Lyrik-Buchtipp des Monats Mai 2020

© Erna R. Fanger  

Poetisierung des Politischen

Sarah Kirsch: „Freie Verse. 99 Gedichte“. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Moritz Kirsch, Manesse-Verlag, München 2020 

Eher hätte Moritz Kirsch, Sohn der preisgekrönten Dichterin Sarah Kirsch (*1935, † 2013), beim Sortieren ihres Nachlasses damit gerechnet, auf dem Dachboden weitere Aquarelle zu finden, als er überraschend auf einen beachtlichen Karton stößt. Darauf handschriftlich vermerkt: „Uralt-Manuskripte S.K.“ Eine kleine Sensation, in diesem Band nun neben bereits bekannten Texten unter dem Kapitel „Neunzehn neue Gedichte“ versammelt.

Doch wie damit umgehen. Nun, Sarah Kirsch hat es ihm leicht gemacht. Hatte sie doch alles kommentiert, teils eindeutig mit „aussortiert“, manches mit Fragezeichen versehen, sodass er seinem Auftrag in ihrem Sinne nachkommen konnte.

Hat man die häufig um Naturerscheinungen kreisenden Gedichte Sarah Kirschs seitens des Literaturbetriebs nicht selten des Unpolitischen bezichtigt, betont er seinerseits, dass dies bei ihr nie der Fall gewesen sei. Und natürlich geht es dabei nicht um tagespolitische Kommentare. Aber zum eigenen Lebenskontext muss jede DichterIn eine Haltung an den Tag legen, in der das Politische im weiteren Sinne nicht auszuklammern ist. Und wenn in einem ihrer frühen Gedichte wie gleich im ersten des Bandes, „Fahrt II“, die Rede ist von „Aber lieber fahre ich Eisenbahn/Durch mein kleines wärmendes Land/In allen Jahreszeiten: der Winter“ Leseprobe, geraten einem unschwer bei ‚das kleine wärmende Land’ die sprichwörtliche gegenseitige Hilfsbereitschaft und Solidarität in der ehemaligen DDR in den Blick, wenn es galt, den einen oder anderen Mangel zu überbrücken. Oder wir mögen die Zeile ‚In allen Jahreszeiten: der Winter’ leicht als Metapher für die Erstarrung der Politik in Bürokratismus und Planwirtschaft lesen. 

Vertieft man sich des Weiteren in den Band, steht außer Frage, dass für Sarah Kirsch das Erleben unseres Alltags per se das Politische impliziert und insofern in jedes ihrer Gedichte oder freien Verse einfließt. Und gerade harmlos anmutende Zeilen wie „Nachmittags nehme ich ein Buch in die Hand/Nachmittags lege ich ein Buch aus der Hand/“ Leseprobein „Schwarze Bohnen“ schlagen jäh um, wenn es im dritten Vers heißt „Nachmittags fällt mir ein es gibt Krieg“ Leseprobe, den das Lyrische Ich ‚wie jedweden Krieg, vergisst, Kaffee mahlt’ und der Schluss lautet „Erst schminke dann wasch ich mich/Singe bin stumm“ Leseprobe. Eindringliche Momentaufnahme des Alltäglichen, überschattet von Kriegsgeschehen fernab.  

In ihrer Wahrnehmung erweist sich Sarah Kirsch im Übrigen als schonungslose, messerscharfe Beobachterin. So etwa, wenn die Ich-Stimme in „Georgien, Fotografien“ ‚die leeren Straßen voller Akazienduft während eines Fußballspiels’ schildert, ‚mitgehört aus den Fenstern über Radio und Fernsehen’ – freudige kollektive Anspannung, die mit dem Schluss „Sie überfuhrn einen Hund. Zwei Stunden schrie er im Park“ Leseprobe, einen jähen Bruch erfährt. Und auch das „Waldstück“ bezeichnet alles andere als ein Idyll, wenn ‚der Nordwind die Wolken zerstückelt und die Sonne’ „... an den Tag bringt verrammelte/Wälder abgebrochene Hütten im Dickicht/Die Tränen der Demonstranten kein Gras/Wächst darüber legt sich Beton.“ Leseprobe

