Buchtipp des Monats April - Mai 2020

© Erna R. Fanger

Präsenz der Poesie

Pascal Mercier „Das Gewicht der Worte“, Carl Hanser Verlag,München 2020. 

Hier war sich das Feuilleton landauf landab einig, und das nicht ohne Häme: zu redundant, das Personal, lauter Feingeister, zu blass, Bildungsbürgertum ... etc. Zugegeben, der Plot wirkt konstruiert, die Figuren in ihrer ethisch-moralischen Überhöhung unfreiwillig überzeichnet.  

Warum wir nichtsdestotrotz eine Lanze brechen für das Werk, ist die Begeisterung für Sprache, die es transportiert – ein glühendes Plädoyer für ‚das Gewicht der Worte’, das trägt. Und es ist das Vergnügen am Sinnieren über Wahrnehmung und Perspektiven, über Lust und Last, die Schreibende anstachelt, die Welt auf ihre ganz eigene Weise immer wieder von neuem durchzubuchstabieren. Und es mag sich bei Lesern und Schreibenden jenseits der Hoheit des Literaturbetriebs ähnlich verhalten wie zwischen Laien- und professionellem Chor. Letzterer mag Ersteren an Perfektion übertreffen, aber die Liebe zum Singen, ohne jeden Sachzwang, wie dem Laienchor substanziell eigen, diese hochtrabende Freude, transportiert einen Zauber, der nicht nur nicht zu verachten, sondern mitunter durchaus auch nicht zu überbieten ist. Und es sind immer wieder Sätze wie dieser: „Jetzt öffnete Kenneth Burke im Nachbarhaus ein Fenster, blieb stehen und zündete eine Zigarette an; auch ihre glühende Spitze hatte, wie die Straßenlaternen, im Nebel einen feinen milchigen Hof“Leseprobe, die uns in ihrer bestechenden Präzision und poetischen Präsenz in den Bann ziehen. 

Von Kind an von Sprachen fasziniert, lernt Protagonist Simon Leyland alle, die rund um das Mittelmeer gesprochen werden, heiratet schließlich Lydia, eine Verlegertochter aus Triest, und übernimmt später zusammen mit ihr den Verlag, was den in London ansässigen Briten nach Italien verschlägt. Sie haben eine Tochter, die eigentlich Ärztin werden will, jedoch zunehmend vom Gesundheitssystem enttäuscht ist und schließlich Abstand davon nimmt. Zu Beginn des Romans, 24 Jahre später, nachdem er London verlassen hatte, kehrt er dorthin zurück. Lydia ist inzwischen verstorben. Den Verlag hatte er zunächst alleine betrieben. Bis er ihn in einer Art Kurzschlusshandlung angesichts einer tödlichen Diagnose, die sich alsbald als Irrtum herausstellen sollte, kurzerhand verkauft hat. Ein Onkel, Professor für orientalische Sprachen,  hat ihm sein Haus nahe London vererbt, und mit Kenneth Burke vom Nachbarhaus, der sich in seinen letzten Jahren um diesen gekümmert, alles für ihn geregelt hat, zugleich einen Freund. 

An dieser Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt setzt die Erzählung ein. Dabei kreisen seine Gedanken um die Frage, was er aus der Zeit seines Lebens gemacht habe: „Es war ein Dunkel nach dem Ende eines Lebens, ein Dunkel, in dem die Zeit nicht mehr floss. Er würde nachher überall Licht machen und sie von neuem zum Fließen bringen.“LeseprobeDabei werden nicht nur die äußeren Stationen Leylands reflektiert, sondern zugleich neue Perspektiven entworfen. Denn hat Leyland sich bislang nur in Briefen an seine verstorbene Ehefrau Lydia schreibend Ausdruck verschafft, denkt er jetzt daran, weiterzugehen und selbst Erzählungen zu schreiben. Begleitet ist dieser Prozess von überbordendem Gedankenreichtum über die geheimnisvoll anmutende, von Worten ausgehende Schwingung, von ihrer Macht, die ebenso zu verschleiern und zu verdunkeln, als zu erhellen in Begriff steht:

