Buchtipp des Monats September 2019

 © Erna R. Fanger: 

Von der Wirkkraft der Poesie und der Liebe

Kathy Page: „All unsere Jahre“, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019, aus dem Englischen von Beatrice Faßbender.

Ihren achten Roman hat die 1958 in London geborene, indessen in Kanada lebende, vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin Kathy Page hier vorgelegt – ihr erster wiederum in deutscher Sprache. Schon die feinsinnige Struktur zeugt von der wohl durchdachten, stringent durchkomponierten Machart des Werks: drei Hauptteile – „Fast wie Musik“, „Blau“ und „Hotel Paris“, unterteilt in Einzelkapitel, von denen wiederum jeweils das letzte, sozusagen als Rondo, den Titel des Hauptteils trägt und eben darauf hinausläuft. Wobei die hier vor Augen geführte, über 70 Jahre währende Liebe eines ungleichen Paares, Harry und Eveline, im Laufe der großen Romanerzählung zu einem so beachtlichen wie komplexen Œvre avanciert. Doch ist die dabei verhandelte Liebesgeschichte nicht die einzige Lesart. Denn genauso lassen sich in dem Roman die Voraussetzungen für Resilienz studieren, die Wirkkraft von Poesie und Literatur ebenso wie er als Antikriegsroman lesbar ist. Nicht zuletzt steht er für den stillen Glanz von Nebenfiguren. Angespielt sei hier auf Lehrer Whitehorse des Protagonisten Harry, der seine Schüler mit glühender Leidenschaft in die Dichtkunst einführt. Doch bevor er noch ein Wort über Literatur verliert, spricht er über seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg, der ihn das rechte Auge kostete. Und ebenso eindringlich, wie er seinen Schülern die Kraft des dichterischen Wortes nahebringt, warnt er vor den Greueln des Kriegs und entlarvt die Aussage, ‚er habe im Krieg ein Auge verloren’, als Euphemismus: „Granatsplitter haben mein Auge und den dahinter liegenden Nerv durchbohrt ...“ Damit macht er zugleich deutlich, dass Sprache neben ihrem erhellenden Gehalt ebenso eine verschleiernde Funktion birgt. Erst nach diesem Statement kündigt er seinen Lehrplan für diesen Kurs an, schließend mit den Worten „ihr werdet Poesie so erfahren, dass sie für immer wie ein zweites Herz in euch schlagen wird ...“ Eine für Protagonist Harry zeitlebens gültige Prophezeiung, zieht sich doch die Beschäftigung und das Festhalten an solchermaßen erworbenem Wissen durch jede Etappe seines Lebens und erweist sich als entscheidender Faktor, sie zu meistern. Ebenso wie im Zuge der Rezeption von Shakespeare, Shelley oder Yeats, um nur einige zu nennen, in seinem Unterricht existenzielle Fragen anklingen. Etwa inwieweit Kunst stets auch Opfer erfordere, oder im Wettbewerb mit menschlicher Zuneigung stünde. Fragen, die sich nicht zuletzt durch Harrys Leben ziehen, der seine Sehnsucht nach Freiheit, nach mehr Lesen und Schreiben, zugunsten der Sicherheit seiner Familie mit drei Töchtern opfert und um seiner materiell anspruchsvollen Frau Eveline das bieten zu können, was ihr so wichtig ist. Dass Whitehorse am Ende von konservativen Eltern gemobbt wird und das Feld räumt, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Jedoch nicht ohne Harry „Die gesammelten Gedichte von Thomas“ mit Widmung zum Abschied zu schenken. 