Von Melancholie, Trauer über die Bedrohung durch Umweltzerstörung und teils apokalyptischer Bildersprache geprägt sind die ‚neunzehn neuen Gedichte’, konterkariert einzig durch die ihnen eigene poetische Brillanz. So, wenn es in „Wetterumschlag“ heißt „Der Regen schont mein Bett nicht mehr/und reicht schon unters Augenlid/dass Flossen mir und Schuppen wachsen ...“ Leseprobeund „Ein Hagel frißt den Regenweg/schwingt spitz auf meinem Trommelfell/kriecht bis zum Labyrinth ins Ohr/da schreie ich ich Gletscherkauz/vermisse meine Nestgeschwister“ Leseprobe. Und auch der „Ortsengel“ ist alles andere als zimperlich, kommt vielmehr raubeinig und ohne viel Aufhebens daher: „Der mich ins Wasser scheucht/Wenn die Stiere ausbrechen/Dich durch das Watt prügelt/So eine Springflut heraufkommt/Dir möglicherweise auf die/Füße pisst bevor sie erfrieren“. Leseprobe

Noch einmal – und das ist das Verdienst des Bandes – hat sich eine der renommiertesten, eindringlichsten lyrischen Stimmen der Nachkriegszeit Gehör verschafft. Rechtzeitig zu ihrem 85. Geburtstag am 16. April dieses Jahres erschienen und zugleich eine Verneigung vor diesem lyrischen Werk von Rang.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Manesse-Verlag.

Lyrik-Buchtipp des Monats April 2020

www-schreibfertig.com

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com:

Ein ‚Mitbringsel’, das sich lohnt 

Walle Sayer: „Mitbringsel. Gedichte, klöpfer.narr GmbH, Tübingen 2019

Kennen Sie ‚das Geheimnis des Kartoffelsalates’? Waren Sie je in einem „Museum der Berufe?“ Oder haben Sie schon einmal von den „Rückenflossen gefalteter Stoffservietten“ gehört? Der schwäbische, vielfach ausgezeichnete Dichter Walle Sayer bringt Ihnen mit Hilfe seiner kunstvoll arrangierten Gedichte seinen spezifischen Blick auf die Besonderheiten des Alltags nahe. Sei es, wenn man besagtem Kartoffelsalat „mit Augenwasser die Schärfe nehmen“ kann. Oder er gar in der ‚Gesichtslandschaft des Scherenschleifers’ ein Museum erkennt. 

Meist sind es die kleinen, unscheinbaren Dinge, die das Leben ausmachen und die die Lyrik Walle Sayers uns ins Herz schreibt. Und stets spiegelt sich darin zugleich das große Ganze. Ein „Schäufelchen“ zum Beispiel, mit dem man Sandburgen baut, „Als warte/ (...) /der große Strand auf eine Art Sinngebung“. Oder eine ’lindgrüne Gießkanne’, die sich, voll bis an den Rand gefüllt, für den lyrischen Helden, je älter er wird, zusehends als ‚Kraftakt’ erweist. Nichts scheint Walle Sayer zu gering, um Poesie daraus zu schlagen, wie etwa die ‚zusammengeknüllten Zeitungsseiten, womit die Schuhe trocknen sollen’, das „Staubsaugen im Jugendzimmer der Tochter“ in “Suchbild“, „Lichtschalter“ und „Fernsehhecke“.

Immer wieder gibt es in diesen zarten, nahezu ‚spartanisch’ anmutenden Kunstgebilden Überraschungen, wird der Leser zum Schmunzeln oder Nachdenken angeregt. Gerade dann liebenswert heiter, wenn schwäbische Mund-und Lebensart durchdringt. So beispielsweise “Bäbbigsüßes“ in „Einlasskontrolle“, die „Brezel“ in „Zeitschaltuhr“, „Rieslingtrauben“ in „Nächtlicher Weinberg“, „Schorlehenkel“ in „Weinfraktion“. Oder aber es geht um genau das, was uns heilig zu sein scheint und zugleich Tiefe verleiht. So in dem Gedicht „Heiligenbildchen“ oder die „Karfreitagsstille“ in „Mirabile ductu“ sowie „Die Taufkerze!“, „Trauerkarten“ und „Grabbeigaben“. 

