Buchtipp des Monats Mai 2020

Hartmut. Fanger:

Buchtipp des Monats März - April 2020

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com:

  Vier Freundinnen und ein Mann, der alles verändert   

Julia Holbe: „UNSERE GLÜCKLICHEN TAGE“, Penguin Verlag, München 2020

Es sind die Szenen einer innigen Freundschaft zwischen vier Frauen, die dieses Debut der Luxemburger Autorin und einstigen Lektorin des renommierten S. Fischer Verlages so lesenswert machen. Authentisch führt Julia Holbe in „UNSERE GLÜCKLICHEN TAGE“ die alljährlich sich wiederholenden, unbeschwerten Sommerferientage an der französischen Atlantikküste vor Augen. Ein Meer voller Träume, Gemeinsamkeit, gegenseitigem Verständnis und Zusammenhalt. Urlaube, wie sie im wahrsten Sinne des Wortes im Buche stehen. Lange Abende am Strand, gutes Essen und so    manches Glas Wein, das man genießt. Aber auch von Verrat und Tod und Trennung ist die Rede. 

Neben anschaulichen Naturbeschreibungen ist es vornehmlich die      aus den Fugen zu geraten drohende Gefühlswelt der Protagonistin     und Ich-Erzählerin Elsa, die den Leser in den Bann ziehen. Sie       verliebt sich ausgerechnet in Sean, den einzigen Mann in der Runde. Sogar ihre Heimat würde sie für ihn verlassen und für immer mit ihm nach Irland ziehen. Jener geheimnisvolle Sean, der kommt und geht   und unverhofft wieder in Erscheinung tritt, um im nächsten Moment schon wieder zu verschwinden. Die Begegnung mit ihm hat für Elsa  alles auf den Kopf gestellt, in ihr eine ‚schreckliche, entsetzliche Sehnsucht’ geweckt, am Ende das Gefühl, ‚nichts mehr im Griff’ zu haben'.  

So berührend wie treffend der grundlegend melancholische Tenor, der sich in den tragischen Handlungsverlauf einschreibt. Und es ist die Magie, die dem Ganzen anhaftet, sei es der Landschaft, dem Meer    und dem Sommerhimmel, sei es dem Verliebtsein, was wiederum     "Lust am Text“ evoziert. So ist Elsa der Meinung, dass Sean ‚ohne Zweifel über magische Fähigkeiten’ verfügt oder der Sommer für sie‚   seit ihrer Kindheit etwas Magisches gewesen sei’. 

Geschickt hält die Autorin den Leser bei der Stange, indem sie vor   allem in dem einen wichtigen Punkt über weite Strecken nur in Andeutungen verfährt: Es muss etwas Gravierendes, alles infrage Stellendes in der Beziehung zwischen Elsa und Sean vorgefallen      sein. Doch was, das soll an dieser Stelle nicht verraten werden.  

Ein Buch, das einerseits in Ferienstimmung versetzt, andererseits      zum Nachdenken über die Phänomene Liebe und Tod anregt.  

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

Julia Holbe: „UNSERE GLÜCKLICHEN TAGE“

 

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin Verlag                                                                Archiv

Buchtipp des Monats Februar 2020

  © Erna R. Fanger 

  Glanz und Abglanz des Erfolgs

James Wood, „Upstate“, Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. Aus dem Englischen von Tanja Handels.

Mit „Upstate“ hat der bekannte britische Kritiker, Essayist und Romancier James Wood eine Art Kammerspiel inszeniert, in dem nicht nur von Beginn an die Brüchigkeit der Figuren offen zutage tritt, sondern dieselben zugleich als Repräsentanten einer in sich zerrissenen Mittelschicht fungieren, deren äußerlicher Erfolg zunehmend bröckelt. So spielt sich das Ganze im Wesentlichen zwischen Protagonist Alan Querry, 68, ansässig in Nordengland, und seinen beiden Töchtern Vanessa und Helen ab. Alan, der mit Immobilien bis vor kurzem eine Menge Geld gemacht hat, jedoch seit drei Monaten in finanziellen Schwierigkeiten steckt und sich Sorgen machen muss, weil er die Seniorenresidenz für seine Mutter nicht mehr bezahlen kann. Zu allem hin quält ihn, wie er ihr das beibringen soll. Selbst linksliberal, ist ihm die eher rechte politische Gesinnung seiner zehn Jahre jüngeren Frau Candace zwar nicht genehm, jedoch nicht wirklich ein Hindernis. Sieht er in ihr doch seine Rettung vor Einsamkeit und Alter. Paradebeispiel für die nicht selten skurril anmutenden Widersprüche, in denen sich die Vertreter der gehobenen Mittelschicht häufig verstrickt sehen, ist wiederum Candace in ihrer Eigenschaft als erfolgreiche Unternehmensberaterin, die sich indessen zur buddhistischen Psychotherapeutin ausbilden lässt. Gleichwohl von Erfolg gekrönt die Karriere der beiden Töchter. Während Helen an der Spitze des Musik-Managements eines Konzerns wirkt, dabei unter dem zunehmenden Stress leidet und ihren hochdotierten Job am liebsten an den Nagel hängen würde, lehrt Vanessa hingabevoll Philosophie an einer kleinen amerikanischen Privat-Universität, wird jedoch immer wieder von Depressionen heimgesucht. Soweit das Personal. 

