Sachbuchtipp September - Oktober 2019

   © Hartmut Fanger: 

Von der Leidenschaft zu lesen

David Wagner: „Sich verlieben hilft. Über Bücher und Serien“. Verbrecher-Verlag, Berlin 2016.

Manchmal sind es gerade die kleinen, eher unscheinbaren Werke, die einen wahren Schatz in sich bergen und sich für Lesefreunde am Ende als unverzichtbar erweisen. „Sich verlieben hilft“ von David Wagner zählt genau dazu. Sie aufzuspüren scheint angesichts von Massenproduktion an Bestsellern und der schier unendlichen Vielfalt an Publikationen kein leichtes Unterfangen. Die literarische Schatztruhe, klein aber fein, bietet in 15 kurzen Abhandlungen auf 141 Seiten im Format 12 X 17 cm eine mitreißende, Lesesucht erzeugende Lektüre. Keine Frage, der Leser verliebt sich in dies rote Büchlein von der ersten Seite an. Folgt dem Autor, streift mit ihm durch die Leseorte der Welt. Sei es bei einem Tee in der Cafeteria der British Library in London, unweit jenes Zettels mit den berühmten Zeilen von John Lennons „Help“, oder auf einen Felsen am Meer von Elba mit Blick auf die Insel Monte Christo, während Wagner, wie kann es  anders sein, „Der Graf von Monte Christo“ liest. Wagner liest im Übrigen alles, was ihm in die Hände kommt. Ob deutsche Raubkopien als E-Book im Iran oder klassisch gebundene im Haus seiner Tante in Oberösterreich, wo er treffenderweise zu Adalbert Stifters „Die Mappe meines Urgroßvaters“ greift. 

Wie der Titel verrät, handelt es sich um die Liebe zu dem Medium Buch. Dass das Kleinod auch den angesagten US-Serien huldigt, sei an dieser Stelle nicht verschwiegen. Und wer dazu bislang keinen Zugang hatte, wird spätestens jetzt geradezu verführt, selbst in diese Welten einzutauchen und sich dafür begeistern zu lassen. Anfühlen tut sich das, der Titel legt es nahe, wie sich verlieben. Mit all dem dazugehörigen Zauber, der Erregung. Und nicht von ungefähr streift Wagner hier auch Roland Barthes’ erotisches Bekenntnis zur Literatur „Lust am Text“ (1974). Wagners Fazit wiederum: „Ich verliebe mich, jeden Tag, immer wieder. Ich verliebe mich während des Lesens, verliebe mich in Bücher, ihre Helden und Anti-Helden, ihren Text, ihre Sprache, ihre Stimme.“ Gleichermaßen schwärmt er für diejenigen, die all das niedergeschrieben haben, und muss sich fragen, inwieweit dies womöglich der Grund wäre, dass er auch ihre Bücher liebt. 

Doch ebenso wenig lässt er die „leicht schäbige Seite der Schriftstellerei“ außer Acht, „das Sich-Aneignen, das Übernehmen, das Stehlen von Leben, Erfahrungen und Begebenheiten“. Und wahrlich ist so mancher Leser „not amused“, sich als Figur in einem Buch wiederzufinden. 

Wie wiederum dem Leser dieser Rezension nicht entgangen sein dürfte: Das schmale Werk ist eine kleine Perle. Und wir können dem Autor nur dankbar dafür sein. Dankbar aber auch für die nicht geringen Quellenangaben, macht die Lektüre doch unbändig Lust darauf, die vielen hier gestreiften Werke selbst zu erkunden. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verbrecher Verlag 

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Sachbuchtipp des Monats April 2019

© Hartmut Fanger

Am farbigen Abglanz haben wir das Leben 

Goethe  

Und Goethe hatte doch Recht!  

Mathias Bröckers: „Newtons Gespenst und Goethes Polaroid. Über die Natur“,  Westend Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2019 

In dem so schmalen wie gehaltvollen Band von Mathias Bröckers wird Goethes Naturbild anhand von Farbenlehre und Forschung detailgenau und auf neuestem Stand vor Augen geführt. Dabei wird zugleich Verständnis für Goethes Polemik gegenüber Newton geweckt. Denn Goethe hatte nach heutigem Wissensstand mit den Ergebnissen seiner Farbenlehre entgegen der Meinung von Zeitgenossen und vielen Naturwissenschaftlern doch Recht. Zumindest bilden die aus dem mechanistischen Weltbild Newtons und Goethes ganzheitlichem Verständnis hervorgehenden Resultate zwei Seiten ein und derselben Medaille ab. Spannend lesen sich die Ausführungen und lassen einmal mehr darauf schließen, dass Goethe seiner Zeit als hellsichtiger Vorreiter der Ökologiebewegung weit voraus gewesen ist. Er sah die Erde zum Beispiel als ‚ein großes lebendiges Wesen an, das im ewigen Ein- und Ausatmen begriffen ist’, wie er hochbetagt 1827 gegenüber Eckermann äußerte. Seine jahrzehntelange akribische Auseinandersetzung mit der Entstehung von Farben dokumentiert dies im ganzheitlichen Sinne so polemisch, dichterisch wie wissenschaftlich. Hingegen sah Goethe in der Forschung von Newton vorgenommenen Teilung der Natur in kleine und kleinste Einheiten nur ‚Halbwahrheit’. „Natur verstummt auf der Folter“ – sein Statement.

