Buchtipp des Monats Mai 2020

© Hartmut. Fanger:

Meisterhafte Präzision

 

William Trevor: „Letzte Erzählungen“, aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2020

 

Wer „Letzte Erzählungen“ des 2002  von Elisabeth II zum Ehrenritter geschlagenen und 2016 verstorbenen irischen Schriftstellers William Trevor in Händen hält, dem wird sehr schnell klar, dass es sich hierbei um ein Werk von Rang handelt. Zehn meisterhafte Erzählungen – ein literarisches Kleinod. Nahezu jeder Satz von existentieller Dimension. Dicht geschrieben, den Leser fordernd, zugleich mitreißend und bis ins kleinste Detail genau. Darüber hinaus anrührend und zum Nachdenken animierend. 

Vergänglichkeit das Stichwort. Immer wieder ist von Endlichkeit, von Einsamkeit und Tod die Rede. Einfühlsam und mit Empathie führt Trevor seine Figuren vor Augen. Melancholisch der Grundtenor.  „Mitten im Leben sind mit dem Tod umfangen ...“ tönt es von Orgel und Chor während der kirchlichen Trauerfeier in „Das unbekannte Mädchen“, was zugleich Leitsatz vieler dieser Erzählungen sein könnte.

Dabei sind in den Haupterzählstrang stets Nebenhandlungen eingebettet, die sich an bestimmten Punkten, wie nach einem geheimen Strickmuster, wieder zusammenfinden. So zum Beispiel das Treffen zweier Frauen „Im Caffé Daria“, wo nach und nach herauskommt, dass sie ein und denselben Mann geliebt haben, von dem sie aus ihrer Erinnerung heraus sprechen. Eine Geschichte, in der es insbesondere um ein Haus, Schicksal, um Freundschaft, Liebe, Verzweiflung und um besagten Tod geht.

In „Mrs Crasthorpe“  wechseln sich zwei Erzählperspektiven ab. Da ist Etheridge, der seine Frau verloren hat und dies nicht fassen und akzeptieren kann. Dann die Titelheldin Mrs Crasthorpe, die in Kontrast hierzu die Rolle der ‚lustigen Witwe’ bevorzugt. Letzteres ist Etheridge natürlich zuwider. Die daraus entstehende Spannung beherrscht den gesamten Text, mündet an einer Stelle in den für das Ganze paradigmatischen Satz: „Ihre Avancen wurden von seinem anhaltenden Zorn über die gleichgültige Gier des Todes überlagert und kaum wahrgenommen.“   

Paradebeispiel für mit Raffinement verschlungene Erzählperspektiven ist „Mr. Ravenswood“, wo sich besagter Titelheld mit der ihm sympathischen Bankangestellten im Restaurant einfindet und im Gespräch herauskommt, dass er vornehmlich von seiner Frau spricht, die bei einem von ihm verschuldeten Verkehrsunfall gestorben ist. Erzählt wird dies jedoch nicht aus der Perspektive des Titelhelden, sondern von der Bankangestellten in einem Moment, wo sich sie sich, im Park ein Sandwich verzehrend, eben daran erinnert.

Und doch sind die Geschichten bei allem Todesschwangeren zugleich prall gefüllt von Leben, treffen sich die Menschen in einer so hektischen Großstadt wie London auf Straßen, Plätzen und in gut besuchten Cafés. Das Ganze kunstvoll arrangiert und gewürzt mit jeder Menge sinnlicher Momente. So zum Beispiel, wenn in das ‚Caffé Daria Geschäftsleute hereinströmen, um das Frühstück nachzuholen, Freunde und Stammgäste nach Zeitungen greifen, die Croissants berühmt sind, das mittägliche Rührei mit geräuchertem Lachs als das beste von London gilt ...’

Bezeichnend, dass sich jede Seite in der großartigen Übersetzung von Hans-Christian Oeser gleich mehrfach zu lesen lohnt. Immer wieder kann man auf Entdeckungen stoßen, die einem beim ersten Lesen entgangen waren. Und  immer wieder gibt es insofern auch Überraschungen. So revidiert der oben bereits erwähnte Etheridge am Ende seine Meinung von Mrs Catherope und versucht ‚das Rätsel’ um ihre Person zu ergründen: „Er ehrte das Geheimnis einer lästigen Frau und sorgte dafür, dass es gewahrt blieb.“ 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2020 

iehe auch Buchtipp des Monats Dezember 2015

William Trevor: "Ein Traum von Schmetterlingen"  und Archiv

Buchtipp des Monats März 2020

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com: Geliebte Helden ...