Der Plot dreht sich im Kern um Vanessa. Zwei Jahre älter als Schwester Helen, hat sich von früh auf der Unterschied in Temperament und Charakter der beiden abgezeichnet. Helen, extrovertiert und in der Lage, Glück in ihr Leben zu ziehen, Vanessa, eher in sich gekehrt und zu Depressionen neigend. Und als deren neuer Freund und Geliebter Josh Helen benachrichtigt, sie sei die Treppe heruntergefallen, und mutmaßt, dass Absicht hier im Spiel gewesen sei, informiert Helen wiederum ihren Vater und sie beschließen, nach Upstate New York in die USA zu fliegen, um nach Vanessa zu sehen. 

 Dies wiederum stellt den Rahmen für eine umfassende Auseinandersetzung um Fragen existenzieller Natur nach dem Woher, Wohin und Wozu. Und so kommt auch noch einmal das Trauma zur Sprache, wo die Mutter, indessen verstorben, Mann und die beiden kleinen Mädchen hatte sitzen und die Familie verlassen hatte. Umstand, der zwar beide tief getroffen, jedoch Vanessa, im Gegensatz zu Helen, bei weitem mehr verstört hat. 

Die Versuche Alans und Helens  Vanessa zu helfen hingegen muten hilflos an. Allein gemeinsam darüber zu sprechen, den Fragen nachzugehen, die sich stellen, etwa warum der eine glücksfähig, der andere wiederum von seinen melancholischen Neigungen beherrscht wird, bringen die Figuren einander näher. Auch kommt heraus, dass Josh sich Vanessa und ihren Depressionen nicht gewachsen sieht, nicht weiß, ob er eine enge Verbindung zu ihr auf die Dauer durchstehen würde, was er aber nur Alan offenbart. Die taffe Helen leidet neben dem Stress, dem sie permanent ausgesetzt ist, unter der Trennung von ihren Kindern, während sie ihren Mann Tom, der ihr offensichtlich wenig helfen kann, kaum vermisst. Alan wiederum ...

 ... blickte auf das Band eines Lebens, auf das BandseinesLebens, und er blickte auf das  Ende dieses Lebens; und ganz in der Ferne, am weiten, diffus sonnenhellen, unsichtbaren Horizont, da war der Tod und alle Toten, die einstigen und die künftigen ..." LESEPROBE

 

Damit kommt der Roman sozusagen auf den Grund. Und es hat etwas Erlösendes, zum Kern der Dinge vorzudringen, den Fragen um Liebe und Tod, da, wo wir zur Wahrhaftigkeit genötigt werden. In diesem Sinne hat der Prozess, dem sich die drei Protagonisten zu stellen bereit sind, am Ende keine Lösung parat, stattdessen wartet er allein durch die Bereitschaft der Figuren, einander anzuhören, mit erlösenden Momenten auf. Und während noch die Messlatte des Erfolgs bei allen Figuren dramatisch ins Wanken gerät, scheinen sie im Aufeinanderzugehen Linderung ihrer existenziellen Nöte zu erfahren. 