Das Ganze auf 120 Seiten gebannt und in acht Kapitel gegliedert, in freier Versform, ungereimt und in scheinbar loser Reihenfolge. Gedichte, die sich versiert des Enjambements und der Ellipse bedienen ebenso wie sie sich durch originelle Wortkombination auszeichnen. Ein erlesenes Vergnügen nicht nur für Lyrikfans und Sprachliebhaber.  

Doch lesen Sie selbst , lesen Sie wohl!

Mit Dank für das Rezensionsexemplar an den Verlag „klöpfer, narr“. 

 

 

 

Lyrik-Buchtipp des Monats März 2020

www-schreibfertig.com

  © Erna R. Fanger 

  Vermächtnis zwischen Lust und Häme

Wiglaf Droste „Tisch und Bett. Gedichte“. Verlag Antje Kunstmann, München 2020. 

An die Vorläufer „Nutzt gar nichts, es ist Liebe“ (2005) und „Wasabi dir nur getan?“ (2015) anschließend, ist dies nun der letzte, posthum veröffentlichte Gedichtband der Trilogie des stets hoch pokernden Querdenkers, Dissidenten, Provokateurs und frei schaffenden Satirikers, der sich nirgendwo ‚einordnete’. Und warum auch.

Im Bewusstsein, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleiben wird, von Droste 2018/19 fertiggestellt, erwartet den Leser dieser Sammlung in 11 Kapiteln mit insgesamt nahezu 200 Gedichten ein lebenspralles poetisches Vermächtnis des im Mai 2019 mit 57 Jahren verstorbenen Dichters. Dabei stellt Droste einmal mehr unter Beweis, dass er sein Metier beherrscht, und wartet mit einer Fülle an Formen auf. So erweist er sich in seinen Liebesgedichten als so luststrotzend wie vergnügter Liebhaber, Sinnesfreuden ebenso zugeneigt wie der im besten Sinne kindlich aufgeweichten Gestimmtheit danach, etwa in Morgendichtung: „Morgens zwischen sechs und sieben/hab ich ein Gedicht geschrieben./Ach, das war ein großer Spaß/und ich machte mich fast nass,/weil das Teil so komisch war,/furchtbar ulkig, wunderbar!/Worum es ging in dem Gedicht?/Tut mir leid, das sag ich nicht.“ 

Umso erbitterter hingegen die Attacken gegen Rechte, AFD und Co.: „Wie sie hetzen, hecheln, zischeln, fälschen intrigieren,/prahlen und krakeelen/ aus ‚Wir-als Deutsche-müssen-wieder-alles-zahlen!’-Geizgeil-Kehlen“. Oder wenn in Wunsch und Welt„Das Schein-statt-Sein der Häppchen und der Schnäppchen,/der vollgedopten Grinsies auf dem Siegertreppchen,“ aufs Korn genommen wird, er des Weiteren gegen Fremdenhass zu Felde zieht. Dabei bedient er sich des Pamphlets ebenso wie des Sinngedichts oder des Aperçus, wie in Kleiner Radschlag: „Willst du die Birne aus dem Hirne nicht verlieren,/musst du dich internetzig absentieren.“ 

Und noch dem Tod sieht er unerschrocken ins Angesicht: “Bitte setz dich, mein Freund Hein, was soll es sein?/Willst’ du ’n Kurzen, einen Longdrink, ein Glas Wein?“ Dass es aber selbst bei diesem von unbändigem Lust- und Lebenswillen getriebenen Droste ohne ein „Gebeetchen“ dann doch nicht geht, ist nur eine Facette der verblüffende Vielfalt mit der er hier aufwartet und gar mit dem Höchsten in Dialog tritt:  „Nimm, Guter –  Niemals Lieber! – Gott mich him/so wie ich bim.“ Zeugnis von Drostes souveräner poetischen Vitalität, seinem Einfallsreichtum, seiner Wortschöpf- und Reimlust ohne Rücksicht auf das Regelwerk der Grammatik. 