 

Gudrun Hammer: "Lieberkühn",       edition wohlwill, Hamburg 2017

Bekanntermaßen haben es Kurzgeschichten, Storys oder Erzählungen nicht gerade leicht, an den Leser gebracht zu werden. Ein Phänomen, zumal es sich dabei in der Regel um kleine Kunstwerke handelt, die dem Autor einiges Knowhow abverlangen. Nicht zuletzt geht es darum, mit möglichst wenigen Worten möglichst viel auszusagen und dabei beredt zu verschweigen, was die Fantasie des Lesers umso mehr anregt, diesen aktiv ins Geschehen zu involvieren. 

Gudrun Hammer beweist in ihrem 13 Geschichten und 187 Seiten umfassenden Band „Lieberkühn“, dass sie ihr Metier beherrscht. Und sie liebt ihre Figuren. Sei es, wenn in „Anettes Reich“ vom Atelier einer Malerin außergewöhnlichen Charakters die Rede ist, oder in „Schuldlos“ davon berichtet wird, wie Marion Giese ihre Einstellung zu dem verstorbenen Chef und Psychiater Dr. Broszat auf ihre ganz eigene Weise nahebringt. Gewagt dann am Schluss der Teil über „Die Ängste des Seemanns vor dem Land“, was allein schon von der Namensgebung her des Kapitäns, „Hammer“, autobiographische Züge erwarten lässt. 

Und immer wieder entführt uns die Autorin in die Welt der Wörter und Buchstaben. Sei es in der Titelgeschichte „Lieberkühn“, wo sich die Protagonistin Beatrice im Zuge der Untreue und Unehrlichkeit ihres Partners dessen Briefe im wahrsten Sinne des Wortes einverleibt. Oder Hans, dem angesichts der Lektüre des  Manuskriptes seiner schreibwütigen Partnerin Greta im Umfang von neunhundertundsechs Seiten der Kopf schwirrt und dem die Buchstaben vor seinen Augen tanzen. Greta wiederum, die, sich ihren Traum erfüllend, völlig in ihren Geschichten und Romanen aufgeht, selbst des Nachts im Traum mit ihren Figuren spricht und ihn am Tage kaum mehr wiedererkennt. Überdies verleiht dem Ganzen manch’ literarische Anspielungen Substanz. So etwa in „Die Suche“, wo der in einer Krise steckende, weithin bekannte Erfolgsautor Martin W. die Hamburger Bücherszene nervt. Oder gleich zu Beginn, wo nicht ohne ironischen Tenor Arthur Schnitzlers „Der Reigen“ ins Spiel und in Zusammenhang mit den dort um den Beischlaf konstruierten Dialogen gebracht wird. Alles in allem ein Lesevergnügen par excellence, raffiniert eingefädelt und stets mit Augenzwinkern.

 Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt der edition wohlwill 

Siehe auch  Poet's Gallery November 2019  

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Buchtipp des Monats Dezember

© Erna R. Fanger

Mikrokosmos des Alltäglichen 

Stewart O‘ Nan: Henry Persönlich“, Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel.

Mit diesem 500-Seiten Schmöker wendet O’Nan den Blick noch einmal zurück, handelt es sich doch um das letzte Buch einer Art Trilogie rund um das Leben der Maxwells, beginnend mit  Abschied von Chautauqua (2005), gefolgt von Emily allein (2011) – zum Bestseller avanciert –, in dem ihr Leben als Witwe nach dem Tod von Henry zur Sprache kommt.