"Wenn man in Gegenwart anderer über sich spricht, sagt man nie genau das, was man eigentlich sagen möchte: Selbst wenn man sich dessen nicht bewusst ist, hemmt einen die Rücksicht, entweder die Rücksicht auf die Wirkung der Worte in den anderen, oder die Rücksicht auf die Art und Weise, wie man für die anderen durch diese Worte erscheinen würde. Und nachher hat man, statt mit sich selbst in der Klarheit einen Fortschritt gemacht zu haben, mit diesen Wirkungen bei den anderen zu kämpfen".Leseprobe,

Stellen wie diese, wo Mercier den Worten und ihrer Wirkmächtigkeit auf den Grund geht, bergen für den literatur- und sprachaffinen Leser  so manchen Schatz, den es in diesem Werk, allerhand Unkenrufen zum Trotz, mannigfaltig zu heben gibt. 

"Und nun war ja etwas Neues dazugekommen: das Schreiben, die Arbeit an der eigenen Phantasie und die Suche nach den eigenen Worten, der eigenen Stimme. Das war etwas, was eine eigene Zukunft in sich trug. Wie lange würde sie dauern?"Leseprobe

.Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!       

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Carl Hanser Verlag, München 2020                                                                                               Zum Archiv

Buchtipp des Monats März 2020

   © Erna R. Fanger 

  Verlorengehen und sich wandeln

Marina Frenk, „ewig her und gar nicht wahr“,  Quartbuch, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020. 

Marina Frenk lässt aufhorchen mit diesem Debut. Dabei schöpft die 1986 in Moldawien geborene, seit 1993 in Deutschland lebende, vielseitige Künstlerin – Schauspielerin, Musikerin und Autorin – nicht nur aus ihrer eigenen Migrationserfahrung, sondern auch der ihrer russisch-jüdischen Vorfahren. Dementsprechend verwebt sie gekonnt mehrere, teils sich in surrealistischer Manier überlagernde Erzählstränge und bietet dem Leser im Zuge dessen ein lebenspralles Erfahrungsspektrum in erfrischend origineller, nuancenreicher Bildersprache. 

Im Zentrum des Art Künstlerinnen- und Selbstfindungsromans Kira Liberman. Mit Marc, dem Vater ihres kleinen Sohnes Karl, in Berlin lebend und wie die Autorin gleichwohl aus russisch-jüdischer Familie stammend. Zugleich junge Malerin, die in ihrer künstlerischen Entwicklung stagniert. Ihre großformatigen Bilder aus früheren Zeiten, wo sie als Künstlerin gefeiert war, haben ihren Platz auf dem Dachboden gefunden, den sie immer wieder aufsucht und wo ihr die eigene Misere umso drastischer vor Augen steht, Suizidgedanken aufkommen lässt. Der Erzähltenor ist jedoch nie larmoyant, sondern geprägt von bisweilen an Sarkasmus grenzender Selbstironie. Statt als bildende Künstlerin, arbeitet sie als Kursleiterin und beschränkt sich darauf, Zeichenkurse für Kinder zu geben. Mit ihrem Lebensgefährten Marc teilt sie sich jedoch lediglich die Verantwortung für den gemeinsamen Sohn. Darüber hinaus scheint die Beziehung auf Eis gelegt. Eine Leerstelle. Wirklicher Austausch findet nicht statt. Allenfalls in Kiras Alpträumen, wo Marc sie im letzten Kapitel drängt, ihn auf eine Trauerfeier zu begleiten, um ihr zu eröffnen, dass es ihre Beerdigung ist. Womit Frenk ein so komplexes wie treffendes Bild kreiert, das die Beziehung der Protagonistin zu Marc präzise umreißt. Kira hat indessen einen Lover, Theodor, Buddhist und der Meditation verschrieben, der sich selten blicken lässt. Sie zieht dann auch zu Nele, einstige Slawistik-Studentin, später Automechanikerin, indessen Musiklehrerin, die raucht, gerne trinkt, viel lacht und schrill drauf ist  – unkonventionell, farbig. Und der kleine Karl hat jetzt in Neles Sohn Manuel so etwas wie einen großen Bruder.