Kathy Page wiederum erweist sich als genaue Beobachterin der Schwächen und Stärken der beiden unterschiedlich angelegten Charaktere. Dabei widersteht sie der Versuchung, sie gegeneinander auszuspielen oder abzuwerten – ihr Blick geprägt von Empathie und Zärtlichkeit. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs begegnen sie sich erstmals in der Bibliothek. Unmittelbar bevor Harry eingezogen wird, heiraten sie, gefolgt von der Geburt der ersten Tochter Lillian. Packend die Briefe, die Harry während des Kriegs an Eveline schreibt, zum Teil wortwörtlich übernommen aus diesen zugrunde gelegten Briefen von Kathy Pages Vater. Eindringlich wird darin reflektiert, wie Krieg droht, jede menschliche Regung zunichte zu machen. Doch auch hier sind es die Verse der großen Dichter, die Harry über so manchen Engpass geleiten. Mit der Phase des Wiederaufbaus ist der Roman zugleich als typisch europäische Sozial- und Wirtschaftsgeschichte lesbar. Denn der mehr oder weniger europaweite ökonomische Aufschwung mit seinen Annehmlichkeiten hat bekanntlich seine hässliche Kehrseite im Tenor des ‚höher, schneller, weiter, mehr’, indessen die dabei beiseitegeschobenen Kriegstraumata und -Verstörungen allenthalben unterschwellig gären.

Beide, sowohl Harry als auch die unabhängige, willensstarke Eveline stammen aus kleinen Verhältnissen und sind geprägt von unabdingbarem Aufstiegswillen. Wobei Harry, gezeichnet als großer Liebender und aus dessen Perspektive das Buch erzählt ist, was er so selbstlos gibt, nie ganz zurückbekommen soll. Doch ebenso wie ihnen der soziale Aufstieg gelingen soll, scheitern sie aneinander und an den vielfältigen Herausforderungen ebenso wie sie aneinander wachsen, dabei beiderseits manch erotischer Versuchung widerstehend. Fein gezeichnet von Page all die Facetten des Glücks, der gegenseitigen Faszination ebenso wie die sich einschleichenden Entzweiungen und Widersprüche, die das Leben mit seinen Anforderungen seinen Figuren einschreibt. Und auch der Aufstieg hat seinen Preis, wie die Entfremdung von den eigenen Wurzeln, wenn etwa die Eltern der beiden eher befremdet sind von dem komfortablen Haus in besserer Gegend, als dass sie die Freude über diesen Erfolg unbefangen mit ihnen teilen könnten. 

Mit das Berührendste wiederum ist die Schilderung des gemeinsamen Alterns – Harry und Eveline sind indessen in ihren 90ern angelangt. Eveline, nicht gewillt, den immer vergesslicheren Harry länger zu ertragen, sorgt schließlich dafür, dass er in einer entsprechenden Einrichtung für Senioren unterkommt. Auch das trägt Harry, wie all die vorhergehenden Verwerfungen seitens Evelines, mit beachtlicher Größe, durchschauend, dass Evelines Härte gegenüber menschlicher Schwäche jedweder Couleur von ihren Ängsten herrührt. Und bis zum Schluss – Eveline ist bereits gestorben – lebt er in Versen, Büchern und Erinnerungen, glücklich auf sein Weise und zeitlebens geprägt von seinem einstigen Lehrer, einem säkularen Heiligen, der seinen Schülern mit auf den Weg gab „Die Liebe sei das Einzige, was am Ende zähle.“

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl

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Siehe auch Gregor Sander: "Alles richtig gemacht"  

Buchtipp des Monats August 2019

 © Hartmut Fanger: 

Vom Vorreiter des „Moby-Dick“

Herman Melville: „Mardi und eine Reise dorthin“, Manesse-Verlag, München 2019, aus dem Englischen übersetzt und kommentiert von Rainer G. Schmidt.

Zum 200. Geburtstag des großen Romanautors und Erschaffers von „Moby-Dick“, Herman Melville, am 1. August 2019, legt der Manesse-Verlag sein opulentes, 813 Seiten umfassendes Werk „Mardi und eine Reise dorthin“ in der preisgekrönten Übersetzung von Rainer G. Schmidt und mit einem vollkommen neu überarbeiteten Anmerkungsapparat vor. 