Wobei „Henry persönlich“ ein Phänomen ist. Es passiert im Grunde nichts. Nichts Nennenswertes. Vielmehr handelt es sich um das Altersporträt des Titelhelden Henry Maxwell, einem ehemaligen Ingenieur, der seinen handwerklichen Fähigkeiten mit der ihm eigenen Akribie nun in seinem Ruhestand im Eigenheim frönt. Zugleich liegt uns hier das Porträt des Vertreters einer ‚aufgeräumten‘ amerikanischen Mittelschicht vor, deren Leben konventionell in geordneten Bahnen verläuft. Allein ist es Stewart O’Nans detailgetreuer Blick auf das Innenleben seines Helden, geprägt von Empathie und Zärtlichkeit, der den Leser in den Bann zieht. Auf Anhieb gewinnt der mit Alter und Hinfälligkeit kämpfende Protagonist umso mehr unsere Sympathie. 

So erlebt der Leser in an die 100 überschaubaren kleinen Kapiteln mit Henry und seiner Familie – vornehmlich seine Frau Emily, mit der er seit fast 50 verheiratet ist, und der kauzig gezeichneten, ledigen älteren Schwester Arlene – den Jahreskreis. Dabei nehmen wir teil an den sich wiederholenden Ritualen. Vom Valentinstag über Ostern, Sommerferien in Chautauqua, Thanksgiving und Weihnachten – wobei in den Ferien und jährlich wiederkehrenden Festen stets das Wiedersehen mit den geliebten Enkeln den Mittelpunkt bildet. Und so beschaulich und wohl sich der Alltag von Henry und Emiliy gestalten mag, lebt das Ganze letzten Endes von der Spannung des guten Lebens, konterkariert durch die Angst vor sozialem Abstieg, wie in unmittelbarer Umgebung spürbar, nicht zuletzt aber die Erfahrung von Hinfälligkeit und der Furcht vor dem nahenden Tod. ‚Es kann jederzeit passieren’, meint er zu Emily, die sich darüber erbost und sich dem Gedanken energisch verweigert. Auch macht ihm etwa zu schaffen, als er ein Verkehrsschild übersieht und ‚um ein Haar’ frontal mit einem Schulbus kollidiert. Als er Emily zum Valentinstag feudal zum Essen einlädt, kämpft er zwischen kulinarischer Genuss-Kultur, Champagner und Krabbencocktail mit Magenproblemen: „Als er sein zweites Glas Champagner zur Hälfte geleert hatte (...) sah er plötzlich im Fenster sein Spiegelbild, seinen gespenstischen Zwilling, der über dem Abgrund schwebte.“Leseprobe Und während er auf dem Rückweg auf die Kabine wartet, die sie von der Anhöhe, wo ihr Lokal lag, wieder zurück ins Tal brächte, nimmt er die stetig sich verändernde, unter ihnen sichtbare Skyline von Pittsburgh wahr, ‚sich mal wieder des Gefühls erwehrend’, „der Vergangenheit anzugehören“. LeseprobeGanz zu schweigen von der alkoholkranken Tochter Margaret, deren Ehe gefährdet ist und um die er und Emily sich stets sorgen.

Zugleich bilden Erinnerungen die Kehrseite des Buches, die allenthalben aufbrechen und in denen Kindheit und Jugend Henrys zum Tragen kommen. Nicht zuletzt die einschneidende Erfahrung des Zweiten Weltkriegs in Europa. Aber auch seine Sozialisation bis hin zu den Ahnen kommt zur Sprache und bildet in der Gesamtheit das Mosaik eines ganzen Lebens. Eines Lebens, das, obschon nicht ohne Drama, am Ende seinen Sinn zu erfüllen scheint, den vom Schicksal zugewiesenen Platz einzunehmen und mit Leben zu füllen. Sei es innerhalb der Familie, sei es beruflich oder in der Gemeinschaft von Nachbarn, Freunden, innerhalb der Kirchengemeinde, wo Henry sich im Vorstand engagiert. 

Mit zunehmender Lektüre – und das mag ihr Faszinosum ausmachen – werden wir Zeuge, wie der klischeebehaftete Begriff „Alter“ sich mit Leben füllt. Berührend und komisch zugleich etwa, wenn Henry im Zuge eines Kirchenbesuchs mit sich selbst ins Gericht geht – sein Knie schmerzt und er will sich partout nicht helfen lassen:

Er musste zugeben, dass er immer zu stolz sein würde. Immer glauben würde, im Recht zu sein. Nicht zuhören würde. Groll hegen würde. Er musste netter zu Margaret sein, und aufhören, sich selbst zu bemitleiden, weil er alt und nutzlos war. „Amen“ sagte er zusammen mit der Gemeinde, doch ihm fiel noch mehr ein. Verbitterung. Missgunst. Falschheit. Wenn man einmal anfing, seine Sünden aufzuzählen, nahm es kein Ende. Leseprobe