In solch krisenhafter Gemengelage liegt es nahe, existenzielle Fragen nach Her- und Zukunft ins Zentrum rücken, was Frenk in collageartig montierten Erzählsequenzen souverän handhabt. So erfolgt der Versuch von Protagonistin Kira, sich in ihrer eigenen Verloren- und Perspektivlosigkeit neu zu verorten, in der Erforschung der Familiengeschichte. Sei es in Rückblenden, teils an der fiktiven Wirklichkeit orientiert, teils da erfunden, wo reale Begegnung nie stattgefunden hat, sei es in Reisen nach New York, Israel und Moldawien zu den indessen weltweit verstreuten Verwandten. Im Zuge all der komplexen Belange, denen Kira versucht gerecht zu werden, vermisst sie ihre Wurzeln und beklagt, sich nicht zu spüren. Wohl wissend, dass während sie, solchermaßen bedrängt: 

„Flüchtlinge an den Grenzen in Käfigen sitzen, Kinder sich in Wärmedecken aus Goldfolie hüllen und ihre Eltern in Lagern und Kellern vergewaltigt oder gefoltert werden. Während andere Menschen in Slums verhungern. Und dann ich. Eine Kira Liberman, die sich nicht spürt in ihrer Wohnung und sich von außen betrachtet.“

Eine Lösung nicht in Sicht. So doch eine Haltung, gleich im Prolog offenbart, die hoffen lässt und sich als Erfahrungswert der damals Fünfjährigen, die ihre Eltern während eines Strandaufenthalts am Schwarzen Meer verlor, bis zum Schluss des Romans durchzieht: „Verloren gehen fühlt sich einsam an, aber auch interessant. (...) Ich akzeptierte, dass ich verlorengegangen war, und versuchte mich zu verwandeln.“ 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag Klaus Wagenbach!

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Buchtipp des Monats Januar 2020

© Erna R. Fanger:

Im richtigen Alter, einen Porsche zu fahren

Sarah Lapido Manyika, „Wie ein Maultier, das der Sonne Eis bringt“, Hanser Berlin in der Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München 2019. Aus dem Englischen von Monika Baark.

Mit diesem Büchlein in sympathischem Tenor, Debutroman der nigerianischen Essayistin und Verfasserin von Geschichten Sarah Lapido Manyika, Jahrgang 1968, indessen in San Francisco lebend, halten wir Brechts „Die unwürdige Greisin“ reloaded und versetzt ins 21. Jahrhundert in Händen. Mit warmherziger Frische und Offenheit werden hier herkömmliche Altersbilder ver- und neue Perspektiven auf das Älterwerden entworfen. Ohne die Malaisen zu beschönigen, die die letzte Lebensphase birgt – Verlust von Weggefährten, Nachlassen der Sehkraft, Angst vor Hinfälligkeit und dem allgegenwärtigen Vergessen. Doch dem zum Trotz ist es die unverbrüchliche Neugier auf das Leben und auf die Menschen, Lust auf Sex, wenn auch nicht mehr an zentraler Stelle, die hier überwiegen. Hinzu kommen Freude der Protagonistin an farbenprächtigen Stoffen, einem veritablen Styling, high heels und nicht zuletzt die Liebe zu ihrem alten Porsche, mit dem sie durch die Straßen San Franciscos rauscht. Nicht zu vergessen – die leidenschaftliche Zuneigung zu ihren treuesten Freunden: den Büchern. Und davon besitzt die einstige Diplomatengattin und spätere Literaturprofessorin Morayo da Silva, weitgereist und wortgewandt, mehr als genug. Überdies die Fähigkeit, über dem Wunderbaren, dessen sie in Augenblicken der Begegnung gewahr wird, die Abgründe, die immer lauern, kurzerhand zu vergessen und das Leben zu feiern. Sei es im Hier und Jetzt. Sei es in der Erinnerung – Zeitebenen, die immer wieder wechseln und uns die Figur zunehmend nahebringen. Überdies lernen wir sie zugleich stets aus der Perspektive derjenigen kennen, mit denen sie Umgang pflegt, was sie in ihrem schillernden Facettenreichtum vor dem geistigen Auge des Lesers lebendig werden lässt. Angereichert mit mancherlei Referenzen an literarische Weiblichkeitsentwürfe, wie etwa Shakespeares Ophelia, die sie umschreibt und den darin scheiternden Heldinnen ein Happy End angedeihen lässt. 

