Buchtipp des Monats Januar 2020

© Erna R. Fanger:

Im richtigen Alter, einen Porsche zu fahren

Sarah Lapido Manyika, „Wie ein Maultier, das der Sonne Eis bringt“, Hanser Berlin in der Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München 2019. Aus dem Englischen von Monika Baark.

Mit diesem Büchlein in sympathischem Tenor, Debutroman der nigerianischen Essayistin und Verfasserin von Geschichten Sarah Lapido Manyika, Jahrgang 1968, indessen in San Francisco lebend, halten wir Brechts „Die unwürdige Greisin“ reloaded und versetzt ins 21. Jahrhundert in Händen. Mit warmherziger Frische und Offenheit werden hier herkömmliche Altersbilder ver- und neue Perspektiven auf das Älterwerden entworfen. Ohne die Malaisen zu beschönigen, die die letzte Lebensphase birgt – Verlust von Weggefährten, Nachlassen der Sehkraft, Angst vor Hinfälligkeit und dem allgegenwärtigen Vergessen. Doch dem zum Trotz ist es die unverbrüchliche Neugier auf das Leben und auf die Menschen, Lust auf Sex, wenn auch nicht mehr an zentraler Stelle, die hier überwiegen. Hinzu kommen Freude der Protagonistin an farbenprächtigen Stoffen, einem veritablen Styling, high heels und nicht zuletzt die Liebe zu ihrem alten Porsche, mit dem sie durch die Straßen San Franciscos rauscht. Nicht zu vergessen – die leidenschaftliche Zuneigung zu ihren treuesten Freunden: den Büchern. Und davon besitzt die einstige Diplomatengattin und spätere Literaturprofessorin Morayo da Silva, weitgereist und wortgewandt, mehr als genug. Überdies die Fähigkeit, über dem Wunderbaren, dessen sie in Augenblicken der Begegnung gewahr wird, die Abgründe, die immer lauern, kurzerhand zu vergessen und das Leben zu feiern. Sei es im Hier und Jetzt. Sei es in der Erinnerung – Zeitebenen, die immer wieder wechseln und uns die Figur zunehmend nahebringen. Überdies lernen wir sie zugleich stets aus der Perspektive derjenigen kennen, mit denen sie Umgang pflegt, was sie in ihrem schillernden Facettenreichtum vor dem geistigen Auge des Lesers lebendig werden lässt. Angereichert mit mancherlei Referenzen an literarische Weiblichkeitsentwürfe, wie etwa Shakespeares Ophelia, die sie umschreibt und den darin scheiternden Heldinnen ein Happy End angedeihen lässt. 

Und als sie unmittelbar vor ihrem 75. Geburtstag auf dem Badewannenrand balancierend ihr Outfit für die bevorstehende Party im Spiegel überprüft, passiert es: Eine falsche Drehung, sie rutscht aus und erwacht nach Hüftbruch und Operation  © James Manik  
in einem Pflegeheim. Doch auch das stürzt sie nicht, wie man meinen könnte, ins Elend. Vielmehr macht sie dort berührende Bekanntschaften. Etwa mit der liebevoll zugewandten Bella aus Nicaragua, die trotz ihres abgeschlossenen Studiums umständehalber als Pflegerin beschäftigt ist und ihr die besänftigende Wirkung des Gottesglaubens, gerade im Alter, nahelegt. Oder mit dem hingabevoll seine demente Frau umsorgenden Reggie aus Guyana. Wie überhaupt ihre Wahrnehmung stets auf die Einzigartigkeit eines jeden fokussiert scheint. 
 

Und so endet das Ganze nach der Entlassung aus dem Pflegeheim in einem Freiheitsrausch, wo sie in ihrem Porsche noch einmal kräftig aufs Pedal tritt, durchaus im Auge, dem, was sie an Misslichkeiten noch zu erwarten hätte, ein jähes Ende zu bereiten und gegen den nächsten Baum zu fahren. Stattdessen erblickt sie wieder die Obdachlose mit ihrem Hund, die sie von Beginn an der Lektüre im Visier hat. Sie könnte womöglich ihre Hilfe brauchen. Hält an, kommt mit ihr ins Gespräch, macht sich vertraut mit deren tiefgreifenden philosophisch anmutenden Gedanken. Neue gemeinsame Perspektiven tun sich womöglich auf …

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt Hanser Berlin!

Zum Archiv

Buchtipp des Monats Dezember 2019

© Hartmut Fanger: 

Paolo Cognetti: „Gehen, ohne je den Gipfel zu erreichen“, Penguin Verlag, München 2019