Was Henry jedoch nicht abhält, voller Hingabe den bescheidenen Freuden des Alltags zu frönen. „Am Ende des Tages hatte er gern das Gefühl, etwas geschafft zu haben. Nichts genoss er so sehr, wie im Bett zu liegen und eine Liste der Dinge aufzustellen, der er am nächsten Tag erledigen musste.“ LeseprobeAber auch ein mit Puderzucker bestreuter Zitronenkuchen konnte ihn beglücken oder der nach langen Wintertagen nahende Frühling:

Die Bäume trieben Knospen, helle Wolken schwebten durch den blauen Himmel, und obschon es nicht stimmen konnte, glaube er zu spüren, dass die Welt sich drehte und er sich mit ihr. Er sah es als eine Verheißung. Leseprobe

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt Verlag GmbH Hamburg

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©  Hartmut Fanger 

Von der abgründigen Schönheit der Kunst

David Foenkinos: „Die Frau im Musée d’Orsay“, Penguin-Verlag, München 2019, aus dem Französischen von Christian Kolb.

 

Von Beginn an lebt das Buch von dem Geheimnis umwobenen Protagonisten, Professor Antoine Duris. Wie kommt es, dass er plötzlich seinen hochdotierten Job an der Hochschule der Schönen Künste von Lyon kündigt und in Paris als Wärter im Musée d’Orsay ein neues Leben beginnt? Warum würde er am liebsten ganz verschwinden? Im digitalen Zeitalter so gut wie unmöglich. Mit Spannung verfolgt der Leser all die Hintergründe, die nach und nach zutage treten. Erzählt in diesem beschwingt leichten Tenor, der uns in französischen Lektüren stets bezaubert, bei Foenkinos allerdings bisweilen in den Kitsch driftet und sprachlich nicht immer frei von Banalitäten ist. Nichtdestotrotz gelingt es ihm, den Leser tief zu berühren angesichts des tragischen Schicksals der jungen talentierten Schülerin des Professors und Malerin Camille. Einst von Kunstlehrer Yves, dem Mann der besten Freundin ihrer Mutter, vergewaltigt und zum Schweigen erpresst. Doch der Roman zeigt auch, dass die schönen Künste eine heilende Wirkung auf die Seele  haben können. So findet Duris schließlich durch die Bekanntschaft von Camille und deren Bilder wieder zu seiner eigentlichen Passion als Professor zurück. Damit steht der Liebe zu Museumsdirektorin Mathilde Mattel nichts mehr im Wege. Seine  ehemalige Frau hingegen erwartet ein Kind von einem anderen. 

Spannend im Übrigen, wenn Duris zwar unerkannt bleiben will, sich dann aber als Wärter dazu hinreißen lässt, einen Museumsführer vor versammeltem Publikum zu berichtigen. Unkonventionell arrangiert überdies, wie aus der Beziehung zu Museumsdirektorin Mathilde langsam Zuneigung erwächst, nachdem es zuvor alles andere den Anschein hat. Sinnfällig das Figurengeflecht rund um Camille. Mit Ausnahme ihrer Psychologin weiß keiner aus ihrem Umfeld, was ihr eigentlich widerfahren ist. Dies mag nicht zuletzt auf die Isolation des Individuums im Digitalen Zeitalter verweisen, wo der Mensch zwar gläsern ist, zugleich aber ein Mangel an tragfähigen Beziehungen zu herrschen scheint, was die Katastrophe, auf die Camille zusteuert, vielleicht hätte verhindern können. 

Eine leichte, unterhaltsame  Sommerlektüre, in der das Dunkel des Bösen mit dem Licht der Schönen Künsten treffend kontrastiert. 