Mathias Bröckers begibt sich auf Spurensuche nach Belegen, die aufzeigen, wie aktuell das Goethische Naturverständnis bis ins 21. Jahrhundert hinein ist. Dabei greift er weit zurück bis hin zu dem englischen Arzt und Philosophen Robert Fludd (1574-1637), dessen Schriften Goethe bekannt waren, um kontinuierlich bis hin zum Wissenschaftshistoriker und Publizist Ernst Peter Fischer fortzufahren. Der weist 2018  darauf hin, dass zum Beispiel das Wort „Gen“ von Goethe stammt. Und natürlich zieht Bröckers  hier Verbindungslinien zu Alexander von Humboldt (1769-1859) und seiner Biografin Andrea Wulf („Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ 2016) ). Ebenso zu Darwin (1809-1882), Ernst Haeckel (1834 -1919), Werner Heisenberg (1901-1976)  bis hin zu dem Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli (1939-1958), die allesamt von Goethes Naturforschung und Betrachtungen überzeugt waren. Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle die „Retinex-Theorie des Physikers „Edwin Land (1909-1991), der die Sofortbildfotografie erfand und Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre Polaroid-Kameras in Millionenhöhe verkaufte.  Neil Ribe und Friedrich Steinle wiederum bekräftigten einige Zeit später im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung ihre Überzeugung, dass ‚die Parallelen der Experimente Edwin Lands zu Goethes Theorie der ‚Funktion der Bedeutung des Lichts’ offenkundig seien.  

Alles in allem ein nicht nur für Goethe-Fans lesenswertes Buch, das in Anbetracht der drohenden Klimakatastrophe dringend benötigte neue (alte) Wege aufzeigt und sich als ein weiterer wichtiger Baustein für eine so neue wie alte Sicht auf die Natur erweist.

Schön wäre gewesen, wenn am Schluss des im Übrigen ästhetisch ungemein ansprechenden Bandes Anmerkungen und ein Literaturverzeichnis integriert worden wären. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem WestendVerlag! 

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Sachbuchtipp des Monats März 2019 

© Erna R. Fanger:

Aufbruch in neue Sphären des Bewusstseins. 

Psychedelik-Forschung auf dem Vormarsch

Michael Pollan: „Verändere dein Bewusstsein. Was uns die neue Psychedelik-Forschung über Sucht, Depression, Todesfurcht und Transzendenz lehrt“aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Antje Kunstmann Verlag, München 2019

 

Die Psychedelik-Forschung erobert den Buchmarkt

Es sind gleich zwei Bücher zu Beginn 2019, die uns das Thema der Psychedelik-Forschung nahebringen. Auf der einen Seite „Das Licht“* von dem Romancier T. C. Boyle, auf der anderen „Verändere dein Bewusstsein“ von dem Journalist, Sachbuchautor und Harvard-Professor Michael Pollan. Und wo der Roman 1970 aufhört, nämlich mit dem vorläufigen Ende der LSD-Experimente unter Timothy Leary, der charismatischen Kultfigur der Hippie-Bewegung, beginnt Pollans Aufsehen erregender „Trip“ durch die Psychedelik-Forschung. Von der Entdeckung der Rausch erzeugenden Substanz 1943 seitens des Schweizer Chemikers Albert Hofmann bis zum heutigen Forschungsstand, wo indessen eine 80-prozentige Erfolgsquote – vornehmlich in der Linderung von Todesangst bei Schwerkranken und Sterbenden – zu verzeichnen ist. 

Der in mit dem Thema korrespondierender Optik auf Umschlag und Innenseiten ästhetisch ansprechend ausgestattete an die 500-Seiten-Wälzer liegt schwer der Hand. Verblüffend leicht wiederum liest er sich. Und das nicht, weil hier Abstriche in der differenzierten Darstellung wissenschaftlicher Fakten und Errungenschaften gemacht und Komplexität reduziert würde. Das Gegenteil ist der Fall. Aber hier ist ein Meister seines Fachs am Werk, der sein Handwerk beherrscht. Storytelling at its best, nämlich auf der Basis bestens recherchierter Fakten und eines dezidierten Erkenntnisinteresses. 

