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Buchtipp des Monats Juli 2019

 ©  Hartmut Fanger 

Von der abgründigen Schönheit der Kunst

David Foenkinos: „Die Frau im Musée d’Orsay“, Penguin-Verlag, München 2019, aus dem Französischen von Christian Kolb.

 

Von Beginn an lebt das Buch von dem Geheimnis umwobenen Protagonisten, Professor Antoine Duris. Wie kommt es, dass er plötzlich seinen hochdotierten Job an der Hochschule der Schönen Künste von Lyon kündigt und in Paris als Wärter im Musée d’Orsay ein neues Leben beginnt? Warum würde er am liebsten ganz verschwinden? Im digitalen Zeitalter so gut wie unmöglich. Mit Spannung verfolgt der Leser all die Hintergründe, die nach und nach zutage treten. Erzählt in diesem beschwingt leichten Tenor, der uns in französischen Lektüren stets bezaubert, bei Foenkinos allerdings bisweilen in den Kitsch driftet und sprachlich nicht immer frei von Banalitäten ist. Nichtdestotrotz gelingt es ihm, den Leser tief zu berühren angesichts des tragischen Schicksals der jungen talentierten Schülerin des Professors und Malerin Camille. Einst von Kunstlehrer Yves, dem Mann der besten Freundin ihrer Mutter, vergewaltigt und zum Schweigen erpresst. Doch der Roman zeigt auch, dass die schönen Künste eine heilende Wirkung auf die Seele  haben können. So findet Duris schließlich durch die Bekanntschaft von Camille und deren Bilder wieder zu seiner eigentlichen Passion als Professor zurück. Damit steht der Liebe zu Museumsdirektorin Mathilde Mattel nichts mehr im Wege. Seine  ehemalige Frau hingegen erwartet ein Kind von einem anderen. 

Spannend im Übrigen, wenn Duris zwar unerkannt bleiben will, sich dann aber als Wärter dazu hinreißen lässt, einen Museumsführer vor versammeltem Publikum zu berichtigen. Unkonventionell arrangiert überdies, wie aus der Beziehung zu Museumsdirektorin Mathilde langsam Zuneigung erwächst, nachdem es zuvor alles andere den Anschein hat. Sinnfällig das Figurengeflecht rund um Camille. Mit Ausnahme ihrer Psychologin weiß keiner aus ihrem Umfeld, was ihr eigentlich widerfahren ist. Dies mag nicht zuletzt auf die Isolation des Individuums im Digitalen Zeitalter verweisen, wo der Mensch zwar gläsern ist, zugleich aber ein Mangel an tragfähigen Beziehungen zu herrschen scheint, was die Katastrophe, auf die Camille zusteuert, vielleicht hätte verhindern können. 

Eine leichte, unterhaltsame  Sommerlektüre, in der das Dunkel des Bösen mit dem Licht der Schönen Künsten treffend kontrastiert. 

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin-Verlag 

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Siehe auch Arie Anwar  "Kreise ziehen"  

Buchtipp des Monats Juni 2019

 ©  Erna R. Fanger 

Was es braucht zum guten Leben 

Thomas Girst: “Alle Zeit der Welt“, Carl Hanser Verlag, München 2019

Der einstige Kolumnist und Kulturkorrespondent der TAZ, heute preisgekrönter Autor und Kulturmanager bei BMW, Thomas Girst, hat eine kleines feines Büchlein vorgelegt. Der schlichte Titel, „Alle Zeit der Welt“, ist Programm und kontrapunktisch zu der augenscheinlich das 21. Jahrhundert prägenden Erfahrung gesetzt: Die Zeit rast, entgleitet uns, während wir unablässig damit beschäftigt zu sein scheinen, ihr hinterher zu hetzen. Ein haltloser Zustand, der droht, in einem Dilemma zu münden. Der Hochgeschwindigkeitsmodus, der derzeit in nahezu allen Lebensbereichen das Tempo vorgibt, setzt uns unter Stress. Und unter Stress sind wir nicht in der Lage, über Altbewährtes hinauszugehen. Dem Gebot der Stunde zufolge sind jedoch gerade jetzt innovative Ideen gefragt, um dem Wandel, den vorzunehmen wir gezwungen sind, wollen wir unseren Planeten erhalten, angemessen zu begegnen.