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin-Verlag 

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Siehe auch Arie Anwar  "Kreise ziehen"  

 ©  Erna R. Fanger 

Was es braucht zum guten Leben 

Thomas Girst: “Alle Zeit der Welt“, Carl Hanser Verlag, München 2019

Der einstige Kolumnist und Kulturkorrespondent der TAZ, heute preisgekrönter Autor und Kulturmanager bei BMW, Thomas Girst, hat eine kleines feines Büchlein vorgelegt. Der schlichte Titel, „Alle Zeit der Welt“, ist Programm und kontrapunktisch zu der augenscheinlich das 21. Jahrhundert prägenden Erfahrung gesetzt: Die Zeit rast, entgleitet uns, während wir unablässig damit beschäftigt zu sein scheinen, ihr hinterher zu hetzen. Ein haltloser Zustand, der droht, in einem Dilemma zu münden. Der Hochgeschwindigkeitsmodus, der derzeit in nahezu allen Lebensbereichen das Tempo vorgibt, setzt uns unter Stress. Und unter Stress sind wir nicht in der Lage, über Altbewährtes hinauszugehen. Dem Gebot der Stunde zufolge sind jedoch gerade jetzt innovative Ideen gefragt, um dem Wandel, den vorzunehmen wir gezwungen sind, wollen wir unseren Planeten erhalten, angemessen zu begegnen.

Zugleich ist eben dies Ausgangspunkt für das Entstehen der hier zusammengetragenen Episoden. In dem schwindelerregenden Raubbau, den der Mensch nicht zuletzt dem Rohstoff Zeit angedeihen lässt, sucht man nach Halt. So auch Girst. Halt sowohl im Sinne von Stütze gegen besagten Verschleiß als auch im Sinne von Innehalten, sich besinnen. Dabei treibt den Autor die berechtigte Sorge um die Zukunft seiner Kinder sowie die Frage um, ob der Mensch im Zuge der Dynamik der Zerstörung von Ressourcen, von Krieg, Hass im Netz, dem Gift von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit, nicht ebenso in der Lage sei, Großes zu bewirken, ‚Wunderbares zu erschaffen’: Poesie, Bildende Kunst, Musik, wissenschaftliche oder gesellschaftliche Errungenschaften in Demokratie und Freiheit, nicht zuletzt die Weisheit der Welt-Religionen. Was es dazu jedoch zunächst bedarf, ist Zeit.

Inwieweit sich Zeit schließlich als grundlegender Rohstoff erweist für all die geistig-schöpferischen Leistungen, die Menschen seit jeher vollbracht haben, kommt in diesem Kleinod von Buch in ungemein farbiger Vielfalt zur Sprache. Es sind Momente, wo Menschen sich entscheiden ‚auszusteigen’ aus dem immer schneller sich drehenden ‚Hamsterrad’, um sich ihrer eigenen Zeitrechnung zu verschreiben und etwas erschaffen, zu dem nur sie berufen sind. Menschen, die, indem sie mutig, und sei es unter Entbehrungen, ‚ihrem eigenen Stern folgen’, wie Bob Dylan es ausgedrückt hat. 

Schon gleich zu Beginn das „Filetstück“ unter dem Titel „Der Briefträger Cheval“. Es erzählt die Geschichte des architektonischen Meisterswerks des ‚Landpostboten Ferdinand Cheval (1836-1924)’. Sohn verarmter Bauern, errichtet er innerhalb von 33 Jahren unter enormer Anstrengung seinen Palais idéal. Ein beachtliches Gebäude von der Größe eines Schlosses und barocker Stilfvielfalt, zurzeit der Surrealisten Treffpunkt  für Dichter, Künstler und Intellektuelle. Und bis heute pilgern Touristen in den kleinen Ort Hauterives im Südosten Frankreichs, um das wundersame Anwesen zu besichtigen. Darin verarbeitet all die Steine, Muscheln und Materialien, die Cheval auf seinen langen Wegen als Postbote findet. Inspiration hierzu liefert ihm ein Stein: „Der Stein ist von samtener Beschaffenheit, das Wasser hat an ihm seine Arbeit getan, der Zahn der Zeit hat diesen einen Kiesel gleich erhärten lassen. (...) wenn die Natur Skulpturen wie diese erschafft, dann verlege ich mich aufs Maurerhandwerk und die Architektur.“ 

