Buchtipp des Monats Dezember 2019

   © Hartmut Fanger

Prophet mit Herz und Empathie

Yavuz Ekinci„Die Tränen des Propheten.  Verlag Antje Kunstmann GmbH, München 2019. Aus dem Türkischen von  Oliver Kontny 

Hervorstechendes Merkmal des Ich-Erzählers und Protagonisten Mehdi – seit seiner Begegnung mit Erzengel Gabriel zum Propheten berufen – ist seine Fähigkeit zur Empathie. Zumal angesichts unablässig auf die Erde hereinbrechender Katastrophen. Immer wieder bricht Mehdi in Tränen aus. Sei es, wenn wieder einmal ein Terroranschlag, kriegerische Auseinandersetzungen und Blutvergießen stattgefunden haben, oder er sich mit Hass und Hetze im Internet konfrontiert sieht. Und immer deutlicher zeichnet sich ab: Er würde den Kampf gegen das Böse aufnehmen, stattdessen mit einer Friedensbotschaft aufwarten. Allem voran wiederum ist es der dem Autor eigene Humor, womit es Yavuz Ekinci gelingt, das Ganze trotz eindringlicher Schilderung menschlichen Leids und Elends lesbar zu halten. Und selbst wenn er einmal an der Welt zu verzweifeln droht, ist dies nicht frei von Selbstironie, was nicht zuletzt den Reiz der Lektüre ausmacht:

Was ist nur aus der Welt geworden. Ich muss mich beeilen. Je länger ich zögere, desto mächtiger wird das Böse. Ich habe keine Zeit mehr. Ich bin Prophet. Ich bin doch geschickt worden, um das Himmelreich Gottes auf Erden herabzubringen“, sagte ich vor mich hin und ging in einen Baumarkt ...  Leseprobe

Nicht ohne Augenzwinkern seitens des Autors wiederum vernimmt der Leser,  dass sich schon zur Zeit von Mehdis Geburt die seltsamsten Dinge ereignet hätten. Wie aus einem Lehrbuch für autobiographisches Schreiben wird dieser Zeitpunkt im Kontext geheimnisvoll, ja mysteriös anmutender historischer Begebenheiten verortet und somit zu einem besonderen Ereignis stilisiert. Ganz nach dem Vorbild Goethes, der in „Dichtung und Wahrheit“ in der besonderen Sternenkonstellation von Sonne, Jupiter und Mars zum Zeitpunkt seiner Geburt um 12 Uhr ein Zeichen sah. Auch hier wieder im feinen selbstironischen Tenor heißt es bei Ekinci, dass in der Geburtsnacht seines Helden ‚geheimnisvolle Dinge überall auf der Welt geschahen’. Der Legende nach sollen Ufos gesehen worden, ein Flugzeug mit einhundertzweiundsechzig Passagieren verschwunden, Decken in Tempeln, Kathedralen und Moscheen eingestürzt, gar ein ‚Haifisch mit zwei Köpfen aufgetaucht sein.

Doch damit nicht genug. Mangelt es Mehdi in seiner Funktion als Prophet zunächst an Durchsetzungs- und Überzeugungskraft, besteht nun seine Aufgabe vornehmlich darin, an sich selbst zu arbeiten, sich zu entwickeln, um seine Botschaft am Ende in die Welt setzen zu können. Köstlich, wenn dies etwa an seinem Kampf mit einem Hühnerauge, dem er mit einem Hausmittel im wahrsten Sinnes des Wortes zu Leibe rückt, beinahe zu scheitern droht. 

Betrachten wir wiederum die opulente Büchersammlung Mehdis, wird schnell klar, woher er seine Botschaften nimmt. Dabei geht’s quer Beet durch die Religionen. Sei es der ‚Koran, den er besser kannte als mancher Imam, seien es die Gleichnisse in den Evangelien, die Bibelzitate, mit denen er gern ein Gespräch eröffnet, oder die Thora, der er geradezu verfallen war’ ... Undogmatisch, melancholisch, zugleich heiter, folgen wir den Wegen und Irrwegen des Protagonisten. Und bei all den dabei verhandelten Erkenntnissen aus den großen monotheistischen Welteligionen ein zugleich hoch aktueller wie brisanter Roman. Kurz: Ein Lesespaß mit Tiefgang, wie wir es uns für zwischen den Tagen nur wünschen können. 