Zugleich ist eben dies Ausgangspunkt für das Entstehen der hier zusammengetragenen Episoden. In dem schwindelerregenden Raubbau, den der Mensch nicht zuletzt dem Rohstoff Zeit angedeihen lässt, sucht man nach Halt. So auch Girst. Halt sowohl im Sinne von Stütze gegen besagten Verschleiß als auch im Sinne von Innehalten, sich besinnen. Dabei treibt den Autor die berechtigte Sorge um die Zukunft seiner Kinder sowie die Frage um, ob der Mensch im Zuge der Dynamik der Zerstörung von Ressourcen, von Krieg, Hass im Netz, dem Gift von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit, nicht ebenso in der Lage sei, Großes zu bewirken, ‚Wunderbares zu erschaffen’: Poesie, Bildende Kunst, Musik, wissenschaftliche oder gesellschaftliche Errungenschaften in Demokratie und Freiheit, nicht zuletzt die Weisheit der Welt-Religionen. Was es dazu jedoch zunächst bedarf, ist Zeit.

Inwieweit sich Zeit schließlich als grundlegender Rohstoff erweist für all die geistig-schöpferischen Leistungen, die Menschen seit jeher vollbracht haben, kommt in diesem Kleinod von Buch in ungemein farbiger Vielfalt zur Sprache. Es sind Momente, wo Menschen sich entscheiden ‚auszusteigen’ aus dem immer schneller sich drehenden ‚Hamsterrad’, um sich ihrer eigenen Zeitrechnung zu verschreiben und etwas erschaffen, zu dem nur sie berufen sind. Menschen, die, indem sie mutig, und sei es unter Entbehrungen, ‚ihrem eigenen Stern folgen’, wie Bob Dylan es ausgedrückt hat. 

Schon gleich zu Beginn das „Filetstück“ unter dem Titel „Der Briefträger Cheval“. Es erzählt die Geschichte des architektonischen Meisterswerks des ‚Landpostboten Ferdinand Cheval (1836-1924)’. Sohn verarmter Bauern, errichtet er innerhalb von 33 Jahren unter enormer Anstrengung seinen Palais idéal. Ein beachtliches Gebäude von der Größe eines Schlosses und barocker Stilfvielfalt, zurzeit der Surrealisten Treffpunkt  für Dichter, Künstler und Intellektuelle. Und bis heute pilgern Touristen in den kleinen Ort Hauterives im Südosten Frankreichs, um das wundersame Anwesen zu besichtigen. Darin verarbeitet all die Steine, Muscheln und Materialien, die Cheval auf seinen langen Wegen als Postbote findet. Inspiration hierzu liefert ihm ein Stein: „Der Stein ist von samtener Beschaffenheit, das Wasser hat an ihm seine Arbeit getan, der Zahn der Zeit hat diesen einen Kiesel gleich erhärten lassen. (...) wenn die Natur Skulpturen wie diese erschafft, dann verlege ich mich aufs Maurerhandwerk und die Architektur.“ 

Aber das ist nur ein, obschon markanter, Einblick in die Sphären der hier in den Fokus gerückten schöpferischen Kräfte, die, gewährt man ihnen gebührend Raum, über sich selbst hinausweisen. So greift Girst zum Beispiel auch einzelne Aspekte auf wie „Unvollendetes“, was dann auch den sinnigen Schluss des Geschichten Reigens bildet. Dabei kristallisiert sich heraus, wie das Unvollendete im Grunde das Eigentliche ausmacht, müssen wir uns im Alltag doch immer wieder mit „Stückwerk“ bescheiden. Kunst schließlich ‚entsteht selten aus Allwissenheit’. Vielmehr ist es ihr eigen, nicht aufzuhören nach Antworten auf die existenziellen Fragen, die uns umtreiben, zu suchen, und sie auf ihre ureigene Art zum Ausdruck zu bringen. 

