Buchtipp des Monats November - Dezember 2019

  © Erna R. Fanger: 

Am Anfang steht das Anderssein 

Ilma Rakusa: Mein Alphabet“, Literaturverlag Droschl GmbH, Graz 2019

A wie „Anders“ steht in diesem poetischen Alphabet nicht nur für den Anfang, sondern scheint zugleich Programm zu sein. Denn das ist eine der ersten Erfahrungen der Autorin als Schulkind, festgehalten in diesem sehr persönlichen Buch: Sie ist anders als ihre Mitschülerinnen. Man zeigt mit dem Finger auf sie, grenzt sie aus. Sie hingegen bleibt „draußen am Zaun“. Dort lernt sie, was wesentlich für ihr späteres Leben als Schriftstellerin sein wird: zu beobachten, in Berührung mit der heilenden Kraft der Natur zu kommen ebenso wie mit ihren Träumen und ihrer Fantasie. Allesamt erweisen sie sich als tragende Kraft durch Schatten und Licht, von der die hier unter besagtem Motto versammelten Kurzprosatexte und Gedichte zeugen. 

Tauchen wir ein in die Lektüre, beginnt, jenseits von Hektik und Aufgeregtheit, die derzeit den öffentlichen Diskurs dominieren, eine andere Zeitrechnung. Nämlich die des Kairos, Zeit des Eingedenkens, statt des Kronos‘, des chronologischen, linearen Aspekts der fortschreitenden Zeit. Und eine eigentümliche, ja beinahe schon Sucht erzeugende Ruhe geht von den poetischen Miniaturen des Rakusaschen Kosmos‘ aus, getragen von einer Fülle an Referenzen an Literaturen und ihre Autoren, an bildende Kunst oder die Entdeckung auf Reisen unterschiedlicher Kulturen, an Naturbeobachtungen. Sei es die Erhabenheit ehrfurchtgebietender Berge, sei es die eher ängstigende Wildheit von ‚Atlantik, Pazifik und anderer Ozeane‘ im Gegensatz zum geliebten Mittelmeer der Kindheit in und um Triest.

Und wer einen Zipfel vom Paradies erhaschen will, möge der Lektüre des G wie Granatapfel folgen. Hier liegt die Schönheit besagter Frucht weniger im Auge des Betrachters als vielmehr an der sprachlichen wie faktischen Präzision, mit der Rakusa sie uns nahebringt. Sei es im Hinblick auf die changierende Farbvielfalt, dem Strahlen, „sein Kelchblatt wie ein Krönchen hochreckend“, oder wenn in seinen diversen ,Kammern mit rubinrot leuchtenden Perlen sich ein Schatzkästchen auftut‘. Wobei eine einzelne Frucht bis zu 400 Samen birgt – ‚an ein Wunder grenzend‘. Und wer einmal aus den Augen Rakusas Malewitschs „Schwarzes Quadrat auf weißem Grund« (1915)“ in Augenschein genommen hat, wird, wie Rakusa selbst, eines ‚Erweckungserlebnisses‘ teilhaftig, von dem sie uns wissen lässt: „… es initiierte mich in die gegenstandslose Malerei.“ Wobei die religiöse Diktion kein Zufall ist, vielmehr erfahren wir, dass dieses Schwarz, ‚in seiner Vieldeutigkeit vibrierend, für Malewitsch selbst Ikone war, die er wie ein Heiligenbild in seinem Haus aufhängte‘, wo man seinem ‚dynamischen Schweigen, seinem Rhythmus und seiner Erregung‘ huldigen konnte. 

Den Schluss bilden, dem Z gemäß, „Zwetajewa“ und „Zaun“. Marina Zwetajewa (1892-1941), die große russische Dichterin, Dramatikerin und Essayistin. „Fast bin ich mit ihr befreundet, so viele Jahre habe ich mich lesend und übersetzend mit ihr beschäftigt, sie in imaginären Gesprächen um Rat gefragt.“ Schwester im Geiste Rakusas, zugleich Art Spiegelfigur. Zu ihr entfaltet sich allein im Zuge der Herausgabe und Übersetzung ihrer Werke im Suhrkamp Verlag eine so innige Beziehung, dass man die beiden Poetinnen vor dem geistigen Auge zusammen sieht wie zwei eng miteinander vertraute Freundinnen: 

      »Marina!« Sie schaut mich an. Wachsam. Hinter der Wachsam-

      keit erkenne ich tiefe Müdigkeit. Aber es kommt keine Klage. Nur 

      der Satz, sie müsse noch auf den Markt. »Gehen wir zusammen.«

Last but not least „Zaun“, womit sich der Kreis schließt: „Sie hingegen bleibt „draußen am Zaun“ (siehe oben). Wobei sie zwischen dem poetischen Holzzaun und dem unerbittlichen aus Metall unterscheidet, wo kein Geflüchteter mehr durchkommt. Dem wiederum setzt sie ihr ganz eigenes Plädoyer entgegen: „„Ich plädiere für löchrige Zäune, die symbolisch einhegen. Wie ein zärtlicher Wink. Und dich zum Schauen einladen. Komm, komm …“

 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Literaturerlag Droschl in Graz 

Archiv

Siehe auch unseren aktuellen Sachbuchtipp:

Andrea Gerk – Moni Port: „FÜNFZIG DINGE,..