In stilistischer Hinsicht besticht der Roman durch die vielen Details und minutiösen Beobachtungen, was an manchen Stellen in überbordender Manier aber auch zu kippen droht oder schlicht redundant wird. So, wenn wir zu Beginn gleich mehrmals hintereinander zu lesen bekommen, dass der Protagonist die teure Unterbringung seiner Mutter nicht länger aufrechterhalten kann. Oder wenn etwa in Klammern erklärt wird, dass „faltern“ eine Wortschöpfung aus ‚altern’ und ‚Falten’ sei, wo An- und Abführungszeichen als Wink für den Leser im gegebenen Kontext durchaus genügt hätten, dass er von selbst darauf gekommen wäre. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt Verlag GmbH Hamburg                                                                                                           !Archiv

Weitere Buchtipps

   © Hartmut Fanger

Prophet mit Herz und Empathie

Yavuz Ekinci„Die Tränen des Propheten.  Verlag Antje Kunstmann GmbH, München 2019. Aus dem Türkischen von  Oliver Kontny 

Hervorstechendes Merkmal des Ich-Erzählers und Protagonisten Mehdi – seit seiner Begegnung mit Erzengel Gabriel zum Propheten berufen – ist seine Fähigkeit zur Empathie. Zumal angesichts unablässig auf die Erde hereinbrechender Katastrophen. Immer wieder bricht Mehdi in Tränen aus. Sei es, wenn wieder einmal ein Terroranschlag, kriegerische Auseinandersetzungen und Blutvergießen stattgefunden haben, oder er sich mit Hass und Hetze im Internet konfrontiert sieht. Und immer deutlicher zeichnet sich ab: Er würde den Kampf gegen das Böse aufnehmen, stattdessen mit einer Friedensbotschaft aufwarten. Allem voran wiederum ist es der dem Autor eigene Humor, womit es Yavuz Ekinci gelingt, das Ganze trotz eindringlicher Schilderung menschlichen Leids und Elends lesbar zu halten. Und selbst wenn er einmal an der Welt zu verzweifeln droht, ist dies nicht frei von Selbstironie, was nicht zuletzt den Reiz der Lektüre ausmacht:

Was ist nur aus der Welt geworden. Ich muss mich beeilen. Je länger ich zögere, desto mächtiger wird das Böse. Ich habe keine Zeit mehr. Ich bin Prophet. Ich bin doch geschickt worden, um das Himmelreich Gottes auf Erden herabzubringen“, sagte ich vor mich hin und ging in einen Baumarkt ...  Leseprobe

Nicht ohne Augenzwinkern seitens des Autors wiederum vernimmt der Leser,  dass sich schon zur Zeit von Mehdis Geburt die seltsamsten Dinge ereignet hätten. Wie aus einem Lehrbuch für autobiographisches Schreiben wird dieser Zeitpunkt im Kontext geheimnisvoll, ja mysteriös anmutender historischer Begebenheiten verortet und somit zu einem besonderen Ereignis stilisiert. Ganz nach dem Vorbild Goethes, der in „Dichtung und Wahrheit“ in der besonderen Sternenkonstellation von Sonne, Jupiter und Mars zum Zeitpunkt seiner Geburt um 12 Uhr ein Zeichen sah. Auch hier wieder im feinen selbstironischen Tenor heißt es bei Ekinci, dass in der Geburtsnacht seines Helden ‚geheimnisvolle Dinge überall auf der Welt geschahen’. Der Legende nach sollen Ufos gesehen worden, ein Flugzeug mit einhundertzweiundsechzig Passagieren verschwunden, Decken in Tempeln, Kathedralen und Moscheen eingestürzt, gar ein ‚Haifisch mit zwei Köpfen aufgetaucht sein.

Doch damit nicht genug. Mangelt es Mehdi in seiner Funktion als Prophet zunächst an Durchsetzungs- und Überzeugungskraft, besteht nun seine Aufgabe vornehmlich darin, an sich selbst zu arbeiten, sich zu entwickeln, um seine Botschaft am Ende in die Welt setzen zu können. Köstlich, wenn dies etwa an seinem Kampf mit einem Hühnerauge, dem er mit einem Hausmittel im wahrsten Sinnes des Wortes zu Leibe rückt, beinahe zu scheitern droht. 

Betrachten wir wiederum die opulente Büchersammlung Mehdis, wird schnell klar, woher er seine Botschaften nimmt. Dabei geht’s quer Beet durch die Religionen. Sei es der ‚Koran, den er besser kannte als mancher Imam, seien es die Gleichnisse in den Evangelien, die Bibelzitate, mit denen er gern ein Gespräch eröffnet, oder die Thora, der er geradezu verfallen war’ ... Undogmatisch, melancholisch, zugleich heiter, folgen wir den Wegen und Irrwegen des Protagonisten. Und bei all den dabei verhandelten Erkenntnissen aus den großen monotheistischen Welteligionen ein zugleich hoch aktueller wie brisanter Roman. Kurz: Ein Lesespaß mit Tiefgang, wie wir es uns für zwischen den Tagen nur wünschen können. 