Dazwischen reiht sich Episode an Episode aneinander, wie bunt schillernde Perlen einer märchenhaft und seltsam verwunschen anmutenden Kette. Spannend, bisweilen geheimnisvoll, dabei höchst unterhaltsam und im Plauderton erfahren wir von unzähligen Begebenheiten, die uns staunen lassen. Sei es das Phänomen der Zeitkapsel, hilflos anmutende Versuche der Menschheit Zeit zu isolieren und diese in die Zukunft zu retten. Unbedingt lesenswert auch „John Cage in Halberstadt“, wo ‚der Poetengang’, ein schmaler Kiesweg, zum Burchardi-Konvent, einer alten Klosteranlage, führt. Indessen Kultstätte für Liebhaber der Avantgardemusik: „Seit 2001 wird in den romanischen Gemäuern der Burchardi-Kirche inmitten eines ehemaligen Zisterzienserklosters sein Orgelstück Organ2/ ASLSP (oder: As SLow aS Possible) aufgeführt.“ Wobei die Aufführungsdauer auf 639 Jahre angelegt ist – „Klang aus fünf übereinandergelagerten Tönen.“ Aber auch dem Streben nach Unsterblichkeit, Phänomenen wie „Schwarze Schwäne“ – womit keiner rechnet –, Bezeichnung in der Wirtschaft für überraschende Veränderungen, die Menschen zwingen von jetzt auf gleich umzudisponieren. Des Weiteren „Ewigkeit“, „Pechtropfen“ oder „Nachhaltigkeit“, um nur einen kleine Eindruck von dem bunten Spektrum ins Feld zu führen, das hier durchstreift wird und uns jede Menge Wissenswertes über den angemessenen Umgang mit der für jeden kostbarsten Ressource überhaupt – Lebenszeit – vermittelt. Wer es darauf anlegt, beim Small-Talk zu brillieren und dabei die eine oder andere Geschichte preisgibt – durchschlagender Erfolg garantiert!

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Carl Hanser Verlag, München

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Siehe auch Arie Anwar  "Kreise ziehen"  

Buchtipp des Monats Mai 2019

© Erna R. Fanger

Herkunft – Süß-bittere Zufälle

Saša Stanišić: “Herkunft“, Luchterhand Literatur Verlag, München 2019

Vielsagend eine von vielen Definitionen Stanišićs von Herkunft, zum Besten gegeben auf seiner so gut wie ausverkauften Lesung im Hamburger Thalia Theater am 17. März 2019: eine Art überschätztes Kostüm.‚Kostüm’, abgeleitet vom lateinischen „consuetudo“, dt.: Gewohnheit, Herkommen, Sitte. Herkunft meint demnach das, was wir gewohnt sind, wowir herkommen, welche Sitten wir mitbekommen haben. Doch Stanišić greift tiefer, stellt Fragen und infrage: „Provenienz der Eltern? Gene, Ahnen, Dialekt? ... Eine Art Kostüm, das man ewig tragen soll, nachdem es einem übergestülpt worden ist.“

Die zentralen, hier ins Spiel gebrachten realen Orte, die die Herkunft des Ich-Erzählers ausmachen: 1. Višegrad, Klein- und Geburtsstadt Stanišićs; 2. Oskoruša, vergessenes Dorf in den Bergen mit überalterten Bewohnern, woher einst sein Großvater stammte, jedoch mit einem bemerkenswerten Friedhof, wo jedes zweite Kreuz mit dem Namen des Autors, Stanišić, versehen ist, und die Toten, auf deren Gräbern man Schnaps trinkt und Picknick macht, eine wunderbare Aussicht genießen; 3. Heidelberg, erste Station nach der Flucht aus Bosnien-Herzegowina, wo der Ich-Erzähler seine Jugend verbringt, wo ein Lehrer seine Gedichte in jugoslawischer Sprache liest und ihn ermutigt, auf Deutsch zu schreiben, und damit offenbar den Grundstein für seine Schriftstellerkarriere gelegt hat. Doch was sind Orte im geographischem Sinne im Gegensatz zu den inneren – im Kosmos von Stanišić ebenso Facetten von Herkunft wie Erinnerung und Fiktion, das was uns die Fantasie zuspielt.

Herkunft, zugleich ein Aspekt von Heimat und allein schon insofern überschätzt, als es das ist, woran der Mensch sich klammert. Als solches muss es Konstrukt bleiben, weil es der Wirklichkeit – in stetigem Wandel begriffen – nicht standhält. 