Ein Traum, eine Südsee-Odyssee, ein Buch der Superlative, die liebevolle Gestaltung, ausgezeichnete Übersetzung und die so umfangreiche wie fundierte Kommentierung von Rainer G. Schmidt machen das Ganze zu einem Leseereignis. Grandiose Landschaftsbeschreibungen und Wolkendarstellungen erheben sich immer wieder vor dem geistigen Auge des Lesers: „Hoch aufgetürmt über den gesamten Westhorizont goldene und karminrote Wolken, Bögen, Gewölbe, Minarette der Luft, als ginge die maurische Sonne hinter einer riesigen Alhambra unter.“ Der heiter-ironische, bis hin zu Sarkasmus grenzende Tenor und die spannende Handlung tun das Übrige. Von der ersten Seite bis zum Schluss fesselnd. Philosophisches Gedankengut, spielerisch leicht vor Augen geführt. Sei es, wenn Melville räsoniert, dass ‚Glück nur in der Rückschau, vom Kummer her’, erfahrbar sei, wenn genügend Abstand vorhanden wäre: „Um eine blühende Landschaft wahrzunehmen, muss man sich aus ihr herausbegeben.“ Oder die immer wieder mit viel Humor gewürzten Überlegungen, was eigentlich den Menschen ausmacht: „Kommen unsere Träume von unten und nicht vom Himmel? Sind wir Engel oder Hunde? O Mensch, Mensch, Mensch, du bist schwerer zu enträtseln als Integralrechnung – und bist doch so einfach wie eine ABC-Fibel ...“ Im Übrigen treffend am Beispiel der Südsee-Bewohner der fiktiven Insel „Mardi“ vor Augen geführt, wo Repression, Despotismus und starre Hierarchien die Politik beherrschen. Zugleich Spiegelung der Unterdrückung der Völker bis heute, was nicht zuletzt die Aktualität des Werkes, seine unverbrauchte Vitalität ausmacht. 

Doch auch die zahlreichen Referenzen auf literarische Werke machen das Ganze zu einem Lesevergnügen. Etwa, wenn Melville ‚mit dem König auf seinem Thron’ auf Shakespeares „Macbeth“, anspielt, auf „Doktor Faust“, der ‚den Teufel erblickt’, oder in seinem 58. Kapitel die Zeile  „Über allen Gipfeln ist Ruh“ des Gedichts „Wandrers Nachtlied“ von Goethe variiert: „Ruh’ war über allen Wipfeln ...“(S.224).

Der Dichterfürst wiederum wird an anderer Stelle erwähnt, worin in punkto Religion als an das ‚alldurchdringende Prinzip, das auch Goethe und andere guthießen’, erinnert wird. 

Doch damit nicht genug. Natürlich sind auch jede Menge Episoden und Szenen nachzulesen, die bereits auf den Klassiker von Melville, „Moby Dick“, hinweisen. So, wenn an ‚das amerikanische Walfangschiff Essex’ erinnert wird, ‚das im November 1820 von einem Pottwal angegriffen und versenkt wurde und als eines der Vorbilder Moby Dicks gilt, oder wenn es heißt, dass westlich der Galapagos-Inseln fast niemand zu dem Archipel findet, „selbst Walfänger nicht, die sich sonst überall tummeln.“ In aller Ausführlichkeit beschreibt Melville einstige Segelschiffe oder bringt die „Gemeinschaft von Seeleuten“ nahe, die u.a. als „Kumpelwesen“ deklariert werden. Und selbstverständlich sind die eigentlichen Meereswesen auch in diesem Roman von Bedeutung: Neben verschiedensten Walarten, wie der bereits erwähnte Pottwal, werden Schwarzwale, Mörderwale ins Feld geführt ebenso wie sich auf mehreren Seiten diverse Thunfischarten, Riesenhaie, Fuchshaie, der Weiße Hai und viele mehr einfinden. Ein Unterwasseruniversum der besonderen Art. Und ein Lesespaß nicht nur für die Großen! 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Manesse-Verlag  

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Siehe auch Arie Anwar  "Kreise ziehen"  

Lesung: Herman Melville: „Mardi und eine Reise dorthin“, Manesse-Verlag, München 2019, aus dem Englischen übersetzt und kommentiert von Rainer G. Schmidt.

 

Am 4. August findet im Schloss Elmau anlässlich des 200. Geburtstags des Autors von "Moby Dick" Herman Melville eine Veranstaltung statt. Lothar Müller von der Süddeutschen Zeitung führt in Leben und Werk ein. Anschließend liest Thomas Loibl aus dem Roman "Mardi und eine Reise dorthin" 

 

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