Was wiederum ins Herz sticht, ist die Tatsache, dass dieser überbordende Sprach und Bilderreichtum, die immense Bandbreite, nicht zuletzt Leid und Leiden eines verzweifelt Suchenden geschuldet ist, was schließlich in der Sucht mündet: „Und so ist man suchtverflucht,/wenn man sucht und sucht und sucht.“ Ausgestattet mit martialisch anmutendem Temperament, war Droste den Zumutungen und Zurichtungen der Gesellschaft schwerlich gewachsen. Eben daraus speist sich dieser kleine Geniestreich von einem Gedichtband. Wir erweisen seinem Schöpfer die Ehre –„Chapeau!“ 

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Antje Kunstmann Verlag

Sachbuchtipp Dezember 2019

 © Hartmut Fanger

 Wir hätten uns umarmen sollen – Protokoll einer Hassliebe

Volker Weidermann: Das Duell.Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki,Kiepenheuer & Witsch 2019.

Der Autor und sein Kritiker. Akribisch zeichnet der Nachfolger des Literarischen Quartetts und Spiegelredakteur Volker Weidermann  in „Das Duell“ die Geschichte zweier Männer nach, wie sie nicht unterschiedlicher sein könnten – Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki. Dabei versteht er es, die beiden grundsätzlich differierenden Lebensläufe und Charaktere in ihrem gemeinsamen historischen Kontext so mitreißend wie spannend vor Augen zu führen. Grass, mit 17 bei der Waffen-SS, später Bildender Künstler, Romanautor, Lyriker und Essayist, überdies Verfechter der SPD; Reich-Ranicki mit 20 im Warschauer Ghetto, später Konsul der Republik Polen, danach Lektor, Literaturkritiker der „Zeit“ und Sachbuchautor. „Zwei Boxer in einem Ring“ lautet insofern nicht von ungefähr eine Kapitelüberschrift. ‚Der Ring’ wiederum ist im weiteren Sinn der Literaturbetrieb, verhandelt im Feuilleton, nicht zuletzt aber durchaus auch das im Fernsehen mehr oder weniger regelmäßig ausgestrahlte „Literarische Quartett“ der 80er und 90er Jahre. Von den insgesamt 385 besprochenen Buchtiteln mit Marcel Reich-Ranicki waren insbesondere die herausragend, provokant auch, in denen ein Werk des späteren Literaturnobelpreisträgers Günter Grass besprochen wurde. Von rhetorischer Brillanz, dabei mit spitzer Feder, versäumt er es nie, zunächst die unbestrittenen Qualität seines Kontrahenten hervorzuheben, dann aber unverhohlen zum Schlag seiner nicht selten vernichtenden Kritik auszuholen. Nach „Die Rättin“ für Grass Anlass, buchstäblich die Flucht zu ergreifen und nach Indien aufzubrechen, wo der Bild-, Lyrik- und Prosaband „Zunge zeigen“ entsteht. Aber auch Letzterer findet in den Augen seines Widersachers und auch sonst im Feuilleton keine Gnade. Zusehends avanciert „Das Literarische Quartett“ zum Ereignis, kommt es doch beinahe regelmäßig zum Eklat. Eine regelrechte Schlammschlacht ergießt sich über Grass nach dem vernichtenden Urteil Reich-Ranickis über seinen Roman „Ein weites Feld“. ‚Als langweilig und wertlos’ bezeichnet er ihn und bezichtigt Grass, ‚dass sich darin Tausende von Sätzen über Fontanes Epik befänden – darunter jedoch kein einziger, der originell oder geistreich wäre’. Der Spiegel zeigt in einer Fotomontage auf dem Titelbild Reich-Ranicki, wie er das Buch von Grass zerreißt. Eindrucksvoll dokumentiert seitens Weidermanns. Zugleich ist hiermit die schwierige Beziehung der beiden Kontrahenten sozusagen auf den Punkt gebracht. Wie eng Kritiker und Romanautor schließlich miteinander verbunden sind, veranschaulicht Grass wiederum in einem Vergleich: „Es gibt Ehen, die werden auf keinem Standesamt besiegelt und auch von keinem Scheidungsrichter getrennt. Ich werde ihn nicht los, er wird mich nicht los.“