Und als sie unmittelbar vor ihrem 75. Geburtstag auf dem Badewannenrand balancierend ihr Outfit für die bevorstehende Party im Spiegel überprüft, passiert es: Eine falsche Drehung, sie rutscht aus und erwacht nach Hüftbruch und Operation  © James Manik  
in einem Pflegeheim. Doch auch das stürzt sie nicht, wie man meinen könnte, ins Elend. Vielmehr macht sie dort berührende Bekanntschaften. Etwa mit der liebevoll zugewandten Bella aus Nicaragua, die trotz ihres abgeschlossenen Studiums umständehalber als Pflegerin beschäftigt ist und ihr die besänftigende Wirkung des Gottesglaubens, gerade im Alter, nahelegt. Oder mit dem hingabevoll seine demente Frau umsorgenden Reggie aus Guyana. Wie überhaupt ihre Wahrnehmung stets auf die Einzigartigkeit eines jeden fokussiert scheint. 
 

Und so endet das Ganze nach der Entlassung aus dem Pflegeheim in einem Freiheitsrausch, wo sie in ihrem Porsche noch einmal kräftig aufs Pedal tritt, durchaus im Auge, dem, was sie an Misslichkeiten noch zu erwarten hätte, ein jähes Ende zu bereiten und gegen den nächsten Baum zu fahren. Stattdessen erblickt sie wieder die Obdachlose mit ihrem Hund, die sie von Beginn an der Lektüre im Visier hat. Sie könnte womöglich ihre Hilfe brauchen. Hält an, kommt mit ihr ins Gespräch, macht sich vertraut mit deren tiefgreifenden philosophisch anmutenden Gedanken. Neue gemeinsame Perspektiven tun sich womöglich auf …

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt Hanser Berlin!

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Buchtipp des Monats Dezember 2019

© Hartmut Fanger: 

Paolo Cognetti: „Gehen, ohne je den Gipfel zu erreichen“, Penguin Verlag, München 2019