 

1. Die Geschichte der psychedelischen Forschung

Drei wesentliche Stationen passieren wir gemeinsam mit Pollan. Erstens, die Geschichte der psychedelischen Forschung, beginnend mit der Entdeckung von LSD und ähnlichen Substanzen und ersten Experimenten bis hin zur Diskreditierung derselben im Zuge von Drogenexzessen der 68er Communitys. Die Wende hin zur Rehabilitierung erfolgt 2006, anlässlich der Feier des 100sten Geburtstags von Albert Hofmann, der sich indessen im Zuge seiner eigenen Erfahrung mit der hoch wirksamen Droge für deren Legalisierung zu Forschungszwecken einsetzt. Damit ist die Renaissance besagter Forschung eingeläutet – sind auf Hofmanns 100sten Feier doch unzählige überzeugte Anhänger zugegen, die fieberhaft daran arbeiten, LSD zu Forschungszwecken wieder zugängig zu machen. In dasselbe Jahr fällt überdies in den USA ein Gerichtsurteil, das religiösen Gemeinschaften nun auch offiziell zugesteht, seit jeher traditionell eingesetzte psychedelische Substanzen in ihren Zeremonien zu verwenden. Damit ist eine weitere Tür aufgestoßen, die schließlich erneut den Weg für die LSD-Forschung geebnet hat.

 

2. Der LSD-Trip in der Psychotherapie – Fallgeschichten

Neben dem Einsatz der Droge bei Schwerkranken und Sterbenden, sind es Suchtkrankheiten und Depressionen, die mit ihnen bekämpft werden können. Wobei Set (die Befindlichkeit des Probanden zur Zeit der Einnahme der Droge) und Setting (Ambiente mit gegebenenfalls Räucherstäbchen, rituellen Gegenständen und Musik sowie einem erfahrenen Begleiter) sorgfältiger Planung bedürfen – die Einnahme zu wissenschaftlichen Zwecken ist stark reglementiert. Zumal es, je nach ‚Gepäck’, das einer mitbringt, leicht zu einem Horrortrip kommen, was wiederum eine Psychose nach sich ziehen kann. Und in Anverwandlung des Hölderlinschen Diktums, ‚Wo die Not am größten, ist das Rettende auch nah’, scheint die Therapie ihre Wirkung am stärksten bei Schwerkranken und Sterbenden zu entfalten, im Gegensatz zur Behandlung von Depressionen und Suchtkrankheiten. Wobei psychedelische Substanzen auf das menschliche Gehirn derart einwirken, dass dabei heftig an unseren Wahrnehmungsmustern ebenso wie unserem Selbstbild gerüttelt wird. Günstigen Falls weicht die Fokussierung auf das eigene Ich zugunsten des Erlebnisses einer kosmischen Einheit und dem Geborgensein in der Allliebe. Ein Zustand, der offenbar nachhaltig Ängste löst und den Probanden einen neuen Zugang zu ihrem eigenen Seelenleben mit mehr Zuversicht und Gelassenheit eröffnet.

 

3. ‚Reiseberichte’ – Selbstversuch des Autors 

Hier erweist sich bereits in der Vorbereitung die verschwörerische Vielfalt der Szene. Wobei es neben der universitären Forschung die der verdeckten Forschung gibt. Man hat aus den 60er Jahren gelernt und kennt die Gefahren, weshalb jeder Versuch mit LSD eines erfahrenen Begleiters bedarf. Ist dies im universitären Bereich bei der Behandlung von Patienten ganz offiziell das Setting, besteht die Schwierigkeit für „Gesunde“, die sich einer solchen Erfahrung unterziehen wollen, darin, hier einen vertrauenswürdigen, kompetenten Begleiter zu finden. Ungemein spannend die Prozedur, über geheime Pfade fündig zu werden. Wobei durchaus eine gewisse Durchlässigkeit zwischen universitärer und verdeckter Forschung besteht. Allein zu dieser Zone vorzudringen, liest sich abenteuerlich. Dabei wartet Pollan –  selbst eher Skeptiker und Materialist mit Bodenhaftung –  in drei ‚Reisen’ mit dem Versuch auf, zur Sprache zu bringen, was sich eigentlich sprachlich nicht fassen lässt, unsere Möglichkeiten zu verbalisieren übersteigt. Und doch gelingt es ihm im Gestus der Unmittelbarkeit und mit einem Höchstmaß an Bemühen um Detailreichtum und Genauigkeit, uns daran teilhaben zu lassen. Wobei hier die Stärke des Autors, den Leser in den Bann zu ziehen, umso mehr zum Tragen kommt. Selbst Atheist, scheint eines nicht zu leugnen zu sein: In diesem Universum ist das eigene Ich nicht das Zentrum, vielmehr erweist es sich offenbar als Teil einer so unermesslichen wie allumfassenden Einheit, deren grundlegend verbindende Substanz Liebe ist. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

*Siehe hierzu auch auf unserer Startseite „Buchtipp des Monats März“

Download Sachbuchtipp im Archiv Michael Pollan

Siehe dazu unseren aktuellen Buchtipp BelletristikT.C.Boyle

 

und unseren aktuellen Buchtipp: Elisabeth Borchers

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