In seiner Rede anlässlich der Preisverleihung des Großen Literaturpreises der Bayerischen Akademie der Schönen Künste lässt Grass verlauten, dass Kritiker „ohne Autoren ‚arbeitslose Sozialfälle’“ wären. Wen er damit meint, liegt auf der Hand. Reich-Ranickis Gegenschlag lässt nicht lange auf sich warten. Erst ganz am Ende ihres Lebens bekennen beide „Wir hätten uns umarmen sollen“. Gekommen ist es dazu nicht.

Wiederum ist es das Verdienst Weidermanns, uns mit „Das Duell“ einen intimen Einblick in die Fehden zweier schillernder Persönlichkeiten zu gewähren, die den Literaturbetrieb des Nachkriegsdeutschlands erheblich mitgeprägt haben. Durchweg getragen von Empathie und Detailtreue, nicht zuletzt aber von der Liebe zur Literatur, was das Ganze zu einem großen Lektürevergnügen macht.

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Kiepenheuer & Witsch Literaturverlag, Köln 2019 

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Sachbuchtipp: September  - Oktober 2019

   © Hartmut Fanger: 

Von der Leidenschaft zu lesen

David Wagner: „Sich verlieben hilft. Über Bücher und Serien“. Verbrecher-Verlag, Berlin 2016.

Manchmal sind es gerade die kleinen, eher unscheinbaren Werke, die einen wahren Schatz in sich bergen und sich für Lesefreunde am Ende als unverzichtbar erweisen. „Sich verlieben hilft“ von David Wagner zählt genau dazu. Sie aufzuspüren scheint angesichts von Massenproduktion an Bestsellern und der schier unendlichen Vielfalt an Publikationen kein leichtes Unterfangen. Die literarische Schatztruhe, klein aber fein, bietet in 15 kurzen Abhandlungen auf 141 Seiten im Format 12 X 17 cm eine mitreißende, Lesesucht erzeugende Lektüre. Keine Frage, der Leser verliebt sich in dies rote Büchlein von der ersten Seite an. Folgt dem Autor, streift mit ihm durch die Leseorte der Welt. Sei es bei einem Tee in der Cafeteria der British Library in London, unweit jenes Zettels mit den berühmten Zeilen von John Lennons „Help“, oder auf einen Felsen am Meer von Elba mit Blick auf die Insel Monte Christo, während Wagner, wie kann es  anders sein, „Der Graf von Monte Christo“ liest. Wagner liest im Übrigen alles, was ihm in die Hände kommt. Ob deutsche Raubkopien als E-Book im Iran oder klassisch gebundene im Haus seiner Tante in Oberösterreich, wo er treffenderweise zu Adalbert Stifters „Die Mappe meines Urgroßvaters“ greift. 

Wie der Titel verrät, handelt es sich um die Liebe zu dem Medium Buch. Dass das Kleinod auch den angesagten US-Serien huldigt, sei an dieser Stelle nicht verschwiegen. Und wer dazu bislang keinen Zugang hatte, wird spätestens jetzt geradezu verführt, selbst in diese Welten einzutauchen und sich dafür begeistern zu lassen. Anfühlen tut sich das, der Titel legt es nahe, wie sich verlieben. Mit all dem dazugehörigen Zauber, der Erregung. Und nicht von ungefähr streift Wagner hier auch Roland Barthes’ erotisches Bekenntnis zur Literatur „Lust am Text“ (1974). Wagners Fazit wiederum: „Ich verliebe mich, jeden Tag, immer wieder. Ich verliebe mich während des Lesens, verliebe mich in Bücher, ihre Helden und Anti-Helden, ihren Text, ihre Sprache, ihre Stimme.“ Gleichermaßen schwärmt er für diejenigen, die all das niedergeschrieben haben, und muss sich fragen, inwieweit dies womöglich der Grund wäre, dass er auch ihre Bücher liebt. 