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag Antje Kunstmann, München 2019  

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Weitere Buchtipps

  © Hartmut Fanger: 

Sex, Drugs & Rock’n Roll in der Wendezeit

 

 Gregor Sander: „Alles richtig gemacht“, Penguin-Verlag, München 2019.

Schlimmer könnte es kaum kommen für den Protagonisten Thomas Piepenburg im jüngsten Roman von Gregor Sander: Sein Freund Daniel taucht nach langer Abwesenheit wieder auf; die Frau ist, zusammen mit den gemeinsamen Kindern, auf und davon; und in seinem Beruf als Anwalt sieht es auch nicht gerade rosig aus

Erzählt wird vom Leben in der ehemaligen DDR, sprich von Erinnerungen an Rostock und Berlin, an Zeiten, in denen sich selbst für die noch in einigermaßen gesicherten Verhältnissen lebenden Eltern des Protagnisten das Diktum Kempowskis „Uns geht’s ja noch gold“ nicht mehr aufrecht erhalten ließ. Eindringlich schildert Sander aber auch die Veränderungen, die sich zur Zeit der Wende einstellen. Von der Bedrohung seitens der Neo-Nazis und ihren Schlägern bis hin zu den alltäglichen Fluchten in Drogenrausch,später in Reisen nach Irland oder in die USA, wo das Ganze aufgrund eines Kunstschwindels zeitweilig in einen Krimi mündet. Dazwischen immer wieder Spielarten der Liebe. Von einer Männerfreundschaft, wechselhaften Beziehungen bis hin zur ménage à trois. Schnörkellos und unterhaltsam geschrieben. Der Autor versteht sein Handwerk, arbeitet gekonnt mit Auslassungen, die Spielraum für eigene Interpretationen gewähren. Spannend, dabei mit jeder Menge Überraschungen aufwartend. Etwa wenn die Freunde nach zahlreichen Streitigkeiten immer wieder zusammen kommen, Freund Daniel nach Irland geht und Piepenburg ‚den Traum von Frau’, die Assistentin und wahrscheinlich Geliebte des einstigen DDR-Maffiosi Iwan, wegschnappt, wofür Letzterer schließlich büßt. 

Inwieweit sich am Ende der verheißungsvolle Titel ‚alles richtig gemacht’ tatsächlich erfüllt hat, bleibt offen und erweist sich eher als ironischer, ja fast schon provokanter Tenor. Stellt sich doch von Beginn an die Frage, was daran ‚richtig’ gewesen sein mag, inwieweit Kategorien wie richtig und falsch nicht von vornherein unangemessen sind. Den Leser regt es an, sich über den Roman hinaus, seine eigenen Gedanken zu machen. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin-Verlag 

 Gregor Sander ist auf Lesetour:

Mo. 2.9. Rostock, Thalia Buchhandlung / Mi. 4.9. Oldenburg, Musik- u. Literaturhaus »Wilhelm 13« / Mo. 9.9. Berlin, Kulturbrauerei, Palais, BERLINER BUCHPRÄSENTATION (in Kooperation mit der Georg-Büchner-Buchhandlung) / Fr. 13.9. Leipzig, Literaturhaus / Mi. 18.9. Berlin, Thalia Gesundbrunnen / 17./18./19.10. Frankfurt, Buchmesse (Lesung bei open books am 18.10.) / Di. 22.10. München, Seidlvilla (in Kooperation mit dem Tukan-Kreis) / Do. 24.10.Teistungen, Grenzlandmuseum (i.R. des Göttinger Literatur Herbstes) / Fr. 25.10. Dingelstädt, Schullesung / Do. 31.10. Berlin, Buchhandlung Herschel / Do. 14.11. Schwerin, NDR Reihe „Der Norden liest“ / Mi. 27.11. Köln, Maternus Buchhandlung / Do. 28.11. Nartum, Kempowski Stiftung Haus Kreienhoop / Mi. 8.1.20 Berlin, Literaturforum im Brecht-Haus / Do. 12.3. Güstrow, Uwe Johnson-Bibliothek

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Siehe auch Katy Page: "All unsere Jahre"

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