Aber das ist nur ein, obschon markanter, Einblick in die Sphären der hier in den Fokus gerückten schöpferischen Kräfte, die, gewährt man ihnen gebührend Raum, über sich selbst hinausweisen. So greift Girst zum Beispiel auch einzelne Aspekte auf wie „Unvollendetes“, was dann auch den sinnigen Schluss des Geschichten Reigens bildet. Dabei kristallisiert sich heraus, wie das Unvollendete im Grunde das Eigentliche ausmacht, müssen wir uns im Alltag doch immer wieder mit „Stückwerk“ bescheiden. Kunst schließlich ‚entsteht selten aus Allwissenheit’. Vielmehr ist es ihr eigen, nicht aufzuhören nach Antworten auf die existenziellen Fragen, die uns umtreiben, zu suchen, und sie auf ihre ureigene Art zum Ausdruck zu bringen. 

Dazwischen reiht sich Episode an Episode aneinander, wie bunt schillernde Perlen einer märchenhaft und seltsam verwunschen anmutenden Kette. Spannend, bisweilen geheimnisvoll, dabei höchst unterhaltsam und im Plauderton erfahren wir von unzähligen Begebenheiten, die uns staunen lassen. Sei es das Phänomen der Zeitkapsel, hilflos anmutende Versuche der Menschheit Zeit zu isolieren und diese in die Zukunft zu retten. Unbedingt lesenswert auch „John Cage in Halberstadt“, wo ‚der Poetengang’, ein schmaler Kiesweg, zum Burchardi-Konvent, einer alten Klosteranlage, führt. Indessen Kultstätte für Liebhaber der Avantgardemusik: „Seit 2001 wird in den romanischen Gemäuern der Burchardi-Kirche inmitten eines ehemaligen Zisterzienserklosters sein Orgelstück Organ2/ ASLSP (oder: As SLow aS Possible) aufgeführt.“ Wobei die Aufführungsdauer auf 639 Jahre angelegt ist – „Klang aus fünf übereinandergelagerten Tönen.“ Aber auch dem Streben nach Unsterblichkeit, Phänomenen wie „Schwarze Schwäne“ – womit keiner rechnet –, Bezeichnung in der Wirtschaft für überraschende Veränderungen, die Menschen zwingen von jetzt auf gleich umzudisponieren. Des Weiteren „Ewigkeit“, „Pechtropfen“ oder „Nachhaltigkeit“, um nur einen kleine Eindruck von dem bunten Spektrum ins Feld zu führen, das hier durchstreift wird und uns jede Menge Wissenswertes über den angemessenen Umgang mit der für jeden kostbarsten Ressource überhaupt – Lebenszeit – vermittelt. Wer es darauf anlegt, beim Small-Talk zu brillieren und dabei die eine oder andere Geschichte preisgibt – durchschlagender Erfolg garantiert!

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Carl Hanser Verlag, München

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Siehe auch Arie Anwar  "Kreise ziehen"  

© Erna R. Fanger

Herkunft – Süß-bittere Zufälle

Saša Stanišić: “Herkunft“, Luchterhand Literatur Verlag, München 2019

Vielsagend eine von vielen Definitionen Stanišićs von Herkunft, zum Besten gegeben auf seiner so gut wie ausverkauften Lesung im Hamburger Thalia Theater am 17. März 2019: eine Art überschätztes Kostüm.‚Kostüm’, abgeleitet vom lateinischen „consuetudo“, dt.: Gewohnheit, Herkommen, Sitte. Herkunft meint demnach das, was wir gewohnt sind, wowir herkommen, welche Sitten wir mitbekommen haben. Doch Stanišić greift tiefer, stellt Fragen und infrage: „Provenienz der Eltern? Gene, Ahnen, Dialekt? ... Eine Art Kostüm, das man ewig tragen soll, nachdem es einem übergestülpt worden ist.“

Die zentralen, hier ins Spiel gebrachten realen Orte, die die Herkunft des Ich-Erzählers ausmachen: 1. Višegrad, Klein- und Geburtsstadt Stanišićs; 2. Oskoruša, vergessenes Dorf in den Bergen mit überalterten Bewohnern, woher einst sein Großvater stammte, jedoch mit einem bemerkenswerten Friedhof, wo jedes zweite Kreuz mit dem Namen des Autors, Stanišić, versehen ist, und die Toten, auf deren Gräbern man Schnaps trinkt und Picknick macht, eine wunderbare Aussicht genießen; 3. Heidelberg, erste Station nach der Flucht aus Bosnien-Herzegowina, wo der Ich-Erzähler seine Jugend verbringt, wo ein Lehrer seine Gedichte in jugoslawischer Sprache liest und ihn ermutigt, auf Deutsch zu schreiben, und damit offenbar den Grundstein für seine Schriftstellerkarriere gelegt hat. Doch was sind Orte im geographischem Sinne im Gegensatz zu den inneren – im Kosmos von Stanišić ebenso Facetten von Herkunft wie Erinnerung und Fiktion, das was uns die Fantasie zuspielt.