Mit Gehen,ohne je den Gipfel zu besteigen knüpft Cognetti inhaltlich an sein erfolgreiches Romandebut Acht Berge(2018) an. Wieder geht es um das Erlebnis der Bergwelt. Diesmal jedoch nicht in Romanform, vielmehr werden wir Zeuge einer Reise des Autors durch den Himalaya, und zwar ganz im Sinne des bewährten buddhistischen Mottos „Der Weg ist das Ziel“. Und dieser Weg führt, gleichwohl in buddhistischer Tradition, nirgendwo hin als zu sich selbst. In der Einsamkeit der entlegensten Regionen der Bergwelt Nepals kommt es ihm dementsprechend nicht darauf an, etwaige Gipfel zu erklimmen oder gar den leuchtenden Kristallberg zu erspähen. So erweist sich besagtes Unternehmen zunehmend als Pilgerreise, auf der dementsprechend das Gehen selbst zur Mission wird. Als Vorbild hierzu diente ihm u.a. das Buch „Auf der Spur des Schneeleoparden“ von Peter Matthiessen (1978), das nach Cognetti heute noch in allen Buchhandlungen Kathmandus erhältlich ist. Nicht nur hat es Cognetti letztlich zu dieser Reise inspiriert, sondern begleitet es ihn überdies auf Schritt und Tritt. Zu allem hin ist er mit fast vierzig Jahren genauso alt wie Matthiessen, als dieser einst seine Reise antrat. Spannend schildert er den Werdegang seines Vorbilds. So hatte sich Matthiessen einst wie Hemingway oder Fitzgerald in Paris niedergelassen, wo er zu den Gründern der legendären Literaturzeitschrift „Paris Review“ gehörte, schließlich zum Umweltschützer avancierte, um sich später, nach umfangreicher Drogenerfahrung, dem Buddhismus zuzuwenden.  

Cognettis Weg in Nepal wiederum ist insofern nicht unwesentlich von der Erfahrung meditativer Einsichten und tiefgreifender Erkenntnis geprägt. „Selbst wenn man nicht weiß, wonach man sucht, ist ein Wildbach der beste Weg, dem man nur folgen kann“, heißt es an einer Stelle. „Er gibt unbeirrbar die Richtung vor, führt bis zu seiner Quelle, und während man zusehen kann, wie er immer klarer wird, spürt man, wie man nicht nur seiner, sondern auch der eigenen Läuterung entgegengeht!“ 

Dabei trifft er immer wieder auf tibetische Klöster und Mönche, wie zum Beispiel Shey Gompa, für ‚den vierzig Jahre wie in einem Wimpernschlag verflogen’ sind: „(...) ganz ohne Entdeckungen und Erfindungen, Kriege, Revolutionen, Jugendbewegungen, untergegangene Reiche und Ideologien, ganz ohne Musik und Literatur.“ Und immer wieder macht er Entdeckungen, die ihn staunen lassen. So zum Beispiel die größte Ansammlung von Gebetssteinen, die der Autor auf einem Gelände hinter einem Kloster findet, wo er eigentlich einen Friedhof vermutet hatte.  

Nicht nur veranschaulicht durch die plastischen Beschreibungen

der Bergwelt, des kargen Landes und der darin nicht selten anzutreffenden schillernden Persönlichkeiten, erzeugen darüber hinaus die mit feinem Pinselstricht geführten, detailgetreuen Zeichnungen Cognettis zugleich eine unmittelbare Nähe zu dem Autor und seinem Kosmos. 

Unbedingt empfehlenswert und denjenigen als Lektüre zwischen den Jahren ans Herz gelegt, die nach Sinn, wahrhafter Natur und meditativem Bewusstsein streben.

 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin Verlag, München 2019 

  Zum Archiv

Buchtipp des Monats November 2019

 © Hartmut Fanger: 

Axel Hacke: Wozu wir da sind. Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben“, Verlag Antje Kunstmann, München 2019

Der Autor und Kolumnist Axel Hacke wagt sich mit seinem Buch „Wozu wir da sind“ an ein noch immer tabuisiertes Thema: Sein Held Walter Wemut schreibt seit über dreißig Jahren Nachrufe für eine Zeitung – „eine eigene Seite nur für die Toten und für mich.“ Dementsprechend geht es also vornehmlich um den Tod. Diametral dazu das Paradox, als er den Auftrag erhält, über das gelungene Leben einer achtzigjährigen Freundin zu schreiben. Zusehends evident wird, dass sich die scheinbar unversöhnlichen Pole, Tod und Leben, Leben und Tod, nicht voneinander trennen lassen. Nicht von ungefähr von daher auch das Motto seiner Seite: „Die Toten der Woche./That*s life“. Und so steckt in diesem Buch gleichermaßen die Fülle eines prallgefüllten, bunten Lebens. Und Axel Hacke versteht es in dem von ihm versiert eingesetzten Plauderton im Stil seiner Zeitungskolumnen, dem Unausweichlichen eine Sprache zu verleihen. Zugleich vermittelt sich aber auch Daseinsfreude im Zuge der so spannenden wie lesenswerten Auseinandersetzung mit der Frage, inwieweit ein Leben gelingt, ob es überhaupt möglich ist, diesbezüglich vom Scheitern zu reden. Tiefgreifende Reflexionen, gespickt mit Anekdoten und Zitaten bekannter Dichter wie Rilke oder Schriftsteller wie Stephan Zweig und sein „Die Welt von Gestern“ oder George Simenon und dessen Kommissar Maigret, illuster inszeniert. Aber auch Musiker und Bands, wie George Harrison, John Lennon und Yoko Ono sowie Jethro Tull mit ihrem Album „Locomotive Breath“ sind mit von der Partie. Besonders aussagekräftig die Gedanken über Leonard Cohen. Erst nach dessen Tod im November 2016 ist dem Protagonisten dessen Bedeutung anhand der berühmten Zeilen des Liedes „Anthem“ überhaupt bewusst geworden. Bezeichnend die Strophe, in der es um jenen Riss in allem geht. Zum einen Defekt, zum anderen jedoch zugleich die Möglichkeit, dass eben jener Riss dazu angetan sei, Licht freizusetzen. Nach Cohen heißt es seitens des Protagonisten: „Es gebe keine perfekten Lösungen, nirgendwo, schlimmer noch, die Welt sei voller Risse. Aber genau dort dringe das Licht ein, und genau dort liege die Möglichkeit zur Umkehr, zur Reue. In der Konfrontation mit der Kaputtheit der Dinge“. Und vielleicht liegt ja gerade hierin das Geheimnis eines gelungenen Lebens. Dementsprechend auch das Fazit: „Halten Sie Kontakt zur Welt. Überprüfen Sie ab und zu die Drähte dorthin. Lächeln Sie einen Kaktus an! Achten Sie auf die Risse in den Dingen und den Menschen. Seien Sie bereit, falls das Glück Sie aufsuchen möchte. “

