2019

© Hartmut Fanger: 

Lesley Nneka Arimah  WAS ES BEDEUTET, WENN EIN MANN AUS DEM HIMMEL FÄLLT. Aus dem Englischen von Zoë Beck, CulturBooks Verlag, Hamburg 2019

"Was eine Erzählung ausmacht,, … dass … Hörer und Leser notwendig so und nicht anders denken können.“

Goethe an K. Streckfuß 27.1.1827

Die Nigerianische, in den USA lebende preisgekrönte Autorin Nneka Arimah versteht ihr Handwerk. Beleg dafür ihr literarisches Debut, der Erzählband mit dem originellen Titel „Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt“. Facettenreich, zugleich ungeschminkt und ungemein realistisch führt sie darin die harten Bedingungen in Nigeria, insbesondere in Lagos und Biafra im Südosten des Landes, vor Augen. Bis heute noch sind die Auswirkungen des Biafra-Kriegs spürbar.Und es bedarf nicht erst, sich der Story „Kriegsgeschichten“ zu widmen, um sich davon ein Bild machen zu können; hier sprechen die Zeilen des Dialogs zwischen der Ich-Erzählerin und deren Vater für sich: „Und was ist dann mit dem Lieutenant passiert?“, fragte ich und wollte eine andere Geschichte hören, die diese auslöschte. „Er starb, Nwando. Sie alle starben.“ „Und wieso bist du nicht gestorben?“ „Weil ich gerannt bin“, sagte er, „als es soweit war.“ Oder in der Titel-Erzählung „Was es bedeutet, wenn ein Mann vom Himmel fällt“, wo am Beispiel Kionis, der Ex-Freundin der Protagonistin, deutlich wird, was der Krieg in den Seelen der Menschen anrichtet: „Mit wie vielen Menschen hatte Kioni im letzten Jahrzehnt gearbeitet? Fünftausend? Zehn ...? Zehntausende Traumata in ihrer Psyche, die aneinander vorbeidrängten und um die Aufmerksamkeit ihres Wirtskörpers wetteiferten. Was würde geschehen, wenn man nicht vergessen könnte (...)“

Immer wieder kommt es zu bösen Überraschungen. So auch in der Geschichte mit dem sarkastischen Titel „Die Zukunft sieht gut aus“, wo die Schwester der von ihrem Mann misshandelten Protagonistin nur schnell deren Sachen abholen will, dabei jedoch von diesem kurzerhand erschossen wird. Oder wenn in „Wild“ eine aufmüpfige Teenagerin – von ihrer Mutter aus den USA nach Nigeria geschickt – dort das Leben ihrer eher angepassten Cousine aufmischt. Nur ein Beispiel für das konfliktive Verhältnis zwischen Mutter und  pubertierender Tochter –  weiteres zentrales Motiv. Eklatant kommt in ironischer Brechung die Abhängigkeit Letzterer in „Wer erwartet dich zu Hause“ anhand eines alten Liedes zur Sprache. Darin heißt es zum Beispiel: „Wohin gehst du?/ Ich gehe nach Hause//Was erwartet dich zu Hause?/Meine Mutter erwartet mich.//Was wird deine Mutter tun?/Meine Mutter wird mich segnen.//“ Immer wieder ist die Entfremdung zwischen Mutter und Tochter Thema, oft über Kilometer hinweg. Und auch der Tod fungiert hier mitnichten als versöhnender Katalysator. So in „Zweite Chancen“, wo eine Tochter, acht Jahre noch nach dem Tod ihrer Mutter, die konfliktive Beziehung zu dieser in einer Art Endlosschleife so variantenreicher wie unerbittlicher Präsenz immer wieder durchlebt. Wobei die Zahl Acht hier nicht von ungefähr zum Tragen kommt, steht sie doch in der Numerologie sowohl für das Leben nach dem Tod als auch für Unendlichkeit. Erlösendes Moment, wenn die Tochter es schließlich fertig bringt, die Mutter nach endlos anmutenden Kämpfen um Vergebung zu bitten.  

Gradlinig und schnörkellos erzählt, dabei kein Wort zu viel, sind die Geschichten Lesley Nneka Arimahs sperrig im besten Sinne, sprich sie widersetzen sich dem Leser und nötigen ihn, den differenzierten Realitäten, wie die Autorin sie entwirft, unvoreingenommen im Text zu folgen. Wobei sie nie ganz preisgeben, was sie zu sagen haben. Vielmehr erfüllen sie, was schon Goethe von Erzählungen erwartete, nämlich, ‚dass Hörer und Leser’ in dem Moment der Lektüre ‚notwendig so und nicht anders denken können’. 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem CulturBooks Verlag in Hamburg 

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Siehe auch unseren aktuellen Sachbuchtipp:

Andrea Gerk – Moni Port: „FÜNFZIG DINGE,..“   

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