Doch ebenso wenig lässt er die „leicht schäbige Seite der Schriftstellerei“ außer Acht, „das Sich-Aneignen, das Übernehmen, das Stehlen von Leben, Erfahrungen und Begebenheiten“. Und wahrlich ist so mancher Leser „not amused“, sich als Figur in einem Buch wiederzufinden. 

Wie wiederum dem Leser dieser Rezension nicht entgangen sein dürfte: Das schmale Werk ist eine kleine Perle. Und wir können dem Autor nur dankbar dafür sein. Dankbar aber auch für die nicht geringen Quellenangaben, macht die Lektüre doch unbändig Lust darauf, die vielen hier gestreiften Werke selbst zu erkunden. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verbrecher Verlag 

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Sachbuchtipp des Monats April 2019

© Hartmut Fanger

Am farbigen Abglanz haben wir das Leben 

Goethe  

Und Goethe hatte doch Recht!  

Mathias Bröckers: „Newtons Gespenst und Goethes Polaroid. Über die Natur“,  Westend Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2019 

In dem so schmalen wie gehaltvollen Band von Mathias Bröckers wird Goethes Naturbild anhand von Farbenlehre und Forschung detailgenau und auf neuestem Stand vor Augen geführt. Dabei wird zugleich Verständnis für Goethes Polemik gegenüber Newton geweckt. Denn Goethe hatte nach heutigem Wissensstand mit den Ergebnissen seiner Farbenlehre entgegen der Meinung von Zeitgenossen und vielen Naturwissenschaftlern doch Recht. Zumindest bilden die aus dem mechanistischen Weltbild Newtons und Goethes ganzheitlichem Verständnis hervorgehenden Resultate zwei Seiten ein und derselben Medaille ab. Spannend lesen sich die Ausführungen und lassen einmal mehr darauf schließen, dass Goethe seiner Zeit als hellsichtiger Vorreiter der Ökologiebewegung weit voraus gewesen ist. Er sah die Erde zum Beispiel als ‚ein großes lebendiges Wesen an, das im ewigen Ein- und Ausatmen begriffen ist’, wie er hochbetagt 1827 gegenüber Eckermann äußerte. Seine jahrzehntelange akribische Auseinandersetzung mit der Entstehung von Farben dokumentiert dies im ganzheitlichen Sinne so polemisch, dichterisch wie wissenschaftlich. Hingegen sah Goethe in der Forschung von Newton vorgenommenen Teilung der Natur in kleine und kleinste Einheiten nur ‚Halbwahrheit’. „Natur verstummt auf der Folter“ – sein Statement.

Mathias Bröckers begibt sich auf Spurensuche nach Belegen, die aufzeigen, wie aktuell das Goethische Naturverständnis bis ins 21. Jahrhundert hinein ist. Dabei greift er weit zurück bis hin zu dem englischen Arzt und Philosophen Robert Fludd (1574-1637), dessen Schriften Goethe bekannt waren, um kontinuierlich bis hin zum Wissenschaftshistoriker und Publizist Ernst Peter Fischer fortzufahren. Der weist 2018  darauf hin, dass zum Beispiel das Wort „Gen“ von Goethe stammt. Und natürlich zieht Bröckers  hier Verbindungslinien zu Alexander von Humboldt (1769-1859) und seiner Biografin Andrea Wulf („Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ 2016) ). Ebenso zu Darwin (1809-1882), Ernst Haeckel (1834 -1919), Werner Heisenberg (1901-1976)  bis hin zu dem Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli (1939-1958), die allesamt von Goethes Naturforschung und Betrachtungen überzeugt waren. Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle die „Retinex-Theorie des Physikers „Edwin Land (1909-1991), der die Sofortbildfotografie erfand und Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre Polaroid-Kameras in Millionenhöhe verkaufte.  Neil Ribe und Friedrich Steinle wiederum bekräftigten einige Zeit später im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung ihre Überzeugung, dass ‚die Parallelen der Experimente Edwin Lands zu Goethes Theorie der ‚Funktion der Bedeutung des Lichts’ offenkundig seien.  