Herkunft, zugleich ein Aspekt von Heimat und allein schon insofern überschätzt, als es das ist, woran der Mensch sich klammert. Als solches muss es Konstrukt bleiben, weil es der Wirklichkeit – in stetigem Wandel begriffen – nicht standhält. 

Der Kern von Herkunft wiederum ist das Land der Kindheit. Bei Stanišić steht dafür in erster Linie Großmutter Kristina – der Großvater bleibt Leerstelle. Später wird er in Schuhkartons nach ihm suchen und in alten Schubladen, wo die Großmutter Dokumente von ihm aufbewahrt. Und in „einem Gläschen Cognac“, einem Cognac des Großvaters, älter als der Ich-Erzähler. Die Großmutter hingegen scheint immer präsent und ist in einer herzzerreißenden Szene auch Ausgangspunkt von „Herkunft“, zugleich Anlass einer umfassende Spurensuche in eigener Sache. Da hat sie das Vergessen bereits eingeholt, da weiß sie schon nicht mehr, wer sie ist. Mit dem Begräbnis der Großmutter endet der Roman nach mehreren Anläufen, überhaupt zu einem Ende zu gelangen. Denn „Herkunft“ ist ein Anschreiben gegen das Aufhören, gegen das Schwinden der Erinnerung und letzten Endes gegen den Tod, immer und immer wieder, gegen das Aufhören von Geschichten. Wie auch ‚die Lücken der Großmutter mit Geschichten gefüttert werden’, wie Stanišić seinem Hamburger Lese-Publikum verrät. 

Und in dem Maße, wie die Großmutter ihre Erinnerungen verliert, klaubt der Ich-Erzähler sie offenbar wieder zusammen. In einem Wettlauf mit der Zeit, die über alles hinwegzufegen scheint. Nicht zuletzt, und das ist das Tragische, über die Beziehung zu der geliebten Großmutter. Sie sind sich fremd geworden im Zuge der räumlichen Trennung des Exils. Unvermeidlich. Die Brücke zwischen den Generationen scheint im Extremfall von Krieg und Flucht schneller aufgebraucht. Familienbande zerbrechen. Und man wird das Gefühl nicht los, als verlöre in gleichem Maße, wie sich dieser Bruch sich vollzieht, wiederum die Großmutter ihr Gedächtnis. Szenen aus Dekaden zuvor, wie einst das Warten auf ihren Mann Pero, wiederholen sich im Jahr 2018, die zeitliche Differenz dazwischen aufgehoben.

Aber das sind nur Grundpfeiler dieses genial organisierten Erzähl-Mosaiks, das uns Wirklichkeit vielfach widerspiegelt. Nicht linear, chronologisch, umkreist Stanišić vielmehr die Gegenstände des Erzählens immer wieder aus unterschiedlichen Blickwinkeln, durchwirkt von Erinnerungssplittern, Fragen, magischen Momenten und Geheimnis. Kein Roman im herkömmlichen Sinn also, verweben sich hier Erinnerung und Erfindung mit Zeit- und Migrationsgeschichte, Reflexion und Assoziationen. Auf die Frage hin der Großmutter, ob „Herkunft“ „ein Buch über uns“ sei, antwortet der Autor etwa: 

„Fiktion (...) sagte ich, bilde eine eigene Welt, statt unsere abzubilden, und die hier (...) sei eine Welt, in der Flüsse sprechen und Urgroßeltern ewig lebten. Fiktion (...) sagte ich, ist ein offenes System aus Erfindung, Wahrnehmung und Erinnerung, das sich am wirklich Geschehenen reibt.“

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Luchterhand Literatur Verlag, München!

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