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag Antje Kunstmann, München 2019  

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  © Hartmut Fanger: 

Sex, Drugs & Rock’n Roll in der Wendezeit

 

 Gregor Sander: „Alles richtig gemacht“, Penguin-Verlag, München 2019.

Schlimmer könnte es kaum kommen für den Protagonisten Thomas Piepenburg im jüngsten Roman von Gregor Sander: Sein Freund Daniel taucht nach langer Abwesenheit wieder auf; die Frau ist, zusammen mit den gemeinsamen Kindern, auf und davon; und in seinem Beruf als Anwalt sieht es auch nicht gerade rosig aus

Erzählt wird vom Leben in der ehemaligen DDR, sprich von Erinnerungen an Rostock und Berlin, an Zeiten, in denen sich selbst für die noch in einigermaßen gesicherten Verhältnissen lebenden Eltern des Protagnisten das Diktum Kempowskis „Uns geht’s ja noch gold“ nicht mehr aufrecht erhalten ließ. Eindringlich schildert Sander aber auch die Veränderungen, die sich zur Zeit der Wende einstellen. Von der Bedrohung seitens der Neo-Nazis und ihren Schlägern bis hin zu den alltäglichen Fluchten in Drogenrausch,später in Reisen nach Irland oder in die USA, wo das Ganze aufgrund eines Kunstschwindels zeitweilig in einen Krimi mündet. Dazwischen immer wieder Spielarten der Liebe. Von einer Männerfreundschaft, wechselhaften Beziehungen bis hin zur ménage à trois. Schnörkellos und unterhaltsam geschrieben. Der Autor versteht sein Handwerk, arbeitet gekonnt mit Auslassungen, die Spielraum für eigene Interpretationen gewähren. Spannend, dabei mit jeder Menge Überraschungen aufwartend. Etwa wenn die Freunde nach zahlreichen Streitigkeiten immer wieder zusammen kommen, Freund Daniel nach Irland geht und Piepenburg ‚den Traum von Frau’, die Assistentin und wahrscheinlich Geliebte des einstigen DDR-Maffiosi Iwan, wegschnappt, wofür Letzterer schließlich büßt. 

Inwieweit sich am Ende der verheißungsvolle Titel ‚alles richtig gemacht’ tatsächlich erfüllt hat, bleibt offen und erweist sich eher als ironischer, ja fast schon provokanter Tenor. Stellt sich doch von Beginn an die Frage, was daran ‚richtig’ gewesen sein mag, inwieweit Kategorien wie richtig und falsch nicht von vornherein unangemessen sind. Den Leser regt es an, sich über den Roman hinaus, seine eigenen Gedanken zu machen. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin-Verlag 

 Gregor Sander ist auf Lesetour:

Mo. 2.9. Rostock, Thalia Buchhandlung / Mi. 4.9. Oldenburg, Musik- u. Literaturhaus »Wilhelm 13« / Mo. 9.9. Berlin, Kulturbrauerei, Palais, BERLINER BUCHPRÄSENTATION (in Kooperation mit der Georg-Büchner-Buchhandlung) / Fr. 13.9. Leipzig, Literaturhaus / Mi. 18.9. Berlin, Thalia Gesundbrunnen / 17./18./19.10. Frankfurt, Buchmesse (Lesung bei open books am 18.10.) / Di. 22.10. München, Seidlvilla (in Kooperation mit dem Tukan-Kreis) / Do. 24.10.Teistungen, Grenzlandmuseum (i.R. des Göttinger Literatur Herbstes) / Fr. 25.10. Dingelstädt, Schullesung / Do. 31.10. Berlin, Buchhandlung Herschel / Do. 14.11. Schwerin, NDR Reihe „Der Norden liest“ / Mi. 27.11. Köln, Maternus Buchhandlung / Do. 28.11. Nartum, Kempowski Stiftung Haus Kreienhoop / Mi. 8.1.20 Berlin, Literaturforum im Brecht-Haus / Do. 12.3. Güstrow, Uwe Johnson-Bibliothek

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Siehe auch Katy Page: "All unsere Jahre"

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