Buchtipp des Monats Oktober 2019

© Hartmut Fanger: 

Lesley Nneka Arimah  WAS ES BEDEUTET, WENN EIN MANN AUS DEM HIMMEL FÄLLT. Aus dem Englischen von Zoë Beck, CulturBooks Verlag, Hamburg 2019

"Was eine Erzählung ausmacht,, … dass … Hörer und Leser notwendig so und nicht anders denken können.“

Goethe an K. Streckfuß 27.1.1827

Die Nigerianische, in den USA lebende preisgekrönte Autorin Nneka Arimah versteht ihr Handwerk. Beleg dafür ihr literarisches Debut, der Erzählband mit dem originellen Titel „Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt“. Facettenreich, zugleich ungeschminkt und ungemein realistisch führt sie darin die harten Bedingungen in Nigeria, insbesondere in Lagos und Biafra im Südosten des Landes, vor Augen. Bis heute noch sind die Auswirkungen des Biafra-Kriegs spürbar.Und es bedarf nicht erst, sich der Story „Kriegsgeschichten“ zu widmen, um sich davon ein Bild machen zu können; hier sprechen die Zeilen des Dialogs zwischen der Ich-Erzählerin und deren Vater für sich: „Und was ist dann mit dem Lieutenant passiert?“, fragte ich und wollte eine andere Geschichte hören, die diese auslöschte. „Er starb, Nwando. Sie alle starben.“ „Und wieso bist du nicht gestorben?“ „Weil ich gerannt bin“, sagte er, „als es soweit war.“ Oder in der Titel-Erzählung „Was es bedeutet, wenn ein Mann vom Himmel fällt“, wo am Beispiel Kionis, der Ex-Freundin der Protagonistin, deutlich wird, was der Krieg in den Seelen der Menschen anrichtet: „Mit wie vielen Menschen hatte Kioni im letzten Jahrzehnt gearbeitet? Fünftausend? Zehn ...? Zehntausende Traumata in ihrer Psyche, die aneinander vorbeidrängten und um die Aufmerksamkeit ihres Wirtskörpers wetteiferten. Was würde geschehen, wenn man nicht vergessen könnte (...)“

Immer wieder kommt es zu bösen Überraschungen. So auch in der Geschichte mit dem sarkastischen Titel „Die Zukunft sieht gut aus“, wo die Schwester der von ihrem Mann misshandelten Protagonistin nur schnell deren Sachen abholen will, dabei jedoch von diesem kurzerhand erschossen wird. Oder wenn in „Wild“ eine aufmüpfige Teenagerin – von ihrer Mutter aus den USA nach Nigeria geschickt – dort das Leben ihrer eher angepassten Cousine aufmischt. Nur ein Beispiel für das konfliktive Verhältnis zwischen Mutter und  pubertierender Tochter –  weiteres zentrales Motiv. Eklatant kommt in ironischer Brechung die Abhängigkeit Letzterer in „Wer erwartet dich zu Hause“ anhand eines alten Liedes zur Sprache. Darin heißt es zum Beispiel: „Wohin gehst du?/ Ich gehe nach Hause//Was erwartet dich zu Hause?/Meine Mutter erwartet mich.//Was wird deine Mutter tun?/Meine Mutter wird mich segnen.//“ Immer wieder ist die Entfremdung zwischen Mutter und Tochter Thema, oft über Kilometer hinweg. Und auch der Tod fungiert hier mitnichten als versöhnender Katalysator. So in „Zweite Chancen“, wo eine Tochter, acht Jahre noch nach dem Tod ihrer Mutter, die konfliktive Beziehung zu dieser in einer Art Endlosschleife so variantenreicher wie unerbittlicher Präsenz immer wieder durchlebt. Wobei die Zahl Acht hier nicht von ungefähr zum Tragen kommt, steht sie doch in der Numerologie sowohl für das Leben nach dem Tod als auch für Unendlichkeit. Erlösendes Moment, wenn die Tochter es schließlich fertig bringt, die Mutter nach endlos anmutenden Kämpfen um Vergebung zu bitten.  

Gradlinig und schnörkellos erzählt, dabei kein Wort zu viel, sind die Geschichten Lesley Nneka Arimahs sperrig im besten Sinne, sprich sie widersetzen sich dem Leser und nötigen ihn, den differenzierten Realitäten, wie die Autorin sie entwirft, unvoreingenommen im Text zu folgen. Wobei sie nie ganz preisgeben, was sie zu sagen haben. Vielmehr erfüllen sie, was schon Goethe von Erzählungen erwartete, nämlich, ‚dass Hörer und Leser’ in dem Moment der Lektüre ‚notwendig so und nicht anders denken können’. 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem CulturBooks Verlag in Hamburg 

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Siehe auch unseren aktuellen Sachbuchtipp:

Andrea Gerk – Moni Port: „FÜNFZIG DINGE,..“   

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