Der Kern von Herkunft wiederum ist das Land der Kindheit. Bei Stanišić steht dafür in erster Linie Großmutter Kristina – der Großvater bleibt Leerstelle. Später wird er in Schuhkartons nach ihm suchen und in alten Schubladen, wo die Großmutter Dokumente von ihm aufbewahrt. Und in „einem Gläschen Cognac“, einem Cognac des Großvaters, älter als der Ich-Erzähler. Die Großmutter hingegen scheint immer präsent und ist in einer herzzerreißenden Szene auch Ausgangspunkt von „Herkunft“, zugleich Anlass einer umfassende Spurensuche in eigener Sache. Da hat sie das Vergessen bereits eingeholt, da weiß sie schon nicht mehr, wer sie ist. Mit dem Begräbnis der Großmutter endet der Roman nach mehreren Anläufen, überhaupt zu einem Ende zu gelangen. Denn „Herkunft“ ist ein Anschreiben gegen das Aufhören, gegen das Schwinden der Erinnerung und letzten Endes gegen den Tod, immer und immer wieder, gegen das Aufhören von Geschichten. Wie auch ‚die Lücken der Großmutter mit Geschichten gefüttert werden’, wie Stanišić seinem Hamburger Lese-Publikum verrät. 

Und in dem Maße, wie die Großmutter ihre Erinnerungen verliert, klaubt der Ich-Erzähler sie offenbar wieder zusammen. In einem Wettlauf mit der Zeit, die über alles hinwegzufegen scheint. Nicht zuletzt, und das ist das Tragische, über die Beziehung zu der geliebten Großmutter. Sie sind sich fremd geworden im Zuge der räumlichen Trennung des Exils. Unvermeidlich. Die Brücke zwischen den Generationen scheint im Extremfall von Krieg und Flucht schneller aufgebraucht. Familienbande zerbrechen. Und man wird das Gefühl nicht los, als verlöre in gleichem Maße, wie sich dieser Bruch sich vollzieht, wiederum die Großmutter ihr Gedächtnis. Szenen aus Dekaden zuvor, wie einst das Warten auf ihren Mann Pero, wiederholen sich im Jahr 2018, die zeitliche Differenz dazwischen aufgehoben.

Aber das sind nur Grundpfeiler dieses genial organisierten Erzähl-Mosaiks, das uns Wirklichkeit vielfach widerspiegelt. Nicht linear, chronologisch, umkreist Stanišić vielmehr die Gegenstände des Erzählens immer wieder aus unterschiedlichen Blickwinkeln, durchwirkt von Erinnerungssplittern, Fragen, magischen Momenten und Geheimnis. Kein Roman im herkömmlichen Sinn also, verweben sich hier Erinnerung und Erfindung mit Zeit- und Migrationsgeschichte, Reflexion und Assoziationen. Auf die Frage hin der Großmutter, ob „Herkunft“ „ein Buch über uns“ sei, antwortet der Autor etwa: 

„Fiktion (...) sagte ich, bilde eine eigene Welt, statt unsere abzubilden, und die hier (...) sei eine Welt, in der Flüsse sprechen und Urgroßeltern ewig lebten. Fiktion (...) sagte ich, ist ein offenes System aus Erfindung, Wahrnehmung und Erinnerung, das sich am wirklich Geschehenen reibt.“

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Luchterhand Literatur Verlag, München!

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Buchpremiere „Herkunft“ mit Saša Stanišić

 Sonntag, 17. März, 20 Uhr

Thalia Theater, Großes Haus, Alstertor 2

Eintrittskarten zu 9, 12 und 18 € Mehr

 

Eine Veranstaltung des Thalia Theaters

und der Buchhandlung Cohen & Dobernigg

in Kooperation mit dem Luchterhand Literaturverlag

 

Ein Buch über Heimat, Flucht, Ankommen, Erwachsenwerden, Erinnern, Familie, Sprache und Schreiben. Ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt. Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad (Jugoslawien) geboren und lebt seit 1992 in Deutschland; nach Stationen in Heidelberg, Leipzig und Berlin jetzt in Hamburg. Sein Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ wurde in 31 Sprachen übersetzt. Sein zweiter Roman, „Vor dem Fest“, wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Für den Erzählungsband „Fallensteller“ erhielt er den Rheingau Literatur Preis. „Herkunft“ ist NDR Buch des Monats März. Mehr

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