Mit Gehen,ohne je den Gipfel zu besteigen knüpft Cognetti inhaltlich an sein erfolgreiches Romandebut Acht Berge(2018) an. Wieder geht es um das Erlebnis der Bergwelt. Diesmal jedoch nicht in Romanform, vielmehr werden wir Zeuge einer Reise des Autors durch den Himalaya, und zwar ganz im Sinne des bewährten buddhistischen Mottos „Der Weg ist das Ziel“. Und dieser Weg führt, gleichwohl in buddhistischer Tradition, nirgendwo hin als zu sich selbst. In der Einsamkeit der entlegensten Regionen der Bergwelt Nepals kommt es ihm dementsprechend nicht darauf an, etwaige Gipfel zu erklimmen oder gar den leuchtenden Kristallberg zu erspähen. So erweist sich besagtes Unternehmen zunehmend als Pilgerreise, auf der dementsprechend das Gehen selbst zur Mission wird. Als Vorbild hierzu diente ihm u.a. das Buch „Auf der Spur des Schneeleoparden“ von Peter Matthiessen (1978), das nach Cognetti heute noch in allen Buchhandlungen Kathmandus erhältlich ist. Nicht nur hat es Cognetti letztlich zu dieser Reise inspiriert, sondern begleitet es ihn überdies auf Schritt und Tritt. Zu allem hin ist er mit fast vierzig Jahren genauso alt wie Matthiessen, als dieser einst seine Reise antrat. Spannend schildert er den Werdegang seines Vorbilds. So hatte sich Matthiessen einst wie Hemingway oder Fitzgerald in Paris niedergelassen, wo er zu den Gründern der legendären Literaturzeitschrift „Paris Review“ gehörte, schließlich zum Umweltschützer avancierte, um sich später, nach umfangreicher Drogenerfahrung, dem Buddhismus zuzuwenden.  

Cognettis Weg in Nepal wiederum ist insofern nicht unwesentlich von der Erfahrung meditativer Einsichten und tiefgreifender Erkenntnis geprägt. „Selbst wenn man nicht weiß, wonach man sucht, ist ein Wildbach der beste Weg, dem man nur folgen kann“, heißt es an einer Stelle. „Er gibt unbeirrbar die Richtung vor, führt bis zu seiner Quelle, und während man zusehen kann, wie er immer klarer wird, spürt man, wie man nicht nur seiner, sondern auch der eigenen Läuterung entgegengeht!“ 

Dabei trifft er immer wieder auf tibetische Klöster und Mönche, wie zum Beispiel Shey Gompa, für ‚den vierzig Jahre wie in einem Wimpernschlag verflogen’ sind: „(...) ganz ohne Entdeckungen und Erfindungen, Kriege, Revolutionen, Jugendbewegungen, untergegangene Reiche und Ideologien, ganz ohne Musik und Literatur.“ Und immer wieder macht er Entdeckungen, die ihn staunen lassen. So zum Beispiel die größte Ansammlung von Gebetssteinen, die der Autor auf einem Gelände hinter einem Kloster findet, wo er eigentlich einen Friedhof vermutet hatte.  

Nicht nur veranschaulicht durch die plastischen Beschreibungen

der Bergwelt, des kargen Landes und der darin nicht selten anzutreffenden schillernden Persönlichkeiten, erzeugen darüber hinaus die mit feinem Pinselstricht geführten, detailgetreuen Zeichnungen Cognettis zugleich eine unmittelbare Nähe zu dem Autor und seinem Kosmos. 

Unbedingt empfehlenswert und denjenigen als Lektüre zwischen den Jahren ans Herz gelegt, die nach Sinn, wahrhafter Natur und meditativem Bewusstsein streben.

 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin Verlag, München 2019 

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Buchtipp des Monats November 2019

 © Hartmut Fanger: 

Axel Hacke: Wozu wir da sind. Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben“, Verlag Antje Kunstmann, München 2019

