Buchtipp des Monats Oktober 2019

© Hartmut Fanger: 

Lesley Nneka Arimah  WAS ES BEDEUTET, WENN EIN MANN AUS DEM HIMMEL FÄLLT. Aus dem Englischen von Zoë Beck, CulturBooks Verlag, Hamburg 2019

"Was eine Erzählung ausmacht,, … dass … Hörer und Leser notwendig so und nicht anders denken können.“

Goethe an K. Streckfuß 27.1.1827

Die Nigerianische, in den USA lebende preisgekrönte Autorin Nneka Arimah versteht ihr Handwerk. Beleg dafür ihr literarisches Debut, der Erzählband mit dem originellen Titel „Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt“. Facettenreich, zugleich ungeschminkt und ungemein realistisch führt sie darin die harten Bedingungen in Nigeria, insbesondere in Lagos und Biafra im Südosten des Landes, vor Augen. Bis heute noch sind die Auswirkungen des Biafra-Kriegs spürbar.Und es bedarf nicht erst, sich der Story „Kriegsgeschichten“ zu widmen, um sich davon ein Bild machen zu können; hier sprechen die Zeilen des Dialogs zwischen der Ich-Erzählerin und deren Vater für sich: „Und was ist dann mit dem Lieutenant passiert?“, fragte ich und wollte eine andere Geschichte hören, die diese auslöschte. „Er starb, Nwando. Sie alle starben.“ „Und wieso bist du nicht gestorben?“ „Weil ich gerannt bin“, sagte er, „als es soweit war.“ Oder in der Titel-Erzählung „Was es bedeutet, wenn ein Mann vom Himmel fällt“, wo am Beispiel Kionis, der Ex-Freundin der Protagonistin, deutlich wird, was der Krieg in den Seelen der Menschen anrichtet: „Mit wie vielen Menschen hatte Kioni im letzten Jahrzehnt gearbeitet? Fünftausend? Zehn ...? Zehntausende Traumata in ihrer Psyche, die aneinander vorbeidrängten und um die Aufmerksamkeit ihres Wirtskörpers wetteiferten. Was würde geschehen, wenn man nicht vergessen könnte (...)“

Immer wieder kommt es zu bösen Überraschungen. So auch in der Geschichte mit dem sarkastischen Titel „Die Zukunft sieht gut aus“, wo die Schwester der von ihrem Mann misshandelten Protagonistin nur schnell deren Sachen abholen will, dabei jedoch von diesem kurzerhand erschossen wird. Oder wenn in „Wild“ eine aufmüpfige Teenagerin – von ihrer Mutter aus den USA nach Nigeria geschickt – dort das Leben ihrer eher angepassten Cousine aufmischt. Nur ein Beispiel für das konfliktive Verhältnis zwischen Mutter und  pubertierender Tochter –  weiteres zentrales Motiv. Eklatant kommt in ironischer Brechung die Abhängigkeit Letzterer in „Wer erwartet dich zu Hause“ anhand eines alten Liedes zur Sprache. Darin heißt es zum Beispiel: „Wohin gehst du?/ Ich gehe nach Hause//Was erwartet dich zu Hause?/Meine Mutter erwartet mich.//Was wird deine Mutter tun?/Meine Mutter wird mich segnen.//“ Immer wieder ist die Entfremdung zwischen Mutter und Tochter Thema, oft über Kilometer hinweg. Und auch der Tod fungiert hier mitnichten als versöhnender Katalysator. So in „Zweite Chancen“, wo eine Tochter, acht Jahre noch nach dem Tod ihrer Mutter, die konfliktive Beziehung zu dieser in einer Art Endlosschleife so variantenreicher wie unerbittlicher Präsenz immer wieder durchlebt. Wobei die Zahl Acht hier nicht von ungefähr zum Tragen kommt, steht sie doch in der Numerologie sowohl für das Leben nach dem Tod als auch für Unendlichkeit. Erlösendes Moment, wenn die Tochter es schließlich fertig bringt, die Mutter nach endlos anmutenden Kämpfen um Vergebung zu bitten.  

Gradlinig und schnörkellos erzählt, dabei kein Wort zu viel, sind die Geschichten Lesley Nneka Arimahs sperrig im besten Sinne, sprich sie widersetzen sich dem Leser und nötigen ihn, den differenzierten Realitäten, wie die Autorin sie entwirft, unvoreingenommen im Text zu folgen. Wobei sie nie ganz preisgeben, was sie zu sagen haben. Vielmehr erfüllen sie, was schon Goethe von Erzählungen erwartete, nämlich, ‚dass Hörer und Leser’ in dem Moment der Lektüre ‚notwendig so und nicht anders denken können’. 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem CulturBooks Verlag in Hamburg 

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