Alles in allem ein nicht nur für Goethe-Fans lesenswertes Buch, das in Anbetracht der drohenden Klimakatastrophe dringend benötigte neue (alte) Wege aufzeigt und sich als ein weiterer wichtiger Baustein für eine so neue wie alte Sicht auf die Natur erweist.

Schön wäre gewesen, wenn am Schluss des im Übrigen ästhetisch ungemein ansprechenden Bandes Anmerkungen und ein Literaturverzeichnis integriert worden wären. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem WestendVerlag! 

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Sachbuchtipp des Monats März 2019 

© Erna R. Fanger:

Aufbruch in neue Sphären des Bewusstseins. 

Psychedelik-Forschung auf dem Vormarsch

Michael Pollan: „Verändere dein Bewusstsein. Was uns die neue Psychedelik-Forschung über Sucht, Depression, Todesfurcht und Transzendenz lehrt“aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Antje Kunstmann Verlag, München 2019

 

Die Psychedelik-Forschung erobert den Buchmarkt

Es sind gleich zwei Bücher zu Beginn 2019, die uns das Thema der Psychedelik-Forschung nahebringen. Auf der einen Seite „Das Licht“* von dem Romancier T. C. Boyle, auf der anderen „Verändere dein Bewusstsein“ von dem Journalist, Sachbuchautor und Harvard-Professor Michael Pollan. Und wo der Roman 1970 aufhört, nämlich mit dem vorläufigen Ende der LSD-Experimente unter Timothy Leary, der charismatischen Kultfigur der Hippie-Bewegung, beginnt Pollans Aufsehen erregender „Trip“ durch die Psychedelik-Forschung. Von der Entdeckung der Rausch erzeugenden Substanz 1943 seitens des Schweizer Chemikers Albert Hofmann bis zum heutigen Forschungsstand, wo indessen eine 80-prozentige Erfolgsquote – vornehmlich in der Linderung von Todesangst bei Schwerkranken und Sterbenden – zu verzeichnen ist. 

Der in mit dem Thema korrespondierender Optik auf Umschlag und Innenseiten ästhetisch ansprechend ausgestattete an die 500-Seiten-Wälzer liegt schwer der Hand. Verblüffend leicht wiederum liest er sich. Und das nicht, weil hier Abstriche in der differenzierten Darstellung wissenschaftlicher Fakten und Errungenschaften gemacht und Komplexität reduziert würde. Das Gegenteil ist der Fall. Aber hier ist ein Meister seines Fachs am Werk, der sein Handwerk beherrscht. Storytelling at its best, nämlich auf der Basis bestens recherchierter Fakten und eines dezidierten Erkenntnisinteresses. 

 

1. Die Geschichte der psychedelischen Forschung

Drei wesentliche Stationen passieren wir gemeinsam mit Pollan. Erstens, die Geschichte der psychedelischen Forschung, beginnend mit der Entdeckung von LSD und ähnlichen Substanzen und ersten Experimenten bis hin zur Diskreditierung derselben im Zuge von Drogenexzessen der 68er Communitys. Die Wende hin zur Rehabilitierung erfolgt 2006, anlässlich der Feier des 100sten Geburtstags von Albert Hofmann, der sich indessen im Zuge seiner eigenen Erfahrung mit der hoch wirksamen Droge für deren Legalisierung zu Forschungszwecken einsetzt. Damit ist die Renaissance besagter Forschung eingeläutet – sind auf Hofmanns 100sten Feier doch unzählige überzeugte Anhänger zugegen, die fieberhaft daran arbeiten, LSD zu Forschungszwecken wieder zugängig zu machen. In dasselbe Jahr fällt überdies in den USA ein Gerichtsurteil, das religiösen Gemeinschaften nun auch offiziell zugesteht, seit jeher traditionell eingesetzte psychedelische Substanzen in ihren Zeremonien zu verwenden. Damit ist eine weitere Tür aufgestoßen, die schließlich erneut den Weg für die LSD-Forschung geebnet hat.