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Antje Kunstmann Verlag in München                                                                                                                 Zum Archiv

Axel Hacke On Tour

Lesung mit Axel Hacke

Axel Hackes Lesungen sind Unikate, kein Abend ist wie der andere. Da hockt nicht einer hinter einem Tisch mit Wasserglas und Lampe und trägt aus seinem neuen Buch vor, wie das üblich ist, nein, Hacke sitzt auf einem Stuhl, redet über das Leben, erzählt von seiner Arbeit und hat alles dabei, was er im Leben geschrieben hat, na gut, eine Menge von dem – und das ist sehr viel: tausende von Kolumnen aus dem Magazin der Süddeutschen Zeitung und dazu einen Stapel von Büchern, vom Kleinen Erziehungsberater bis zur legendären Wumbaba-Trilogie über missverstandene Liedtexte, von den sehr lustigen Speisekarten Oberst von Huhns bis zu seinem Werk Über den Anstand in schwierigen Zeiten .... Und natürlich geht es, sehr ausführlich sogar, diesmal auch um sein allerneuestes Buch: Wozu wir da sind. Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben, der ebenso furiose wie entspannt-heitere Monolog eines hauptberuflichen Nachruf-Autors über die großen Fragen unserer Existenz. So entsteht jeden Abend – wenn es gut geht (und meistens geht es ja doch gut) – ein neues kleines Lese-Kunstwerk, in dem die hergebrachten Trennungen von ernst und unterhaltsam nichts bedeuten, weil in so einem Abend alles drin ist, das Heitere, das Philosophische und das brüllend Lustige. Man weiß nur vorher nie so genau: was?

Homepage:https://www.axelhacke.de/

Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie hier.

Tourdaten für 2019:

Axel Hacke liest im September 2019 

16.09.2019  in Lübeck, 17.09.2019 in Kiel, 18.09.2019 in Lüneburg, 19.09.2019 in Uslar, 23.09.2019 in Berlin, 

im Oktober 2019  

01.10.2019  mit Mauder: „Wozu wir da sind“  in Hamburg, 10.10.2019 in Schliersee,  11.10.2019 in München, 15.10.2019 in Nürnberg, 19.10.2019, Axel Hacke präsentiert „Wozu wir da sind“ in Frankfurt am Main, 

Im November 2019 

04.11.2019 in Erfurt, 05.11.2019 in Magdeburg, 06.11.2019 in Zwickau, 07.11.2019 in Ansbach, 12.11.2019 in München, 13.11.2019 in Eggenfelden, 14.11.2019 in Oberhaching, 18.11.2019 in Albstadt-Tailfingen, 19.11.2019 in Friedrichshafen, 20.11.2019 in Freiburg, 21.11.2019 in Weinheim, 29.11.2019 in Dresden, 30.11.2019 in Potsdam,

Im Dezember 2019

03.12.2019 in Leipzig, 05.12.2019 in Penzberg, 11.12.2019 in Weißenburg, 12.12.2019 Hacke und Mauder: „Wozu wir da sind“ in Freising, 17.12.2019 in Berlin, 18.12.2019 in Neuruppin,  19.12.2019 in München

 

 

Fernschule
www.schreibfertig.com - Schreibschule
Schreibschule Fernschule
Die Schreibwerkstatt in Hamburg
Schreibschule
Fernschule Kreatives Schreiben

Die offene Schreibgruppe

schreibfertig.com 

präsentiert ihre Texte

Lokale Schreibwerkstätten

Unsere Autorinnen in der Post's Gallery 

Unser Lektorat  

Hier können Sie unser aktuelles Programm abrufen und herunterladen:  

Frühere Newsletter im  Archiv

Aktuell im Februar 2020
Newsletter02-20e.pdf
Adobe Acrobat Dokument 1.1 MB
Schreibschule
Fernstudium