Der Autor und Kolumnist Axel Hacke wagt sich mit seinem Buch „Wozu wir da sind“ an ein noch immer tabuisiertes Thema: Sein Held Walter Wemut schreibt seit über dreißig Jahren Nachrufe für eine Zeitung – „eine eigene Seite nur für die Toten und für mich.“ Dementsprechend geht es also vornehmlich um den Tod. Diametral dazu das Paradox, als er den Auftrag erhält, über das gelungene Leben einer achtzigjährigen Freundin zu schreiben. Zusehends evident wird, dass sich die scheinbar unversöhnlichen Pole, Tod und Leben, Leben und Tod, nicht voneinander trennen lassen. Nicht von ungefähr von daher auch das Motto seiner Seite: „Die Toten der Woche./That*s life“. Und so steckt in diesem Buch gleichermaßen die Fülle eines prallgefüllten, bunten Lebens. Und Axel Hacke versteht es in dem von ihm versiert eingesetzten Plauderton im Stil seiner Zeitungskolumnen, dem Unausweichlichen eine Sprache zu verleihen. Zugleich vermittelt sich aber auch Daseinsfreude im Zuge der so spannenden wie lesenswerten Auseinandersetzung mit der Frage, inwieweit ein Leben gelingt, ob es überhaupt möglich ist, diesbezüglich vom Scheitern zu reden. Tiefgreifende Reflexionen, gespickt mit Anekdoten und Zitaten bekannter Dichter wie Rilke oder Schriftsteller wie Stephan Zweig und sein „Die Welt von Gestern“ oder George Simenon und dessen Kommissar Maigret, illuster inszeniert. Aber auch Musiker und Bands, wie George Harrison, John Lennon und Yoko Ono sowie Jethro Tull mit ihrem Album „Locomotive Breath“ sind mit von der Partie. Besonders aussagekräftig die Gedanken über Leonard Cohen. Erst nach dessen Tod im November 2016 ist dem Protagonisten dessen Bedeutung anhand der berühmten Zeilen des Liedes „Anthem“ überhaupt bewusst geworden. Bezeichnend die Strophe, in der es um jenen Riss in allem geht. Zum einen Defekt, zum anderen jedoch zugleich die Möglichkeit, dass eben jener Riss dazu angetan sei, Licht freizusetzen. Nach Cohen heißt es seitens des Protagonisten: „Es gebe keine perfekten Lösungen, nirgendwo, schlimmer noch, die Welt sei voller Risse. Aber genau dort dringe das Licht ein, und genau dort liege die Möglichkeit zur Umkehr, zur Reue. In der Konfrontation mit der Kaputtheit der Dinge“. Und vielleicht liegt ja gerade hierin das Geheimnis eines gelungenen Lebens. Dementsprechend auch das Fazit: „Halten Sie Kontakt zur Welt. Überprüfen Sie ab und zu die Drähte dorthin. Lächeln Sie einen Kaktus an! Achten Sie auf die Risse in den Dingen und den Menschen. Seien Sie bereit, falls das Glück Sie aufsuchen möchte. “

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Antje Kunstmann Verlag in München                                                                                                                 Zum Archiv

Axel Hacke On Tour

Lesung mit Axel Hacke

Axel Hackes Lesungen sind Unikate, kein Abend ist wie der andere. Da hockt nicht einer hinter einem Tisch mit Wasserglas und Lampe und trägt aus seinem neuen Buch vor, wie das üblich ist, nein, Hacke sitzt auf einem Stuhl, redet über das Leben, erzählt von seiner Arbeit und hat alles dabei, was er im Leben geschrieben hat, na gut, eine Menge von dem – und das ist sehr viel: tausende von Kolumnen aus dem Magazin der Süddeutschen Zeitung und dazu einen Stapel von Büchern, vom Kleinen Erziehungsberater bis zur legendären Wumbaba-Trilogie über missverstandene Liedtexte, von den sehr lustigen Speisekarten Oberst von Huhns bis zu seinem Werk Über den Anstand in schwierigen Zeiten .... Und natürlich geht es, sehr ausführlich sogar, diesmal auch um sein allerneuestes Buch: Wozu wir da sind. Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben, der ebenso furiose wie entspannt-heitere Monolog eines hauptberuflichen Nachruf-Autors über die großen Fragen unserer Existenz. So entsteht jeden Abend – wenn es gut geht (und meistens geht es ja doch gut) – ein neues kleines Lese-Kunstwerk, in dem die hergebrachten Trennungen von ernst und unterhaltsam nichts bedeuten, weil in so einem Abend alles drin ist, das Heitere, das Philosophische und das brüllend Lustige. Man weiß nur vorher nie so genau: was?

Homepage:https://www.axelhacke.de/

Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie hier. 

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