 

2. Der LSD-Trip in der Psychotherapie – Fallgeschichten

Neben dem Einsatz der Droge bei Schwerkranken und Sterbenden, sind es Suchtkrankheiten und Depressionen, die mit ihnen bekämpft werden können. Wobei Set (die Befindlichkeit des Probanden zur Zeit der Einnahme der Droge) und Setting (Ambiente mit gegebenenfalls Räucherstäbchen, rituellen Gegenständen und Musik sowie einem erfahrenen Begleiter) sorgfältiger Planung bedürfen – die Einnahme zu wissenschaftlichen Zwecken ist stark reglementiert. Zumal es, je nach ‚Gepäck’, das einer mitbringt, leicht zu einem Horrortrip kommen, was wiederum eine Psychose nach sich ziehen kann. Und in Anverwandlung des Hölderlinschen Diktums, ‚Wo die Not am größten, ist das Rettende auch nah’, scheint die Therapie ihre Wirkung am stärksten bei Schwerkranken und Sterbenden zu entfalten, im Gegensatz zur Behandlung von Depressionen und Suchtkrankheiten. Wobei psychedelische Substanzen auf das menschliche Gehirn derart einwirken, dass dabei heftig an unseren Wahrnehmungsmustern ebenso wie unserem Selbstbild gerüttelt wird. Günstigen Falls weicht die Fokussierung auf das eigene Ich zugunsten des Erlebnisses einer kosmischen Einheit und dem Geborgensein in der Allliebe. Ein Zustand, der offenbar nachhaltig Ängste löst und den Probanden einen neuen Zugang zu ihrem eigenen Seelenleben mit mehr Zuversicht und Gelassenheit eröffnet.

 

3. ‚Reiseberichte’ – Selbstversuch des Autors 

Hier erweist sich bereits in der Vorbereitung die verschwörerische Vielfalt der Szene. Wobei es neben der universitären Forschung die der verdeckten Forschung gibt. Man hat aus den 60er Jahren gelernt und kennt die Gefahren, weshalb jeder Versuch mit LSD eines erfahrenen Begleiters bedarf. Ist dies im universitären Bereich bei der Behandlung von Patienten ganz offiziell das Setting, besteht die Schwierigkeit für „Gesunde“, die sich einer solchen Erfahrung unterziehen wollen, darin, hier einen vertrauenswürdigen, kompetenten Begleiter zu finden. Ungemein spannend die Prozedur, über geheime Pfade fündig zu werden. Wobei durchaus eine gewisse Durchlässigkeit zwischen universitärer und verdeckter Forschung besteht. Allein zu dieser Zone vorzudringen, liest sich abenteuerlich. Dabei wartet Pollan –  selbst eher Skeptiker und Materialist mit Bodenhaftung –  in drei ‚Reisen’ mit dem Versuch auf, zur Sprache zu bringen, was sich eigentlich sprachlich nicht fassen lässt, unsere Möglichkeiten zu verbalisieren übersteigt. Und doch gelingt es ihm im Gestus der Unmittelbarkeit und mit einem Höchstmaß an Bemühen um Detailreichtum und Genauigkeit, uns daran teilhaben zu lassen. Wobei hier die Stärke des Autors, den Leser in den Bann zu ziehen, umso mehr zum Tragen kommt. Selbst Atheist, scheint eines nicht zu leugnen zu sein: In diesem Universum ist das eigene Ich nicht das Zentrum, vielmehr erweist es sich offenbar als Teil einer so unermesslichen wie allumfassenden Einheit, deren grundlegend verbindende Substanz Liebe ist. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

*Siehe hierzu auch auf unserer Startseite „Buchtipp des Monats März“

Download Sachbuchtipp im Archiv Michael Pollan

Siehe dazu unseren aktuellen Buchtipp BelletristikT.C.Boyle

 

und unseren aktuellen Buchtipp: Elisabeth Borchers

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